Die Raumplanung muss auf die neue ökonomische Dynamik eingehen.

Die Ökonomie des Raums

Agenda Raum Schweiz 2040 – damit führt Hochparterre den Diskurs für ein neues Raumkonzept Schweiz. Heute: Die Produktion schwindet. Die Raumplanung muss auf die neue ökonomische Dynamik eingehen.

Jahrzehntelang basierte die Raumplanung auf der Vorstellung einer produktiven Wirtschaft. Schematisch ausgedrückt, sind die Arbeitsplätze der Exportwirtschaft die treibende Kraft, hauptsächlich in der Industrie, aber auch bei einigen Dienstleistungen. Sie werden traditionell in Unternehmen in Industriezonen konzentriert, die sich in der Regel deutlich vom Rest des Gebietes abgrenzen. Diesen Arbeitsplätzen, die Einkommen von ausserhalb bringen, nachgelagert sind die lokalen Dienstleistungen, die mit dem Konsum in der Region verbunden sind: Einzelhandel, Verwaltung, Bildung, Gesundheit, Bau- und Immobilienwirtschaft und kulturelle Aktivitäten. Aus diesem Blickwinkel besteht die räumliche Planung vor allem aus zwei Dingen: erstens aus der Organisation des Verkehrs zwischen den Orten, an denen die Menschen leben sowie den Orten, an denen die Produktion konzentriert ist, und zweitens aus der Organisation des Konsums der Bewohner durch Einkaufszonen, Stadtzentren, Dienstleistungen in den Stadtteilen. Planung ist keine Wirtschaftspolitik, da sie die Produktion nicht anregt – oder nur durch die Bereitstellung von Flächen in Industriegebieten. Heute wird dieser Ansatz radikal in Frage gestellt.

Digitalisierung und Verbrauchermobilität
Städte und Regionen sind zu Konkurrenten geworden, weil die Verbraucher viel unabhängiger vom Standort der Arbeitsplätze und viel mobiler geworden sind. Die ersten Jahrzehnte der Digitalisierung und insbesondere der Wechsel zu mobilen Endgeräten haben die Entwicklung der individuellen Mobilität gefördert. Die räumliche Aufteilung des Konsums ist zu einem zentralen Prinzip der räumlichen Entwicklung geworden. Erst in den letzten Monaten der Pandemie hat sich die Telearbeit zu einem Ersatz für die Mobilität entwickelt, mit einem wahrscheinlich irreversiblen Rückgang des Geschäftstourismus und einem deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Büroflächen in Unternehmen.

Wohn-, Präsenzielle-- und Erlebniswirtschaft
Die produktive Wirtschaft ist durch die Zirkulation von materiellen Gütern und die Übertragung ihres Eigentums auf dem Warenmarkt gekennzeichnet. Der Wert traditioneller Dienstleistungen hängt von der Zeit ab, die der Produzent mit dem Kunden verbringt. Bei einem grossen Teil dieser Dienstleistungen (Unternehmensdienstleistungen, Banken, Versicherungen) finden die Aktivitäten nicht in Anwesenheit der Kunden statt. In den letzten fünfzehn Jahren haben sich vor allem die Face-to-Face-Dienste entwickelt. Ihr Wert hängt hauptsächlich vom Engagement des Verbrauchers ab – von seiner Zeit, aber auch von seinen Fähigkeiten und seinem Körper. Das heisst von der physische oder digitalen Präsenz der Konsumenten. Die Plattform-Ökonomie, Tourismus, Freizeit, kulturelle Aktivitäten und die höhere Bildung sind zunehmend erlebnisorientierte Aktivitäten. Sie zeichnen sich durch eine Zahlung aus, die nicht mehr an die Zeit des Produzenten gekoppelt ist, sondern eine Art Paket, eine Pauschale, darstellt: Eintrittskarte für einen Freizeitpark, Anmeldegebühr für eine Schule, Abonnement für eine digitale Plattform, Preis für ein Hotelzimmer in einem Ferienort. Der Preis ermöglicht den Zugang zu einem Gebiet, das für den Verbraucher einen potenziellen Wert darstellt.

Diese Präsenz- oder Erlebniswirtschaft ist diejenige, die von der Pandemie am stärksten betroffen ist. Das Angebot des Raumes – Restaurants, Einkaufsviertel, Touristenorte, Stadien – ist unelastisch. Andererseits ist die Nachfrage nach diesen Tätigkeiten durch die Digitalisierung und die Mobilität der Verbraucher extrem volatil geworden – in diesem Fall hat die Pandemie innerhalb weniger Tage einen Einbruch dieser Nachfrage verursacht.

Zwischenstädtischer Wettbewerb
Das Problem der territorialen Ökonomie besteht also darin, dass sich neben einer stabilen Nachfrage der weniger mobilen Einwohner eine hochmobile und damit schwankende Nachfrage entwickelt hat, die zu zeitweiligen oder kontinuierlichen Konzentrationen führt, mit Übertourismus oder Überlastungen von attraktiven Regionen und schwerwiegenden Ausfällen in unattraktiven Gebieten – in Industrieregionen, Wohnvororten und verstädterten Talböden. Diese Erlebnisorientierung des Wirtschaftens, gepaart mit Mobilität, bedeutet, dass Städte und Regionen nicht mehr aufteilen, sondern die unterschiedlichen Ansprüche und Angebote des Territoriums verbinden müssen. Die Region ist sowohl ein Produktions- als auch ein Lebensraum; die Nachfrage nach dieser Region ist sowohl lokal als auch überörtlich. Die beiden Hauptkonflikte, die sich aus der Mobilität der Verbraucher ergeben, müssen gelöst werden. Erstens sind die produktiven Aktivitäten immer noch abstossend für die Bewohner, aber auch für Touristen. Wer mag schon Industrielandschaften, Infrastrukturen für Transport oder Energieerzeugung, Industriebrachen, intensive Landwirtschaft? Zweitens sind mobile Konsumenten – die Rentner, Touristinnen, Einkäufer – in der Regel reicher als Einheimische und Arbeiter. Dies führt zu Spannungen und Verdrängungseffekten, insbesondere durch die Mietpreise.

Und so heisst die Frage: Welche sozialen Akteure sind in der Lage, an diesen Gegensätzen zu arbeiten und sie in Synergien zu verwandeln? Grundsätzlich arbeiten die Stadtplanerinnen und -entwickler an der Verteilung der Erträge der Stadt. Die gesteigerte Mobilität der Verbraucher kann zusätzliche Verkehrsströme mit sich bringen, die es zu bewältigen gilt, sie kann aber auch Einkommen in andere Bereiche abfliessen lassen. Die Planung muss nicht nur die Erträge verwalten, sondern sie auch regenerieren, indem sie das Gebiet attraktiv macht und gleichzeitig die Lebensqualität der Einwohner und die Wettbewerbsfähigkeit erhält sowie kurze Wege in Bereichen wie Ernährung und Energie fördert. Die alte Arbeitsteilung zwischen öffentlicher Planungspolitik, die verantwortlich war für die Verteilung des Wachstums, der Wirtschaftsförderung, mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und dem Tourismus, der sich um die Attraktivität kümmert, kann nicht länger isoliert voneinander funktionieren. Es hat keinen Sinn, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und gleichzeitig die Lebensqualität zu verschlechtern, denn die Menschen werden woanders leben und Geld ausgeben. Es hat keinen Sinn, Touristen anzulocken, wenn dadurch die Region ihre Einwohnerinnen verliert. Es ist daher notwendig, dass alle drei Politikbereiche auf der Grundlage von breiteren Umfeldern arbeiten, die einen territorialen Erfahrungswert fördern können, der über die traditionellen Kategorien von Arbeit, Wohnen und Freizeit hinausgeht.

In der Praxis wird dieses Koordinationsziel noch bei weitem nicht erreicht - hier sind drei Beispiele, die in diese Richtung weisen.

1) Der regionale Masterplan Gruyère: Die Leitlinien des regionalen Richtplans (RPR) für das Greyerzerland berücksichtigen die Vielfalt der Wohn-, Tourismus- und Umweltdynamik, die heute die wirtschaftliche Entwicklung der Region unterstützt, die früher hauptsächlich landwirtschaftlich und dann industriell geprägt war (Rime 2020). Der RRP ist ein konkretes Umsetzungsinstrument mit konkreter Wirkung auf die Raumplanung.

2) Innovative Dreh- und Angelpunkte innerhalb der kantonalen Verwaltungen: die Ansiedlungspolitik des Kantons Neuenburg besteht in der Einrichtung einer innovativen Drehscheibe innerhalb der kantonalen Verwaltung mit dem Ziel, verschiedene kantonale Politiken (Wirtschaft, Beschäftigung, Wohnen, Migration, territoriale Entwicklung usw.) zu koordinieren, um die Wohnattraktivität zu entwickeln.

3) Modellprojekte für eine nachhaltige Raumentwicklung: Leitmassnahme der "Kohärenten Raumentwicklung" des Bundes (KoRE). Das experimentelle Programm der Modellprojekte zielt darauf ab, neue Entwicklungsansätze zu entdecken und diese zu vervielfältigen. Die thematischen Achsen, insbesondere der aktuellen Projektgeneration (2020-2024), problematisieren explizit die Notwendigkeit einer sektorübergreifenden Koordination und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen institutionellen Ebenen.

*Delphine Rime arbeitete als Forscherin und Dozentin an den Universitäten Neuenburg, Lausanne und Bern. Seit 2019 arbeitet sie im SECO (Neue Regionalpolitik). Die Autorin schreibt in ihrem eigenen Namen.

*Olivier Crevoisier ist Professor für Regionalwirtschaft an der Universität Neuchâtel. Er beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen territorialer Entwicklung und Innovation, Finanzmärkten, Tourismus und Immobilien.

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