Agenda Raum Schweiz 2040: ein Lob der strategischen Kartografie und fiktive Konzepte zu Landschaft und Region.

Karten anders lesen

Agenda Raum Schweiz 2040 – damit führt Hochparterre den Diskurs für ein neues Raumkonzept Schweiz. Heute: ein Lob der strategischen Kartografie und fiktive Konzepte zu Landschaft und Region.

Das Raumkonzept Schweiz ist in die Jahre gekommen – heisst es. Aber was bedeutet es, wenn Strategiepapiere altern? Strategiepapiere sind Karten, die nicht den Ist-Zustand abbilden, sondern in die Zukunft weisen. Philipp Blom schrieb neulich in NZZ Geschichte Nr.35 über die «Versuchung der Karte». Karten, so der Historiker, führten uns in Versuchung zu vergessen, dass sie «nützliche Fiktion» sind. Ob Landkarten oder strategische Projektion, sie sind «nur dann nützlich, wenn sie die Welt nicht so abbilden, wie sie ist». Ihre Aufgabe ist vielmehr, in unbekanntem Gelände Orientierung zu geben. Das Raumkonzept Schweiz von 2012 hat sich mit seinem Blick auf die Schweiz als Ganzes – so mein Fazit im Jahr 2021 – in seiner Funktion als «Wegweiser» bewährt. Es hat Ankerpunkte gesetzt, die – heruntergebrochen auf die verschiedenen Handlungsebenen der räumlichen Entwicklung – Orientierung gegeben haben – so wie Karten das mit den ihnen eigenen Vereinfachungen und Verkürzungen tun sollen.

Das 2019 vom Rat für Raumordnung (ROR) publizierte Konzeptpapier «Megatrends und Raumentwicklung Schweiz» betrachtet sieben Jahre nach dem Raumkonzept die Schweiz als Ganzes. Dieses entwirft bereits ein Zukunftsbild für die Schweiz im Jahr 2040, das den Megatrends Globalisierung, Digitalisierung, Individualisierung sowie demografischem Wandel und Klimawandel Rechnung zu tragen sucht. Die ROR-Publikation, die sich unter anderem auf die fortlaufenden Analysen und Konzepte des Bundes stützt, konnte mit der Ausformulierung der Raumtypen an die Handlungsräume des Raumkonzepts anknüpfen. Eine polyzentrische Raumentwicklung, regionale Verschiedenheit und das Postulat einer verstärkten Zusammenarbeit in funktionalen Räumen sind auch unter dem Einfluss der identifizierten Megatrends wichtige Handlungsleitlinien, wie sie bereits im Raumkonzept Schweiz wegweisend waren. Die Sorgfalt der strategischen Dokumente im Bereich Raumplanung sticht allenthalben ins Auge. Und sie werden, obwohl nicht bindend, sondern eben «nur» orientierend, ernst genommen, so dass die Strategiepapiere der Staatsebenen aufeinander bezogen werden und sich die Anwendungs- und Umsetzungserfahrungen der verschiedenen Handlungsebenen darin widerspiegeln. Ein Abgleich zwischen Konzepten und Realitäten findet schweizweit statt und der zugehörige Diskurs wird auf hohem fachlichem Niveau geführt.

Und doch erlaubt es die Fiktionalität der Karte auch, vom Bewährten abzuweichen und nicht nur zu bestätigen, korrigieren, erweitern und zu entwickeln, was konzeptionell so sorgfältig angelegt ist. In Bezug auf die Strategien des Raumkonzepts Schweiz möchte ich an zwei Stellen dazu anregen, Karten auch einmal etwas anders zu zeichnen. Und so möchte ich auch nicht mit der ersten, sondern mit der zweiten Strategie beginnen.

Die Siedlung als Landschaft gestalten
Die zweite Strategie des Raumkonzepts stellt die Aufwertung von Siedlungen und Landschaften ins Zentrum. Neben der haushälterischen Bodennutzung und qualitätsvollen Siedlungsentwicklung ist vor allem die frühzeitige Berücksichtigung der Landschaften gefordert. Gesichert werden sollen regionale Vielfalt, natürliche Ressourcen und Kulturland (Raumkonzept Schweiz, S. 43 ff.). Was ist daraus geworden? Mit dem Inkrafttreten der ersten Teilrevision des Raumplanungsgesetzes 2014 wurden die gesetzlichen Voraussetzungen für eine haushälterische Bodennutzung geschafften, die zweite Teilrevision mit ihren konkreten Regelungen für das Bauen ausserhalb der Bauzone ist in der Vernehmlassung.

Die Landschaft, ist hier, wie auch in den Dokumenten zu Trends oder Megatrends, das von der Siedlung Bedrohte, etwas, das im Rückzug begriffen ist und raumplanerisch verteidigt werden muss. Einen anderen Blick erlaubt das Landschaftskonzept Schweiz von 2020. Dieses definiert Landschaft als «das Produkt der jeweiligen physischen Umgebung und der Art und Weise, wie Menschen die¬se wahrnehmen und erleben.» Und das heisst in der Konsequenz, Landschaft schliesst urbane, periurbane wie auch ländliche Räume ein. Und weiter: «Landschaften sind dynamische Wirkungsgefüge und entwickeln sich aufgrund natürlicher Faktoren und durch die menschliche Nutzung und Gestal¬tung stetig weiter.» Damit wird es zur Aufgabe, ökologische, soziokulturelle und ästhetische Qualitäten und Landschaftsleistungen auch in den – nicht mehr metaphorisch zu verstehenden – «Siedlungslandschaften» und in sogenannten «Alltagslandschaften» zu identifizieren und zu gestalten.

Wie sieht eine strategische Karte der Schweiz aus, wenn die Landschaft zum umfassenden Begriff wird und die Siedlungen ein Teil derselben? Was, wenn wir eine somit allgegenwärtige Landschaft nicht mehr von ihrem Gegenspieler Siedlung als bedroht und dadurch kränkelnd be-zeichnen, sondern sie – im Sinne einer Salutogenese, der Entstehung und Erhaltung eines guten, förderlichen Zustands – als Zusammenspiel von Kultur und Natur gestalten? Wird die Landschaft nicht mehr nur typologisch definiert, sondern auch in menschlichem Erleben und Wahrnehmen, geht es auch darum, zu einer kollektiven Verständigung darüber zu gelangen. Denn von unserem Blick auf die städtische Landschaft, so Anne Brandl jüngst in der NZZ, hängt es ab, «ob wir den öffentlichen Raum als übrig gebliebenen Rest individueller Bauvorhaben oder als wichtiges Kollektivgut sehen [und] ob die Magerwiese für uns potenzielles Bauland oder biodiverse Oase ist». Und somit auch die Antwort auf die Frage, was es braucht, damit die alpinen, ländlichen, verstädterten und städtischen Landschaften, in denen wir leben, wohnen und arbeiten, ihre ökologischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Leistungen zum Wohle aller erbringen können.

Regionen als disparate Räume denken
Kehren wir zurück zur Strategie 1 des Raumkonzepts Schweiz, in welcher der polyzentrischen Raumentwicklung der Schweiz Rechnung getragen wird. Die hier fallenden Stichworte sind: regionale Vielfalt und Zusammenarbeit in funktionalen Räumen (Raumkonzept Schweiz, S. 35 ff.). Diesem Ansatz ist auch das ROR-Dokument «Megatrends und Raumentwicklung Schweiz» von 2019 verpflichtet. Würde man die Schweiz als Gravitationsfeld lesen, so kommen beide Dokumente zum Schluss, dass die Städte die wesentlichen Gravitationszentren bilden. Das ROR-Konzept setzt jedoch im Mittelland auf eine ausgleichende Kraft durch ein Bündnis der kleineren Städte, das nicht im Sog der ausgreifenden Metropolitanräume des Raumkonzepts Schweiz aufgeht. Ebenso wird in den alpinen Räumen den bandartig verbundenen Kommunen im Rhonetal, im Rheintal, im unteren Reusstal und in der unteren Leventina eine gewisse Kraft und dadurch Sichtbarkeit zugeschrieben. Auch der gesamte Jurabogen oder voralpine Räume wie das Toggenburg, oder das Entlebuch sind im Gravitationsfeld Schweiz mit ihren eigenen, wenn auch weniger starken Dynamiken erkennbar.

Hieran knüpft sich die Frage: Wie liesse sich das Regionale anders denken? Ist es richtig, das Regionale nur in funktionalen Räumen zu denken, oder lassen sich in Bezug auf die kulturelle Identität, die von der Kultur-Geschichte ebenso geprägt ist wie von der Entwicklungsperspektive der Zukunft, nicht Regionen denken, die ihre «Gravitations-Kraft» aus dem Zusammenspiel unterschiedlich entwickelter Räume ziehen? Dieser Gedanke liegt dem Konzept einer «Smart Region Zentralschweiz» zugrunde. Die Hochschule Luzern hat dazu ein strategisches Projekt ins Leben gerufen, das zum Ziel hat, die kulturelle Identität der Zentralschweiz zu nutzen, um das räumlich Disparate zusammenzudenken und aus den Unterschieden im Gravitationsfeld neue Kraft zu ziehen. Hier erscheint die Zentralschweiz exemplarisch als Abbild anderer Regionen – in ganz Europa –, deren Teilräume in ihrer Disparität komplementär gedacht – und beplant – werden könnten. Nimmt man die dritte Strategie des Raumkonzepts Schweiz hinzu, die für eine bessere Abstimmung von Verkehr, Energie und Raumentwicklung plädiert (Raumkonzept Schweiz, S. 53 ff.), so kann gerade die Art und Weise, wie Mobilität und Energieumwandlung, -versorgung und -speicherung Netzwerke bilden, helfen, räumliche Disparitäten zum Vorteil zu nutzen.

Dies entspräche auch den Zielen der Energiestrategie 2050, welche unter anderem Dekarbonisierung vermehrt durch dezentrale Energieversorgungsstrukturen erreichen möchte, die jedoch, bei aller Teilautonomie, miteinander ein übergeordnetes Netz bilden. Das Denken in Netzwerken und ihren Teilsystemen erlaubt einen anderen Blick auf räumliche Disparitäten, da zunehmende Vernetzung zur Ubiquität beiträgt. Dies erlaubt es, dass auch entlegene Standorte Teilfunktionen übernehmen können, die bislang an grössere Zentralität gebunden waren.

Diese Perspektiven – und es gäbe derer noch so manche – könnten helfen, für eine Neuauflage des Raumkonzepts Schweiz weniger nur in Kontinuitäten zu denken, wie es das ROR-Dokument explizit tut (S. 4), sondern sich auch mit Disruptivem auseinanderzusetzen. Dass wir hierzu allen Anlass haben, hat uns die Corona-Pandemie gelehrt, in der gerade auch die Konzepte von Raum und Ort neue Bedeutungen erhalten haben. 

* Ulrike Sturm ist Architektin. Sie studierte zuvor Philosophie, Germanistik, Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft. Sie ist Professorin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit und leitet das Institut für Soziokulturelle Entwicklung und sie ist Co-Leiterin des Interdisziplinären Themenclusters Raum & Gesellschaft.

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