Im Dichtedschungel: Diese Illustration von (ab)Normal führt in die Ausstellung am S AM in Basel ein.

Dichte für Anfänger

Mit der Ausstellung «Dichtelust» spricht das SAM in Basel vor allem Laien an. Deren Emotionen nimmt sie aber – mit Blick auf die Zersiedelungs-Abstimmung im Februar – zu wenig ernst.

Die Schweiz ist nicht dicht. Doch will sie weiter wachsen, muss sie näher zusammenrücken. So will es die Zersiedelungs-Initiative, über die die Bevölkerung am 10. Februar abstimmt. Als möchte das Schweizerische Architekturmuseum den Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Mut machen, hat Andreas Kofler in Basel die Ausstellung «Dichtelust» kuratiert. Der Titel antwortet auf das Geschwafel vom «Dichtestress», der angeblich die Vorörtler plagt. Eine halluzinogene Illustration, auf der Hochhäuser aus einer Flusslandschaft wuchern, beruhigt besorgte Besucher gleich am Anfang: Dichte ist poppig, kunterbunt, hipp. Schwarz-weiss fährt die Ausstellung weiter und haut den Besuchern 25 vielbekannte Bauten vom Zwicky-Areal bis zum Campus Muttenz um die Ohren, die alle beweisen: Dichte ist gut. Dichte macht architektonisch kreativ. Dichte fördert die Gemeinschaft.

Soweit, so gut. Doch damit macht es sich die Ausstellung gar einfach. Zwar stellt die Schau Areale vor, auf denen sich Basel verändert, also verdichtet. Und historische Gemälde fächern den Begriff in Nutzungsdichte, Bebauungsdichte oder Ereignisdichte auf. Was diese aber heute für Architektinnen, für Bauherren, für Bewohnerinnen bedeuten, bleibt unklar. Fachleute werden in der Ausstellung darum nicht viel Neues lernen. Und viele Fragen, die Laien unter den Nägeln brennen, bleiben unbeantwortet: Was, wenn der Nachbar die Aussicht verbaut, Kinder im Hof lärmen, Ersatzneubauten die Mieten hochtreiben? Und wie dicht ist dicht überhaupt? Wie viel dichter wird es? Wann ist es zu dicht?

Didaktisch wertvoll sind die zehn Tafeln, die die Vorzüge der Dichte mit Grafiken erläutern und Begriffe wie Ausnützungszahl, Mehrwertabgabe oder 10-Minuten-Nachbarschaft erklären. «Wer dicht baut spart Ressourcen und schafft Freiräume», steht da. Oder: «Wer dich baut, vernetzt die Stadt.» Schön und gut. In Frage stellt das kein Planer mehr im 21. Jahrhundert. Doch spätestens wenn man liest, dass «dichtere Städte das natürliche Bedürfnis nach menschlicher Nähe» erfüllen, stutzt man skeptisch. Dicht heisst nicht zwangsläufig belebt. Und nicht alle wollen in genossenschaftlicher Nähe zueinander leben. Ganz so einfach ist die Sache also nicht. Wer aber die Dichteängste der Bevölkerung nicht ernst nimmt, hat es schwer in einer direkten Demokratie. Laut der ersten SRG-Umfrage sollte es im Februar trotzdem klappen: 63 Prozent der Befragten sprachen sich im Dezember für die Zersiedelungs-Initiative aus.

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