Hochparterres Chefredaktor Köbi Gantenbein.

Die sechsspurige Autobahn

Die NZZ am Sonntag spurt vor, Radio und TV fahren mit, viele sind entsetzt: Die Schweiz voller sechsspuriger Autobahnen? Doch es ist nicht aller Tage Abend. Der Widerstand gegen die Strasse wächst.

Die NZZ am Sonntag hat am letzten Sonntag für Aufregung gesorgt: Sechsspurig kreuz und quer durch die Schweiz soll es künftig gehen. Auf der Front und im Blatt fasste Daniel Friedli, die «Langfristperspektive Nationalstrassen» zusammen, die der Bundesrat im September als Teil seiner Autobahnvorlage veröffentlicht hat. Es ist ja bemerkenswert (und beneidenswert), wie ein offizieller Bericht Wochen später für einen Primeur sorgt, den etliche Medien übernehmen, den der TCS selbstverständlich mit Applaus begrüsst, den die Landschafts- und Umweltleute entsetzt kommentieren und den die vernünftigen Menschen mit Kopfschütteln lesen: Sechsspurige von Ost nach West und von Süd nach Nord, und ebenfalls auf neuen Autobahnen rund um Zürich? Und weil nebeneinander vielleicht kein Platz ist, hat Jürg Röthlisberger, der Chef des Bundesamtes für Strassenbau, ja schon ein paar Wochen vor dem Bericht des Bundesrates die Idee lanciert, dass die Autobahn künftig statt neben- übereinander zu bauen sein werde.

Es ist ein heiteres Paradox der neueren Schweizer Geschichte. Mit viel Kraft und Speuz haben Land und Gesellschaft in den Sechziger Jahren das Autobahnnetz ins Land gezeichnet und teils gebaut. Sein Ziel war, den Autoverkehr als Segen des Fortschritts zu fördern. Das Ziel war politisch hoch legitimiert und ist physikalisch nachvollziehbar: je breiter die Röhre, desto tüchtiger der Durchschuss. Kein Bauwerk hat die Schweiz denn auch so verändert wie die Nationaltrasse. Und sie war ein voller Erfolg: Die Staustunden haben von 2000 bis 2016 von 7'000 auf 26'000 zugenommen. Viel mehr als Platz haben, wollen fahren.

Politisch aber verliert die Idee die Unterstützung. Der Widerstand wächst, je bodenständiger die Visionen werden. Gewiss, der Kampf um den Ausbau der Gotthard-Autobahn ging verloren, aber je näher die Strassenbauerei – ob Autobahn oder Kantonsstrasse – den Siedlungen kommt, umso entschiedener wird der Widerstand. In Biel, wo eine die Stadt zerstörende Schneise fertig geplant ist, geht gar nichts; in Zug hat die Bevölkerung eine megalomane Unterquerung der Stadt an der Urne angelehnt; im Zürcher Oberland steckt die Strassenbauerei seit Jahren im Schilf fest; in Luzern, wo mit einem ‹Bypass› der Verkehrsinfarkt kuriert werden soll, wächst der Widerstand. Und es gibt ja auch leise Hoffnung, dass nach der flotten Automobilistin Doris Leuthard Bundesrätin Sommaruga als neue Strassenministerin strassenkritischer ist.

Doch die nächste, konkrete Auseinandersetzung wartet in Zürich, wo die Regierung dem Kantonsrat vorschlagen will, einen Rosengarten-Tunnel für über 1 Milliarde Franken zu bauen – 600 Meter Strasse vom Escherwyss- zum Bucheggplatz. Im März wird das Parlament das Vorhaben wohl beschliessen, das Behörden- und das Volksreferendum sind ihm so sicher wie das Amen in der Kirche.

Kommentare

Susanne Zollinger 15.01.2019 15:52
Danke für die pointierte Zusammenfassung zum Thema Mobilität! Die Frage wie es mit der Mobilität in der Schweiz weitergehen soll, muss so bald wie möglich jenseits ideologischer Gräben und unter Teilnahme einer der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Es braucht einen breit abgestützten Konsens und eine koordinierte und integrierte Strategie, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich und sozial nachhaltig wirkt und Alternativen zum ideologischen Geplänkel des Bundesrates darstellt. Diesem kann zu Gute gehalten werden, dass er mit den provokativen Ideen aus der Mottenkiste die längst fällige Diskussion lanciert hat! Vielleicht war dies ja auch die Absicht?
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