Trotz allem: Der Wohnbalkon bietet Ausblick und Rückzugsmöglichkeiten

Unheimliche Nachbarschaft

Die Asylgesetzrevision bringt den Bau von neuen Bundesasylzentren mit sich. In Altstätten wohnen die Asylsuchenden neben Gefängnis und Schiessplatz. Ruprecht Architekten tun das Mögliche.

Es ist doch bemerkenswert, wie gesellschaftliche Verhältnisse auch heute noch ungefragt ihren Niederschlag in der gebauten Umwelt finden. Zwar mag die Unterscheidung von profanen und sakralen Räume im Zuge von Säkularisierung und Individualisierung an Bedeutung verloren haben. Zwar verschwinden auch, um Michel Foucault zu zitieren, die Krisenheterotopien aus unserer Gesellschaft. Sie werden aber – auch das liest man im berühmten Aufsatz des französischen Philosophen über Andere Räume – abgelöst von Abweichungsheterotopien: Bauten, in die man die Individuen steckt, «deren Verhalten abweichend ist im Verhältnis zur Norm. Das sind die Erholungsheime, die psychiatrischen Kliniken; das sind wohlgemerkt auch die Gefängnisse, und man müsste auch die Altersheime dazu zählen, die an der Grenze zwischen der Krisenheterotopie und der Abweichungsheterotopie liegen».

Dazu zählen darf man weiter die neuen Bundesasylzentren der Eidgenossenschaft, die ab März 2019 das beschleunigte Verfahren gemäss Asylgesetzrevision 2016 unterstützen sollen. Auch die Bundesasylzentren liegen im Grenzbereich zwischen Krisen- und Abweichungsheterotopie, befinden sich die dort untergebrachten Asylsuchenden doch offensichtlich in einer Krise, und weicht die Form ihres Alltags gleichzeitig von der gesellschaftlichen Norm ab.

Ein Bundesasylzentrum erhält darum einen gesonderten Ort im Raum des öffentlichen Lebens, es befindet sich am Rand oder ausserhalb der belebten Ortschaften, Ein- und Auslass sind reglementiert. Exemplarisch ist dies zu beobachten am Projekt für das Bundesasylzentrum in Altstätten (SG), das für die Abwicklung der Verfahren in der Asylregion Ostschweiz zuständig ist («Bundesasylzentrum mit Verfahrensfunktion» bedeutet, dass der Neubau sowohl Arbeitsplätze für Mitarbeitende des Staatssekretariat für Migration und Externe (106) als auch Unterkunftsplätze für Asylsuchende (390) anbietet; die räumliche Nähe aller beteiligten Akteure soll «rechtsstaatlich faire, aber raschere Asylverfahren ermöglichen»).

Links das Gefängnis, rechts das Bundesasylzentrum

Zu liegen kommt das Bundesasylzentrum Altstätten inmitten der Landwirtschaftszone, südlich des historischen Städtchens im St.Galler Rheintal, nur wenige hundert Meter von der österreichischen Grenze entfernt. Auf dem weiten einsamen Feld gibt es zwei direkte Nachbarn: die Schiessanlage Hädler und das Regionalgefängnis Altstätten, das in den nächsten Jahren mit einem Bau von wulf architekten erweitert wird (wir erinnern uns an den vieldiskutierten Wettbewerbsbeitrag). Für die Standortwahl gibt es bestimmt viele pragmatische Gründe. Sie spricht dennoch Bände.

Die Ausgangszeiten des Bundesasylzentrums sind auf die Zeit von 9 bis 17 Uhr beschränkt, die Asylsuchenden melden sich beim Eingang an und ab. Maximal sollen sie 140 Tage im Bundesasylzentrum verbringen, durchschnittlich rechnet man mit 30 bis 50 Tagen. Als Alleinreisender ist man in einem 10er-Zimmer (45 m2) untergebracht, als Familie in einem 4er- oder 6er-Zimmer (18 bzw. 27 m2).

Für die Projektfindung führte das Bundesamt für Bauten und Logistik einen Gesamtleistungswettbewerb im selektiven Verfahren durch. Die Wirtschaftlichkeit (Investitions- und Lebenszykluskosten) wurde in der Bewertung mit 30 Prozent gewichtet, ortsbauliche, architektonische und betriebliche Aspekte kamen ingesamt auf 60 Prozent, die Flexibiliät der Struktur für allfällige Nutzungsänderung auf 10 Prozent.

Ein «Dorfplatz» als Ort des Austauschs und der Begegnung

Die gute Nachricht ist, dass das mit dem ersten Rang ausgezeichnete Projekt von Ruprecht Architekten und Blumer Lehmann (Generalplaner) nicht nur «die beste Durchschnittsnote über alle Kategorien» erreichte, sondern auch auf der Ebene von Ausdruck und Bedeutung eine angemessene architektonische Antwort auf die herausfordernde Aufgabe fand. Unterstreichen Betrieb und räumliche Situierung des Neubaus nolens volens seine Sonderbarkeit, setzt der Entwurf von Ruprecht Architekten als Gegenreaktion auf freundliche Normalität. Weitere Qualitäten werden im Jurybericht gennannt: die einfache Gliederung in Administrationstrakt, Wohntrakt und eingeschossige Volumina für die Tagesaktivitäten (Betreuung, Verpflegung und Beschäftigung), welche gleichzeitig vielfältige räumliche Situationen innerhalb des Zentrums schafft, die Wegführung über den Aussenraum, der Laubengang, der genügend breit ist, dass er auch als Balkon in der Abendsonne dient etc. 

Ohnehin darf man der Jury eine sensible Begutachtung der Entwürfe zugute halten. Die Wohnlichkeit spielte dabei genauso eine Rolle wie die Nachbarschaft, die im Erläuterungstext des Siegerprojekts recht zutreffend als «wenig heimelig» beschrieben wird. Ruprecht Architekten bieten als Ersatz einen «Dorfplatz» zwischen Verwaltungs- und Wohntrakt, gefasst von den eingeschossigen Pavillons für Verpflegung und Beschäftigung, geöffnet zum Fussweg, der an den Teich und zum Sportfeld führt. Auf den Dorfplatz blickt auch die Balkonschicht des Wohngebäudes, während die Schlafzimmer gegen Osten gerichtet sind – vom Schiesslärm abgewandt.

Selbst unbestrittene Werte wie Wohnlichkeit und Aufenthaltsqualität haben bei einem Bundesasylzentrum allerdings einen merkwürdigen Beigeschmack: «Durch eine attraktive Gestaltung» so liest man in der Aufgabenstellung, «sollen die täglichen Bewegungen [der Asylsuchenden] in die umliegenden Dörfer und Städte reduziert werden.»  

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