Die eine Hälfte des Wettbewerbsquartetts: Moderator Ivo Bösch und Architektin Pascale Guignard lauschen den Ausführungen zur «Charrette» in Regensdorf

Diskussionsfreudige Runde

Zum vierten Mal fand gestern Abend das Wettbewerbsquartett statt. Gäste und Publikum debattierten über das Zürcher Guggach-Areal, den Gemeindesaal in Arlesheim und die «Charrette» in Regensdorf.

Gestern Abend tagte das Wettbewerbsquartett. Es tagte in den Räumlichkeiten des Kulturparks in Zürich West: für die Podiumsdiskussion im «Saal», der insbesondere seiner angenehmen Akustik wegen gelobt wurde, für den anschliessenden Apéro im «Lilly Jo», einem Deli und Café, wo den zahlreich erschienenen Gästen nach zwei Stunden engagierter Diskussion Getränke und Brötchen gereicht wurden. Auf das Podium war neben den festen Kritikern Peter Ess, Pascale Guignard und hochparterre.wettbewerbe-Redaktor Ivo Bösch als Gast Michael Hauser geladen, langjähriger Stadtbaumeister von Winterthur und heute selbständiger Berater und Begleiter in den Bereichen Städtebau und Architektur. 

Areal «Zwhatt» in Regensdorf: Axonometrie des Projektes von Peter Märkli

Hauser präsentierte ein Verfahren namens «Charrette», das er für ein Grundstück der Pensimo in Regensdorf entwickelt hatte: eine Art Studienauftrag oder Testplanung, bei der aber, wie Hauser erklärte, «alles miteinander» erarbeitet wurde. Kollektives Lernen also anstelle von Konkurrenz, und weil der Auslober partout von keinem Sieger sprechen will («mit einem Leitbild durchgesetzt» habe sich Peter Märkli, hiess es gestern), ist für ihn auch der Begriff Wettbewerb fehl am Platz. Dies bekräftigte Jörg Koch, Geschäftsleiter der Pensimo, der im Publikum anwesend war und eloquent über seine Erfahrungen mit dem neuen Verfahrensmodell berichtete. Von einem «Wechselbad der Gefühle» sprach er, aber auch von Willen, das Charrette-Modell weiterzuverfolgen. Voneinander gelernt hätten nämlich nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Bauherrschaft – viel mehr als bei einem gewöhnlichen Verfahren. Aus den Nebenreihen meldeten sich gleichwohl kritische Stimmen zu Wort, die sowohl an der behaupteten Neuartigkeit als auch an der Transparenz des Verfahrens Zweifel anmeldeten. Wie es auf dem Areal, für das findige Kommunikatoren unterdessen den Namen «Zwhatt» erfunden haben, weitergehen wird, ist tatsächlich «noch relativ offen», wie Hauser gestern sagte. Den Fragezeichen im Saal hielt Peter Ess, der erfahrene Juror und Preisrichter, ein grosses Lob entgegen: Er findet das vorgestellte Verfahren «unglaublich animierend».

Areal Guggach in Zürich: Gipsmodell mit Siegerprojekt (vorne) und den beiden Vorgängern Guggach I (BS+EMI, links oben) und Guggach II (Knapkiewicz und Fickert, oben rechts)

Das Publikum hielt mit Wortmeldungen und Einsprüchen nicht zurück, so auch beim Wettbewerb «Guggach III», den Pascale Guignard in die Diskussion einbrachte. Als überraschend kann hier nicht nur der Sieger gelten – ein junges Kollektivteam, bestehend aus Donet Schäfer Architekten, Tanja Reimer und Weyell Zipse Architekten –, sondern auch deren städtebaulicher Ansatz, der zumindest auf den ersten Blick einen offensichtlichen Bruch mit den vorangegangenen Bauetappen auf dem Areal (BS+EMI auf Guggach I, Knapkiewicz und Fickert auf Guggach II) markiert: dort aus Topographie und inneren Organismen heraus entwickelte, sich verwinkelnde und immer weiter differenzierende Formen,  hier eine dem modernistischen Ambiente huldigende Setzung aus langgezogenen Riegeln und einem orthogonal dazu gesetzten Schulbau. Geht das?, war die naheliegende Frage, besonders auch in Bezug auf den Nicht-Bezug der neuen Bauten zum Strassenraum. Geht das?, fragte man sich auch angesichts der Wohnnungsgrundrisse, welche die Ökonomie soweit treiben, dass von drei Zimmern eines am Laubengang liegt und das andere kein direktes Tageslicht empfängt (ein «Schnorchelzimmer» in der Terminologie Pascale Guignards). Rückendeckung erhielt das Projekt von ungeahnter Seite, meldete sich aus dem Publikum doch Axel Fickert zu Wort, der die aussenräumlichen Qualitäten des neuen Nachbarn hervorstrich und im speziellen auch darauf verwies, dass ein Ensemble nicht endlos weiter entwickelt werden könne. 

«Sauber gelöst»: Das Siegerprojekt von Märki Sahli Architekten für den Gemeindesaal in Arlesheim

Kritischer war Fickerts Einwurf zum Siegerprojekt für den Gemeindesaal Arlesheim: wo ist die städtebauliche Geste, fragte er, wo bleibt der Einbezug des baulichen Kontextes? Den Wettbewerb hatte Peter Ess in die Runde gebracht, der beim Verfahren selbst in der Jury gesessen hatte. Die kritisierte mangelnde Öffentlichkeit des Siegerprojekts von Märki Sahli Architekten erklärte er aus den Vorgaben des Wettbewerbs, respektive aus den Bedingungen, welche die Gemeinde nach Absprachen mit den Anwohner gestellt hatte: kein öffentlicher Platz und kein direkter Zugang von der Strasse her, stattdessen eine Erschliessung über den bereits bestehenden Hofraum des benachbarten Pfeffingerhofs. Die jungen Gewinner hätten also ganz einfach die Wünsche der Bauherrschaft umgesetzt und «sauber gelöst», meinte Ess, nicht nur, was den Zugang, sondern auch die bauliche  Ausplittung des Programms in Saal und Wohnhaus betrifft, während viele Projekte Angebote gemacht hätten, die gar nicht gefragt oder rechtlich nicht umsetzbar gewesen wären. Man kann sich nun wie Peter Ess fragen, weshalb gut die Hälfte der Teilnehmer offensichtlich an den Vorgaben der Gemeinde vorbeiplante und ob daran vielleicht ein zu wenig deutlich formuliertes Programm schuld sei. Oder man kann sich fragen, ob die Gemeinde ihre Vorgaben vielleicht doch nochmals hätte hinterfragen müssen. Viel Stoff für Diskussionen jedenfalls. Nach der feierlichen Verlosung von vier Guhl-Stuhl-Miniaturen von Eternit fanden sie ihre lockere Fortsetzung beim Apéro im «Lilly Jo», wo, wie wir bereits wissen, Getränke und Brötchen gereicht wurden.

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