Hinter der Klinkerfassade verbirgt sich eine Holzkonstruktion: Visualisierung des neuen Hauptsitzes von Greenpeace in Hamburg. Fotos: BGP Architekten, Zürich

Die Qual der Materialwahl

Der Verein eco-bau will «zurück zum Material», so der Titel einer Tagung heute in Biel. Für Architekten heisst dies: Besinnung auf lokale Bautradition und Studium der Energiebilanzen.

Der Verein eco-bau will «zurück zum Material», so der Titel einer Tagung heute in Biel. Die Materialflüsse sind global, die technischen Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Auf die Frage nach dem Baustoff gibt es für den Architekten also keine einfache Antwort mehr. Vor diesem Hintergrund töne für sie der Tagungstitel wie ein Versprechen, sagte Friederike Pfromm vom Hochbauamt St. Gallen. «Alles wird gut.» Doch die Uhr lasse sich nicht zurückdrehen. Der Architekt wurde aus dem Paradies der regional definierten Baukunst vertrieben. Er muss sich jedes Mal erneut fragen: Womit baue ich? Die Zeiten, in denen die Planerin nach Belieben in die Materialkiste greifen kann, sind allerdings vorbei. Die Frage lautet also: Was ist ein schlechtes, was ist ein gutes Material?

Mit Blick auf die Klimaerwärmung, ist es jenes mit der schlanksten Energiebilanz. Bei einem effizienten Neubau entfallen über die Hälfte der Treibhausgase auf die Erstellung. Für Annick Lalive d’Epinay vom Amt für Hochbauten der Stadt Zürich ist darum klar: Umbauen ist in der Regel besser als neu bauen. «Bezüglich Erstellungsenergie schneiden Instandsetzungen besser ab, gesamtenergetisch sind sie häufig gleichwertig.»
Was aber ist das richtige Material, wenn ein neues Quartier entsteht wie in der Hamburger HafenCity? Vor dieser Frage stand der Architekt Bob Gysin, als er für Greenpeace den neuen Hauptsitz plante. Die Bautradition der Hansestadt gab vor: Klinker. Die Zahlen der Energiebilanz aber sagten: Holz. Gysin entschied sich darum für eine Holzkonstruktion mit vorgeblendeter Klinkerschicht. Innen Ökologie, aussen Tradition.
Was das korrekte Material ist im Hinblick auf Übermorgen, erklärte Julia Koch von Giuliani Höngger Architekten zum Schluss am Von Roll Areal in Bern. Die Holzkonstruktion der Hörsäle in der alten Weichenbauhalle kann vollständig rückgebaut werden. Das gute Material ist hier also jenes, das sowohl in der CO2-Bilanz als auch am denkmalgeschützten Bestand möglichst wenig Spuren hinterlässt.

Die Tagung zeigte: Die Wahl des Baumaterials fordert die grauen Zellen der Architekten. Das Bewusstsein für die graue Energie scheint aber in den Köpfen der Planer angekommen. Der Weg zurück zum Material hin zu mehr Nachhaltigkeit weist in die richtige Richtung. Dass der Pfad auch zu guter Architektur führt, ist damit aber noch nicht gesagt. So wie die Bodenheizung in der Sichtbetondecke keinen Entwurf macht, versprechen die Holzbalken unter dem Putz nicht automatisch architektonische Kraft.

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