Fast zu schön zum Zerstückeln: die obere, fünf Meter hohe Ausstellungshalle des Stapferhauses in Lenzburg. Fotos: Ralph Feiner

Der Haikäfig

Das Stapferhaus in Lenzburg hat ein grossartiges, neues Zuhause. Es ist aus Holz. Es macht für die Ausstellungsbauer vieles möglich. Und es will Architektur sein.

Spielerisch. Mit diesem Prädikat gewinnt man in der Architekturschweiz keinen Blumentopf. Normalerweise. Beim Projektwettbewerb des Stapferhauses war das anders. Zwar klang die Ausschreibung alles andere als verspielt. Für ihr ‹Haus der Gegenwart› suchte das Ausstellungshaus in Lenzburg Ausstellungsflächen, die «primär funktional» sein sollten, «also in einem Messebaustandard». Eine «attraktive Hülle mit», immerhin, «bespiel- und wandelbarem Innern». Die Ausstellungen der frechen Institution Stapferhaus sprachen zum Glück eine weniger trockene Sprache als ihre Ausschreibung. Und sie scheinen Pool Architekten zum Entwurf inspiriert zu haben, den das Büro mit, ja, spielerischen Skizzen präsentierte. Im flotten Strich von Thomas Friberg (der während des Projekts vom Projektleiter zum Büropartner aufstieg) schneidet eine Kettensäge Löcher in die Fassade, verbinden Rutschbahnröhren die Etagen. Ausgesäte Blumensamen keimen auf dem Flachdach, und Sonnensegel, Lamellen oder Rollos öffnen und schliessen die Räume. Man fühlt sich in die Siebzigerjahre zurückversetzt, in den Traum eines bastelnden Bauens, dessen Strukturen nicht repräsentieren, sondern Lebensraum zur Verfügung stellen. Kein Gebäude, das zum Betrachter spricht, sondern eines, dessen Inhalt Geschichten erzählt. Anarchitektur.

Kräftig, aber fein strukturiert: Das Stapferhaus ist ein Holzbau, durch und durch.

Der aussergewöhnlichste dieser gezeichneten Räume stand gar nicht im Wettbewerbsprogramm: Eine riesige Pergola wandelt den Vorplatz in einen Aussenraum, den das Stapferhaus, jawohl, bespielen kann. Mit Aktionen, mit Schriftfahnen, mit Zeltdächern oder -wänden. Oder mit einem Wal, wie eine der Skizzen nahelegt. Vielleicht ist es auch ein Hai, vielleicht ist er mit Luft gefüllt, jedenfalls ist er riesig und quetscht über dem Eingang seine Flossen und seine Nase aus der Pergola in den Stadtraum. Die Auftraggeber jedenfalls haben verstanden: Dieser Aussenraum wird unsere Spielwiese. Er verschafft den Ausstellungsmachern einen grossen Auftritt für ihre oft unbequemen, immer relevanten Themen. Hier können sie Zähne zeigen. Müssen aber nicht. Denn der Raum unter der Riesenpergola funktioniert auch ohne Dach oder Schrift oder Hai. Dann ist er einfach ein leerer Vorplatz, gleich gegenüber dem Bahnhof Lenzburg. Die Jugend wird hier Skateboard fahren, und Herr Lenzburg wird sich wohl auch mal erdreisten, sein Auto dort zu parkieren, wenn er schnell in die Bank nebenan muss.

Die Wettbewerbsskizze der Architekten zeigt Möglichkeiten, die Pergola zu nutzen.

Nutzungsfreiheiten

Jetzt steht David Leuthold auf dem Platz. Stolz führt der Partner bei Pool Architekten durchs Haus, in dem die Aufbauarbeiten für die erste Ausstellung laufen. Transformation, das sei das Wesen des Gebäudes. «Es ist ein Spielhaus, in dem man alles machen kann», sagt der Architekt. Um schnell hinterherzuschicken: «Aber keine Chilbi!» Auch später wird er das Gebäude immer wieder mit Dingen vergleichen, die es eben nicht sei. Ein Ausstellungshaus, aber kein Museum. Ein Holzhaus, aber keine Scheune. Diese Art, es zu beschreiben, zeigt: Das Haus ist ohne Vorbilder. Es ist eine Blackbox, aber doch offen. Denn hinter der Holzschalung der Fassaden sind grosse Fenster versteckt, die man bei Bedarf öffnen kann, sechs in der grossen Ausstellungshalle oben, zwei in der niedrigeren Halle im Erdgeschoss, die hinaus auf den Pergolaplatz gehen. Es sind mögliche Öffnungen für Licht, für Ein- und Ausgänge, für Rutschbahnen oder was auch immer. Die verborgenen Fenster zeigen die eine Art des Hauses, alle Nutzungen zu ermöglichen: Sollnutzstellen. Auch die sieben potenziellen Treppenöffnungen zwischen Oben und Unten gehören dazu. In jedem zweiten Zwischenraum der mächtigen Deckenträger lassen sich Teile des Bodens herausnehmen und Stahltreppen einbauen. So sind die Ausstellungsmacher frei, ihren Wunschparcours durchs Haus zu legen.

Die Haupttreppe: Der Stahl und die Wände aus Gipsfaserplatten sind geölt.

Die zweite Art der Nutzungsoffenheit ist die messehallenartige: Die Hallen sind gross – die fünf Meter Höhe der oberen lässt sich zweigeschossig ausbauen. Und das Gebäude ist nicht zuletzt darum aus Holz, um damit handfest zu arbeiten. In die Dreischichtplatten der Wände kann man hämmern und schrauben, in die Deckenbalken bohren, in den Boden aus vier Zentimeter starker Tanne schlitzen. Es ist ein massives und robustes Haus. Konsequenterweise hätten sie schliesslich auch den Wunsch des Betreibers umgesetzt, die Hallen schwarz zu streichen. Boden, Decke, Wände, alles schwarz – nun, grauschwarz lasiert.

Für die Ausstellung ‹Fake – die ganze Wahrheit› nehmen die Ausstellungsmacher ihr neues Stapferhaus erstmals in Beschlag. Foto: Désirée Good

Die Architekturfotos zeigen es, und man spürt es auch im Gespräch: Aneignung und Offenheit gut und schön, doch leer und klar und rein finden sie ihre Säle auch gut. Aber nicht besser. David Leuthold zuckt zwar kurz, als er frisch gebohrte Löcher im Boden erblickt. Doch man nimmt es ihm ab, wenn er sagt, er möge die Stimmung während der mehrmonatigen Aufbauphase. Sie wird sich alle 15 Monate wiederholen. Die Blackbox ist auch eine Werkstatt. Hier wird gesägt, geschraubt, gepinselt – in Zukunft auch, während Frau Lenzburg im Café Kuchen isst. Geht man durch die Hallen, fühlt man sich backstage, es riecht nach Freiheit und Theaterluft. Mit einer gelassenen Geschäftigkeit bereitet sich das Haus auf die erste Aufführung vor, eine Ausstellung namens ‹Fake›. Sperrholzwände, -decken und -türen beginnen die hohen Hallen in enge Flure und Zimmer zu zerstückeln. In ein ‹Amt für die ganze Wahrheit›.

Die Veranstaltungs- und Workshopräume sind nur durch Vorhänge getrennt.

Repräsentativ tektonisch

Breit öffnen sich Foyer und Café zum Vorplatz, über dem zur ‹Fake›-Ausstellung ein kolossaler Pinocchio in der Pergola schweben wird. Drei gleiche Glastüren führen in ein weites Foyer. Vorbei an einem Zylinder mit der Haupttreppe gelangt man in die Ausstellung und zu drei Veranstaltungsräumen, die nur durch hohe, dunkle Vorhänge abgetrennt sind. Die wuchtig graue Welt der Ausstellungsräume macht auch vor dem Eingangsbereich nicht halt. Hochglanzlackiert spiegelt der Empfangs- und Cafétresen die Eintretenden. Der Boden ist aus Eiche, nicht aus Tanne, was aber mit Beanspruchung zu tun hat, nicht mit Repräsentation. Stahl und Fermacell-Platten in der Wendeltreppe sind geölt, machen den Ton rauer. Unten, bei den WC und Garderobenkästen, sind auch die Kalksandsteinwände geölt. Die Pragmatik kippt hier in Richtung Industrial Chic. Oben, über dem Eingangsbereich, liegt ein kleinerer, aber hoher Ausstellungssaal, der von zwei Seiten Licht bekommt. Seine hoch liegenden Fenster bleiben aussen hinter Holzlamellen verborgen. Im obersten Geschoss darüber arbeitet das Stapferhaus-Team in beneidenswert heiteren Holzräumen. Durch grosse Fenster blicken sie auf ihren früheren Arbeitsplatz, das Schloss Lenzburg, im Osten, und auf ihren Ausstellungsort der letzten Jahre, das alte Zeughaus, im Westen.

Die Büros des Stapferhauses im obersten Geschoss sind hell, aber ähnlich konstruiert wie die unteren Etagen.

Dieses Zeughaus wollten sie als Neubau: ein Haus, mit dem sie alles machen können. Löcher in die Fassade sägen oder über eine Gerüsttreppe das Haus im Obergeschoss betreten. Beim Neubau stand typologisch am ehesten die gängige KMU-Kombination Pate: hinten Werkstatthalle und vorn Betriebsgebäude mit Empfang und Büros. Doch wie repräsentiert man architektonisch einen Inhalt, der Spiel- und Ausstellungshaus, Messe und Theater ist, aber weder Firmensitz noch Museum? Zum Beispiel mit einer eleganten Holztektonik. Eine Struktur aus gehobelten und gestossenen Balken füllen Felder aus Brettern, sägerau, aber fein differenziert: im Erdgeschoss 12, oben 15 Zentimeter breit. Das neue Stapferhaus will Architektur sein. Aus dem wagemutigen Haikäfig mit Kettensägenlöchern ist ein sorgfältig gemachtes Schweizer Ausstellungshaus geworden. Die brave Version des radikalen Ausstellungsgerüstes von Cedric Price aus den Sechzigerjahren. Ein Fun-Palace mit Mittelscheitel. Immerhin, der Scheitel sitzt. Und er ist punkig gefärbt: Eine blaue Lasur verfremdet die feine Tektonik und macht das druckimprägnierte Holz fleckig. Je nach Licht strahlt die Farbe karibikblau oder schwarz wie die Augen eines Hais. Anarchie geht allerdings anders.

 

 

Wie viel Aufregung?

«Es ging uns nicht eine Sekunde um Anarchie,» stellt David Leuthold klar. Eleganz und Sorgfalt haben sie bei dieser – siehe Wettbewerbsausschreibung! – attraktiven Hülle gesucht, nicht Provokation und Abgrenzung. Und er listet auf, welche konstruktiven Gründe hinter den einzelnen Entscheidungen der Fassade standen: Grundstruktur, Wasserführung, Holzlängen. So argumentiert ein leidenschaftlicher Handwerker. Die Präzision, die das Haus nun ausstrahle, habe mit Handwerk nichts zu tun. Sie komme vom heutigen, digital gesteuerten Holzbau. Aber in ein paar Jahren sehe das schon ganz anders aus, beruhigt er. Durch Witterung und Nutzung wird es mit Charakter altern. «Jede Ausstellung wird Spuren hinterlassen.» Auch aussen. Schliesslich können und sollen sich die Inhalte des Hauses an der Fassade und in der Pergola zeigen. «Das Stapferhaus-Team ist kultiviert genug für diese Freiheit.»

Und dann nennt der Architekt den wichtigsten Grund, warum das Gebäude eine elegant-kultivierte Erscheinung haben muss: Städtebau. «Das Stapferhaus ist ein öffentliches Haus, gleich gegenüber des Bahnhofs.» Es habe eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit. «Wir wollten die Hülle so unaufgeregt wie möglich machen», sagt Leuthold. «Und so, dass sie doch etwas aufregt.» Wenn man sich die Agglo-Welt rund um den Bahnhof Lenzburg ansieht, staunt man ob so viel Optimismus. Hier muss und wird sich einiges ändern, auch wenn noch offen ist, wie. Das neue Stapferhaus macht einen Anfang. Hut ab vor einem Ethos, der solche Unorte nicht für ein radikales Objekt benutzt, sondern sie mit Architektur verbessert.

Längsschnitt

Bürogeschoss

1. Obergeschoss

Erdgeschoss

 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 10/2018 der Zeitschrift Hochparterre.

 

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