Wie viel Mobilität ist effizient?

Diese Frage diskutierten Verkehrsplanern mit Philosophen, Zukunftsforschern und Psychologen an einer Tagung in Luzern. Die überzeugende Erkenntnis: Zunehmende Mobilität ist kein rein quantitatives Problem, vielmehr geht es um Werte und Lebensvorstellungen.

Es ist fraglos attraktiv, die Schweiz als Stadt zu lesen und das entsprechende Angebot wahrzunehmen: Konzerte in Genf, Kunst in Basel und Zürich, Wandern im Bündnerland, Wellness im Tessin und natürlich ein Minergie-Häuschen mit Umschwung in komfortabler Pendlerdistanz zum Arbeitsort. Doch die Schweiz derart zu begreifen und zu leben, bedingt eine ungeheure Mobilität und ist nicht zuletzt ein Luxus. Es ist daher plausibel, dass die SVI (Schweizerische Vereinigung für Verkehrsingenieure und Verkehrsexperten) ihre Tagung am Dienstag im Luzerner KKL der Frage «Wie viel Mobilität ist effizient?» widmete. Effizienz sollte hierbei für eine breit aufgefasste Nachhaltigkeit stehen und nicht für blosse Rationalisierungsmassnahmen.

Entsprechend wurde nicht in technischen Begrifflichkeiten darüber gesprochen, wie die zunehmende Mobilität zu bewerkstelligen ist. Stattdessen wurde ein für den Berufsstand erfrischend breiter und gesellschaftskritischer Ansatz verfolgt. «Wir werden die Zielvorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft nicht erreichen», meinte Ruth Genner etwa. Neben der Vorsteherin des Zürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartements referierte und diskutierte ein bunter Mix: ein Philosoph, eine Sozial- und Wirtschaftshistorikerin, ein Zukunftsforscher, ein Ökonom und ein Sozialpsychologe. Das Themenfeld umfasste globale, virtuelle und differenzierte Mobilität, Biosphäre und Subventionitis. Es war die Rede von rüstigen und freizeitmobilen «Rolling-Stones-Rentnern», vom Bevölkerungsschwund in Europa, von Car-Sharing und vielerlei mehr.

So waren im verlaufe des Tages viele spannende Aussagen zu hören. Doch letztlich blieb die Titelfrage der Veranstaltung unbeantwortet. Bemerkenswert war der Einwand des Planungsethikers Jürg Dietiker. Er bezeichnete die herkömmlichen Prognosen als «blosse Extrapolation der Zukunft aus der Vergangenheit», was in einer blossen Beschleunigung des Systems ende. So liesse sich keine brauchbare Zukunft aktiv gestalten, meinte Dietiker und forderte, ausgehend von Vernunft und Erfahrung, einen planungsethischen Diskurs zu führen. Die anschliessende rege Diskussion unter den rund 100 Teilnehmern zeigte, dass die Disziplin der Ingenieure hieran durchaus interessiert ist. Doch letzten Endes können solche Fragen nur gesamtgesellschaftlich verhandelt werden – und angesichts des beschleunigten Strukturwandels müssen sie das sogar.

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