Rahel Marti diskutierte mit Claudia Siegle, Katrin Gügler, Markus Truniger und Walter Angst.

«Wer soziale Durchmischung will, muss mit den Schulen sprechen.»

Der Städtebau-Stammtisch diskutierte über den Zusammenhang von Stadtplanung, Wohnbaupolitik und Chancengleichheit in der Bildung.

Die Bildungschancen sind immer noch ungleich. Auch heute, auch in der Schweiz, auch in Zürich. Der Schulkreis Zürichberg etwa verzeichnet die meisten Übertritte ans Gymnasium und die wenigsten in die Sekundarstufe B. In den Schulkreisen Letzi und Glattal ist es umgekehrt. Diese Bildungsgeografie ist das Ergebnis von Stadtplanung und Wohnbaupolitik. Zürich ist sozioökonomisch segregiert. Hohes Einkommen, hohe Miete, gut gestelltes Quartier, hohe Bildungschance – und umgekehrt.

«Überraschend ist das nicht – aber wie hängen die drei Aspekte Stadtentwicklung, Immobilienentwicklung und Bildungschancen zusammen, wie beeinflussen sie sich?» fragte die Soziologin Barbara Emmenegger im Inputreferat zum Städtebau-Stammtisch «Quartier und Schule». Mit den Schulexpertinnen Claudia Neugebauer und Markus Truniger und dem Immobilienunternehmer Steff Fischer gehört Emmenegger zu einer Gruppe Engagierter, die im Hochparterre-Themenheft «Quartier bildet» 12 Appelle zum Thema veröffentlicht haben.

Die besten Lernerfolge, das belegt die Schulforschung, gelingen in sozial durchmischten Klassen. Denn Kinder lernen von Kindern. Schon eine Handvoll Kinder aus kommunikativen und informierten Elternhäusern können das Lernklima einer Klasse anregen. Chancengleichheit hängt also von sozialer Durchmischung ab. Umgekehrt sind Chancengleichheit und Schule ein Spielball der Stadtentwicklung.

Diesen Zusammenhang habe sie bisher nicht so deutlich bedacht, sagte die Immobilienentwicklerin Claudia Siegle, seit 2011 Projektentwicklerin bei Mobimo Management, in der Diskussion. Für sie sei das Thema Schule quantitativ wichtig: Gibt eine Schule und in welcher Distanz, wenn man auf einem Areal plant? Ähnlich sagte es Katrin Gügler, Direktorin des Zürcher Amts für Städtebau: «Wir kümmern uns in der Stadtplanung um genügend Schulraum, aber weniger um die Qualität dieser Schulen.»

Gemeinderat Walter Angst verdeutlichte dies an der Arealentwicklung Altwiesenstrasse im Quartier Schwamendingen: Obwohl diese seit neun Jahren laufe und selbst die Stadt mit dortigen Kindergärten beteiligt sei, hätten Planer und Grundeigentümer mit der Schule keinen Kontakt aufgenommen oder sich für deren Bedürfnisse interessiert. «Doch wer soziale Durchmischung will, muss mit den Schulen sprechen, die  Schule ist ein Seismograph der Stadtentwicklung. Was die Expertinnen fordern, ist deshalb eine Revolution: Planer, Architektinnen und Eigentümer müssen sich gegenüber der Bevölkerung öffnen.» Die 12 Appelle müssten dringend umgesetzt werden. Zu oft würden neue Quartiere geplant für Bewohnerinnen und Bewohner, die dort noch gar nicht lebten – statt für jene, die schon dort seien. «Wir müssen Stadtentwicklung anders denken: Partizipativ, mit den Menschen.» Für Immobilienentwickler gebe es dafür aber kaum Anreize.

Die Schule erwarte von den Immobilienentwicklern günstigen Wohnraum, nicht Verdrängung, sagte Markus Truniger, Experte für Interkulturelle Bildung. An dauernden Wechseln in den Quartieren sei die Schule nicht interessiert, darum brauche es eine Wohnpolitik, welche die Ärmsten vor ständigem Umziehen schütze. «Schule und Wohnpolitik kann man nicht trennen!»

Claudia Siegle von der Mobimo ist grundsätzlich offen für diese Anliegen. «Wir müssen in der Stadtentwicklung mehr über Qualitäten und weniger über Quantitäten reden. Und die Durchmischung fördern. Die Politik hat Investoren zur ökologischen Nachhaltigkeit motiviert – warum nicht auch für soziale?» Dazu sei aber eine Handhabung nötig, eine Reglementierung – auch wenn sie nicht für zu viele Regeln sei. «Was darin stehen muss, weiss ich auch noch nicht – aber Investoren müssen auf soziale Nachhaltigkeit festgelegt werden.» Einfach an deren Verantwortung für einen ausgewogenen Preismix zu appellieren, funktioniere nicht. Als Investorin brauche sie klare Spielregeln, rechnen könne sie dagegen selbst.

Man musste also weniger die Immobilieninvestorin als die Stadtplanerin überzeugen. Katrin Gügler wog ab: Manchmal könne die Stadt verordnen, manchmal verhandeln, manchmal nur empfehlen. Eine Möglichkeit zu verordnen sei der neue Artikel 49b im Planungs- und Baugesetz. Gemeinden können damit in der Bau- und Zonenordnung bei Auf- oder Einzonungen einen Mindestanteil von preisgünstigen Wohnungen festlegen. Zürich muss ihn erst noch in der BZO umsetzen. Ein Allheilmittel sei aber auch dieser Artikel nicht. Was mit der Bewohnerstruktur passiere, wenn grössere Quartiere verändert würden, werde aber zunehmend zum Thema in der Wohnbaupolitik. Das Mietrecht im Planungsrecht unterzubringen, sei aber problematisch. In der Stadtentwicklung und Stadtplanung gehe es ja um Verbesserungen, um bessere Wohnungen und bessere Freiräume – «oft werden dann aber zugleich die Wohnungen teurer», das sei ein Dilemma. Doch die Stadt verändere sich nun einmal und die Schule müsse damit umgehen.

Inzwischen habe die Schulraumplanung wegen des grossen Mangels an Flächen hohe Priorität, fuhr Katrin Gügler fort. Wenn ein Investor bauen wolle und das Quartier Schulraum benötige, suche das Amt für Städtebau das Gespräch. Allerdings noch ohne Grundlage. «Den kommunalen Richtplan, der neue Schulstandorte vorsieht, hat die Politik noch nicht festgesetzt, sie muss auch vorwärts machen», sagte sie an die Adresse von Gemeinderat Angst.

Die Diskussion pendelte nun Richtung Schulraumplanung. «Die Stadt Zürich hat nicht annähernd genug Raum für alle Schulen und Freiräume», stellte Katrin Gügler klar. «Aussenplätze auf dem Dach, wie in der Schulanlage Allmend geplant, wird es mehr geben.» Aber diese liessen sich attraktiv bauen. Zudem zeigten die neuen Schulhäuser Schütze und Pfingstweid im Kreis 5, wie sich Schulen mit zusätzlichen Dienstleistungen wie Bibliotheken, Cafés und Park einem Quartier öffnen könnten.

Walter Angst zweifelte: «Die Stadt geht noch zuwenig auf die privaten Investoren zu mit Flächenansprüchen – sondern immer nur auf die Genossenschaften und versucht, die Platzprobleme möglichst mit eigenen Grundstücken zu lösen. Das kann es nicht sein, wir können in einer Stadt, die verdichtet werden sollen, nicht den Schulraum gegen den Freiraum ausspielen. Wir müssen die Region Zürich als Wohnraum denken und auch die Gemeinden rundherum einbeziehen.»

Die starke Beteiligung des Publikums an der Diskussion zeigte, dass viele das Thema beobachten und sich Gedanken machen. Doch wie nun Stadtplaner, Immobilienentwicklerinnen und Schulbehörden tatsächlich ins Gespräch kommen für mehr soziale Durchmischung und gleichere Bildungschancen, diese Frage blieb offen – und daran gilt es weiterzudenken.

Mit freundlicher Unterstützung von Emch Aufzüge und Stiftung Mercator Schweiz.

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