Blick aus dem Hotelzimmer auf den Warschauer Kulturpalast. Fotos: Werner Huber

Hochparterre in Warschau, Tag zwei: Hoch hinaus

Wer ein Hotelzimmer mit Ostblick hatte, dem stand der stalinistische Kulturpalast vor der Nase. Am Samstag fuhren wir auf die Aussichtsterrasse im 30. Stock und bewunderten das Panorama.

Wer von der sechzigköpfigen Bauart-Gruppe ein Hotelzimmer mit Ostblick hatte, dem stand der stalinistische Kulturpalast buchstäblich vor der Nase. Am Samstag dann fuhren wir in Zehnergruppen auf die Aussichtsterrasse im 30. Stock und bewunderten das Panorama. Nach dem ersten Warschau-Tag konnte man sich nun schon orientieren: dort drüben das Stadion Narodowy, weiter oben die Altstadt, vor uns die Marszalkowska-Strasse und tief unter uns der Zentralbahnhof. Anschliessend empfing uns Marcel Andino Velez, der Vizedirektor des Museums für Moderne Kunst. Dieses hat seine provisorischen Räume in einem Teil des legendären «Dom meblowy Emilia». Eines der zentralen Themen des Museums ist die Architektur, und so ist das Festival «Warszawa w budowie» (Warschau im Bau), das jeden Oktober stattfindet, ein wichtiger Punkt im Veranstaltungskalender. Wie uns Marcel Andino erzählte, wächst in der jüngeren Generation das Verständnis für die Architektur der kommunistischen Sechziger- und Siebzigerjahre. Zum Glück, muss man anfügen, denn Vieles wurde schon zerstört oder unsorgfältig renoviert. Vor allem wollten wir im Museum für Moderne Kunst aber auch erfahren, wie es denn mit dem Neubau steht, den Christian Kerez plant. Marcel Andino ist zuversichtlich: «Der Baubeginn ist für Ende 2012 geplant», meint er und schmunzelt: «Aber wahrscheinlich wird es Anfang 2013». 2016 soll das Gebäude jedenfalls stehen.


Nach Kaffee und Gebäck im Museum schlenderten wir durch eines dieser Prestigeobjekte der Sechzigerjahre: die «Marszalkowska-Ostwand», eine Anlage aus Warenhäusern, Wohntürmen und einer Fussgängerpassage. Sie hat überlebt, doch sind ihr nicht alle Renovationen und Sanierungen gleich gut bekommen. Bei der Rotunda, dem Bankenpavillon am Kopf der «Ostwand», der für Warschau als Treffpunkt mindestens die Bedeutung des Loeb-Egge in Bern hat, verabredeten wir uns nach der ausgedehnten Mittagspause. Per Metro und Tram fuhren wir Richtung Altstadt, wo wir als erstes die «Trass W-Z», die Ost-West-Magistrale kennenlernten. Diese erste und wichtigste städtebauliche Massnahme der ersten Nachkriegsjahre bescherte Warschau nicht nur eine Unterfahrung des Schlossplatzes, sondern auch die erste (natürlich sowjetische) Rolltreppe.


«Darf man eine zerstörte Altstadt einfach wieder aufbauen?» Diese Frage sass fest im Kopf, als wir anschliessend durch eben diese wiederaufgebaute Altstadt schlenderten. Die Mehrheit war sich einig: Ja, man darf, und es war richtig, dass Warschau dieses identitätsstiftende Stück Stadt wieder hergestellt hat. Eine Haltung, die auch die Unesco hatte, als sie die wiederaufgebaute Altstadt 1980 auf die Liste des Weltkulturerbes setzte. Vorbei am Monument zum Warschauer Aufstand von 1944  und dem eigentümlichen Justizpalast von 1999, dessen Monumentalität so gar nicht in ein soeben demokratisch und frei gewordenes Land passt, spazierten wir zum Abschluss zum Platz der Ghettohelden. Einst war hier das am dichtest besiedelte Quartier Warschaus, heute ist vor lauter Bäumen die Stadt - Wohnsiedlungen der Fünfzigerjahre - kaum zu sehen. Das Museum für die Geschichte der polnischen Juden ist im Rohbau fertig und wird ein neuer Anziehungspunkt im Quartier. Auf dem Weg zum Tram begutachteten wir gleich noch eine Überbauung von JEMS Architekci, die uns Maciej Milobedzki am Vortag vorgestellt hatte.


Schliesslich enterte die 60-köpfige Bauart-Gruppe ein Tram, fuhr Richtung Innenstadt und zerstreute sich in alle Richtungen. Von Tag zwei stand nun noch das Abendprogramm bevor, das individuell und - wie die Äuglein einiger am nächsten Morgen zeigen sollten - in unterschiedlicher Intensität begangen wurde!

Tag eins
Tag drei

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