Rahel Marti, Stefan Dambacher, Alexandra Heeb und Anna Schindler diskutieren den öffentlichen Raum in Zürich.

117 oder aus dem Fenster schreien?

Freiheit versus Sicherheit, Normalbevölkerung versus Randgruppen, ‹Suubers Züri› versus ‹Meh Dräck›: Der öffentliche Raum in Zürich wird rege genutzt und zunehmend reguliert. Der 16. Hochparterre-Städtebaustammtisch drehte sich um ‹Nutzungsmanagement› und ‹Koexistenz›.

Der Sommer steht vor der Türe und lockt die Menschen ins Freie. Auf Balkone, Terrassen und Dachgärten - aber auch in den vielbeschworenen ‹öffentlichen Raum›. Magnetisch wirken Plätze und Pärke, Seeufer und Waldränder, Bars und Clubs. Wo sich aber Leute versammeln, wo sich Ansprüche überlagern und widersprechen, gibt es Konflikte. Diese auszutragen ist eine urmenschliche und urstädtische Angelegenheit und steht wie jede politische Frage im Spannungsfeld von individueller Freiheit und kollektiver Sicherheit. Am gestrigen Hochparterre-Städtebaustammtisch ‹Keine Konflikte, bitte› im Zürcher Kulturmarkt stellte Gemeinderat Walter Angst folgende These auf: Bis etwa 1995 habe man die Drogenszene eher planlos umhergeschoben, seitdem beherrsche ‹Nutzungsmanagement› zunehmend den öffentlichen Raum. Die Regulierungsdichte drohe überhand zu nehmen und die Stadt gewinne einen halböffentlichen Charakter «wie Bahnhöfe und Shopping-Malls, mit Hausordnungen und ihrer Durchsetzung». Zugunsten einer für Touristen und Gutverdiener herausgeputzten Stadt würden Randgruppen wie Alkoholiker, Junkies, Punks und Prostituierte verdrängt. Neben existenziellen Beispielen bietet auch des Normalbürgers Alltag Grund zur Diskussion. Wer wäre noch nicht in einem Zürcher Café gebeten worden, seinen Stuhl etwas näher an die Hauswand zu rücken? «Excusez, wir finden's ja selbst blöd, haben aber schon zweimal 1000 Franken Busse gezahlt.» Verlegene Mundwinkel angesichts des offenkundigen Spiessbürgertums im hippen Zürcher Westen.

Fraglos herrschen zahllose Regeln im öffentlichen Raum. Gemeinderat Walter ging es aber nicht per se darum, diesen Prozess zu brandmarken, sondern ihn anzuerkennen und öffentlich zu verhandeln. Unter der Leitung von Hochparterrres stellvertretender Chefredaktorin Rahel Marti folgte die Diskussion seiner Thesen. Der Kunsthistoriker Stefan Wagner kritisierte zunächst vorsichtig, dass jede Kunstintervention im öffentlichen Raum von einem Gremium nach Kunstwert beurteilt und dann bewilligt werden müsse. Es sei schwierig für Kunst, die darauf beruhe, sich spontan im Raum zu bewegen. Schon wenig später sprach er Klartext: «Zürich bekennt sich in seinen Entwicklungsvorstellung zum Ziel eine global city zu werden. Die Stadt wird von oben nach unten durchgebürstet, mit Design-Konzepten bis zum Randstein und einer Anti-Graffiti-Putztruppe, die Streetart innert 24 Stunden entfernt.»
Im Verlaufe der Diskussion ging es zunehmend darum, wie Ansprüche geltend gemacht werden. Mobimo-Projektentwickler Stefan Dambacher bemühte Berlin als Gegenbeispiel zu Zürich: «Hier zahlen die Leute 4000 Franken Wohnungsmiete und wollen dafür mit offenem Fenster am Idaplatz schlafen. Ist es zu laut, rufen sie die 117 an und erwarten, dass die Polizei das Problem löst. In Berlin dagegen schluckt man den Lärm einfach oder schreit aus dem Fenster. Das ist eine Kulturfrage.»
Es ist auch eine Geldfrage, wie Anna Schindler zugab, Direktorin Stadtentwicklung Zürich und frisch zurückgekehrt von einer Reise nach New York. Fraglos hat Zürich die nötigen Mittel und Verwaltungsangestellten, um sich mit all jenen ‹Konfliktchen› zu befassen, die in einer wirklichen ‹global city› schlichtweg von der Bevölkerung und den Menschen vor Ort ausgehandelt werden. Alexandra Heeb, Delegierte für Quartierssicherheit, erklärte überraschend: «Im Kreis 5 habe ich nichts zu tun.» Während Probleme hier offenbar noch untereinander gelöst würden, passiere dies an anderen Orten weniger. Angesichts dieser Erwartungshaltung forderte Walter Angst: «Ihr solltet Sozialarbeiter für die oberen Gruppen spielen!»

Bis auf ein paar knackige Aussagen wie diese, kam die Diskussion nicht zum Punkt. Sie umkreiste die relevanten Aspekte eines Themas, das sicherlich zu gross für einen Abend ist. Vielleicht lag es auch an den Beteiligten, dem Fehlen eines aufmüpfigen Randgruppenvertreters. Denn als eine Stimme aus dem Publikum einwarf, nicht jeder Park müsse ‹müttertauglich› sein, stimmte Alexandra Heeb dem zwar nonchalant zu, doch müsse sich die ‹Normalbevölkerung› wohl fühlen. Entspannte Jungmütter angesichts Drogensüchtigen und Prostituierten zwischen dem Meer von Kinderwagen? Irgendwas geht da nicht auf...
Anna Schindler brachte das Problem auf den Punkt: «Spezielle Orte für Randgruppen zu schaffen ist aktive Segregation und darf nicht das Ziel sein.» Es stellt sich also die Frage nach der Diktatur der ‹Mehrheit› und inwiefern diese ‹überall› die Deutungshoheit über den öffentlichen Raum haben darf. Es stellt sich die Frage nach Platz für Randgruppen und nach der Regeldichte und der Durchsetzung im öffentlichen Raum. Diese Fragen sind nie abschliessend beantwortet und müssen immer wieder diskutiert werden. Ihre Antworten schwingen wie Pendel hin und her. Gestern lernten wir: Vielleicht ist es Zeit für einen Umschwung hin zu weniger Regulierung. Ganz sicher jedenfalls sollten die Stadtbürger sich den kleinen Problemen selbst widmen und das Zauberwort ‹Koexistenz› in die Hand nehmen. Stadtleben ist keine Dienstleistung.

Hochparterre dankt Velux für die freundliche Unterstützung des Städtebaustammtisches.

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