Martin Steinmann, 1942–2022 Fotos: Urs Walder

Zärtlich Dinge beschreiben

Martin Steinmann ist tot. Er starb mit 80 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Mit seinen Texten prägte der Architekturtheoretiker eine ganze Generation. Ohne ihn sähe die hiesige Architektur anders aus.

Es war einer der ersten Texte, die ich als frischer Hochparterre-Redaktor in Auftrag gab. 2010 entsendete ich Martin Steinmann ins Tessin, um über ein neues Schulhaus zu schreiben. Später redigierte ich eifrig, löschte blasierte Begriffe wie «recherche architecturale», machte den Text «lesbarer, ohne dabei den typischen ‹Steinmann-Klang› zu verlieren» – das schrieb ich allen Ernstes dem 25 Jahre älteren Professor. Das Betreff seines Antwortmails: «Massaker». Die Sätze darunter ritzten die Grenze zur Freundlichkeit. Danach erschien sein Text praktisch ohne Änderung. Wieder einmal hatte ich von Martin Steinmann etwas gelernt. 20 Jahre vorher, im Studium, hatten seine Texte meine Sicht auf die Architektur geprägt und mich schliesslich in die Schweiz gelockt. Anfang der 90er-Jahre war er der Theoretiker der ‹Swiss Box›, des Minimalismus der jungen Herzog & de Meuron, Roger Diener, Meili Peter, Gigon Guyer, Burkhalter Sumi oder Miller & Maranta. Er war nicht nur ein früher Chronist dieser Generation von Architektinnen, sondern ihr wirkungsmächtiger Sparringspartner und Mit-Entwerfer. Oft freundschaftlich verbunden, schmeckte er ihre Entwürfe mit Bedeutung ab, befeuerte ihre Haltung, soufflierte während ihrer architektonischen Auftritte. Er war ihr Sigfried Giedion, ihr Peter Meyer. Ein Poet mit Auftrag und Anspruch. Vom Zeichen zum Bild Bevor Martin Steinmann dem Weg seines Architekten-Grossvaters folgte, hatte er Germanistik und Anglistik studiert und als Regieassistent gearbeitet. Mit dem ETH-Architekturdiplom in der Tasche ging er zu Ernst Gisel, den er bewunderte – weniger dessen Unfähigkeit, Bleistiftschwünge in Worte zu fassen. Das gab den Ausschlag: Der junge Architekt ging ans GTA, das Institut für Geschichte und Theorie der ETH. Dort forschte er über das Neue Bauen oder Zeichentheorie. Er wirkte an Ausstellungen mit, wie diejenige 1975 über...
Zärtlich Dinge beschreiben

Martin Steinmann ist tot. Er starb mit 80 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Mit seinen Texten prägte der Architekturtheoretiker eine ganze Generation. Ohne ihn sähe die hiesige Architektur anders aus.

E-Mail angeben und weiterlesen:

Dieser Beitrag ist Teil unseres Abos. Trotzdem möchten wir Ihnen Zugriff gewähren. Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt – Deal?