Auf den ersten Blick nichts Neues. Der zweite Blick staunt.

Revision der Moderne

Für Peter Märkli ist die Materialwahl keine Detailfrage. Der Architekt interpretierte die Fassade eines Bürohauses in der Stadt Zürich neu – mit dem alten Stein.


Für Peter Märkli ist die Materialwahl keine Detailfrage. Der Architekt interpretierte die Fassade eines Bürohauses in der Stadt Zürich neu – mit dem alten Stein. 

Was genau ist anders als vorher? Die Brüstungsbänder aus schwarzem Granit hatte das Bürohaus von 1967 schon vor der Sanierung. Die Fensterbänder auch. Beim zweiten Blick fallen die stehenden Bauteile ins Auge, die sich zwischen den Fenstern von Brüstung zu Brüstung spannen. Mit Kapitell und Basis sehen sie aus wie kleine Pilaster. Auch sie sind schwarz, nur matter als die polierten Steinplatten. Der dritte Blick zeigt, dass diese Pilaster wohl aus Kunststein sein müssen: Schwarze Einsprengsel sitzen im grauen Grund, bei den Granitplatten ist es genau umgekehrt. An der Vorderseite sind die Pilaster poliert, an den Seiten jedoch nicht. Im Mezzanin fehlen ihnen Kopf und Basis, stattdessen springen dort der obere und der untere Teil etwas zurück, und Balken aus dem gleichen Material fassen die Fenster zu einem Band zusammen.
Drei Blicke braucht es, um den Umbau als solchen zu bemerken und in die ästhetischen Untiefen der Fassade einzutauchen. Am Bleicherweg in der Stadt Zürich steht man vor dem genauen Gegenteil einer heute üblichen Sanierung: Nicht zeitgeistig neu erscheint das Haus, sondern normaler als vorher.

Körperhaft statt schwebend
Architekt Peter Märkli schildert die Änderungen an der Fassade. Erstens: Die Pilaster zwischen den Fenstern nehmen dem Haus seine starke Horizontalität. Zweitens: Betonpfeiler in der Erdgeschossfassade stellen es auf den Boden. Drittens: Die vormals helle Attika mit Stahlgeländer verbindet sich nun steinschwarz mit der Hauptfassade, ebenso das Vordach. Und viertens: Das Mezzaningeschoss, vorher offen und gläsern, ist nun kunststeingerahmt und Teil der Fassade. Der Architekt beschreibt, wie die Fassade bestimmten Massbeziehungen folgt: Höhe Sockel und Attika, Achsabstand der vertikalen Elemente, Höhe Brüstungsbänder – alle Masse der Fassade sind die Hälfte, ein Viertel oder ein Achtel des Hauptachsmasses. Was man nicht bewusst sieht, gibt dem Gebäude seine harmonische Gestalt. Das vorher ‹schnelle› und ‹schwebende› Haus wurde, in Märklis Worten, «körperhafter und urbaner».
Über ein Präqualifikationsverfahren der Besitzerin des Hauses, der Anlagestiftung Turidomus, kam der Architekt zum Auftrag. In einem zweiten Schritt konnte er auch das anschliessende, nahezu gleich grosse Bürohaus nach demselben Prinzip sanieren. Das Bürohaus stammt ebenso von den Architekten Klemenz und Flubacher, gehört heute aber anderen Besitzern, die sich so einen Wettbewerb sparten. Den Innenausbau konnte Märkli hier wie dort nur prinzipiell vorgeben: Das Haus am Bleicherweg liess die Nutzerin, die Bank Vontobel, von einem anderen Architekten ausbauen, das Nachbarhaus wird im Rohbau vermietet.

Steinrecycling
Dass vorhandene Natursteinplatten wiederverwendet werden, ist laut dem Steinexperten Philipp Rück bei Fassaden, die nicht denkmalgeschützt sind, eine Ausnahme. Beim Bleicherweg wollten auch die in der Konkurrenz zweitplatzierten Pool Architekten die alten Platten neu einsetzen. Man darf bezweifeln, dass sich diese Strategie finanziell und bezüglich grauer Energie lohnt. Das wurde, laut Rück, noch nirgends gerechnet. Er untersuchte den Granit – ‹Labrador Dunkel› – auf seine Festigkeit hin und hatte ausser einigen Poren an der polierten Oberfläche nichts zu beanstanden. Die Platten wurden schon auf der Baustelle vom Fugensilikon befreit und nummeriert. Danach transportierte man sie zur Carlo Bernasconi AG nach Bern, wo man sie für die nun kleinere Teilung zuschnitt, die sichtbaren Kanten schliff und Löcher für die neue ‹Hinterschnitt›-Befestigung in die Rückseite bohrte. Grundgereinigt kamen alle Platten zurück zum Gebäude. Für die Steinuntersuchungen hatte man zwei Platten zerstören müssen, andere waren beschädigt, viele brauchte man neu für Attika, Vordach und Erdgeschoss, sodass zwar mehr als neunzig Prozent der alten Platten wiederverwendet werden konnten, aber trotzdem rund die Hälfte aller Tafeln aus einem skandinavischen Steinbruch und über eine Zusägerei in Italien nach Zürich kam. An der Fassade am Bleicherweg sieht man nun kaum einen Unterschied zwischen den alten und den neuen Platten.
Für Dieter Heim, Leiter der Bauabteilung der Carlo Bernasconi AG, war es das erste solche ‹Steinrecycling›. Peter Märkli erwähnte es auf seinen Wettbewerbsplänen nur beiläufig, so, als sei es selbstverständlich, das Material weiter zu brauchen, statt es in die Mulde zu werfen. Es scheint, als ob der Architekt dem Stein seine verloren gegangene Wertigkeit wiedergeben will. Nicht als moralisches Statement, sondern als künstlerisches Beharren auf der Zeitlosigkeit von Architektur.

Appliziert und gerahmt
Spricht man mit Märkli über seine bisherigen Anwendungen von Naturstein, erhärtet sich dieser Verdacht. In seinen frühen Bauten findet sich Stein nur als Bodenmaterial oder als Streifen an einem Cheminée. «Den Naturstein musste ich erst kennenlernen», sagt Märkli. Erst später konnte er ihn freier anwenden. «Über die Betrachtung von Malerei und von Werken verschiedener Architekten wurde meine Bildung immer reicher.» Zum ersten Mal findet sich beim Gebäude auf dem Novartis-Campus in Basel Stein in einer Märkli-Fassade, wo die Metallstruktur Travertinplatten rahmt. Dann beim Hauptsitz der Biotechfirma Synthes bei Solothurn, beides – wohl kein Zufall – Gebäude mit einem hohen Anspruch an Repräsentation.
Bei Synthes kombinierte der Architekt den Kalkstein mit glattem Ortbeton und aufgerauten, weiss bemalten Betonelementen, er applizierte ihn sichtbar an die mächtigen Kolonnadenpfeiler, mauerte ihn zur hohen Stirn des Gebäudes oder hängte ihn bossiert an die Stützmauern des Vorplatzes. Wie ein Maler Farben setzt Märkli Materialien ein und hat dabei keinen Vorbehalt gegenüber teureren oder billigeren.
Am Bleicherweg finden sich, wie schon in Solothurn, applizierte Natursteinplatten an den Stützen der Erdgeschossfassade. Kopf und Fuss der Stütze sparen sie aus, lassen den Beton sichtbar, und an einer Stütze neben dem Eingang ist Platz für ein Bronzerelief von Hans Josephsohn. Der Stein ist dort sichtbar ‹Platte›, betont so seine Oberfläche und Schmuckfunktion. Diese Lösung habe er von der Renaissance gelernt, sagt der Architekt. Nicht Stein an sich sei repräsentativ, er werde es erst durch eine Anwendung wie diese: sichtbar aufgesetzter Schmuck. Die Wahl des Materials sei keine Detailfrage, sondern eingebunden in den Gesamtzusammenhang. «Ob es Naturstein ist oder roher Beton, bestimme im Grunde nicht ich, sondern die Bauaufgabe und der Ort sind entscheidend.» Beim Bleicherweg war die Fassade gegeben. Märkli hat sie in seinem Sinne verbessert.

Sanierung Geschäftshaus (1967), 2013

Bleicherweg 21, Zürich
– Bauherrschaft: Immobilien-Anlagestiftung Turidomus, Pensimo Management AG, Zürich
– Architektur: Studio Märkli, Zürich
– Mitarbeit: Marcel Pola (Projektleitung), Lucas Frehner, Jakob Frischknecht, Sebastian Pater, Martin Rathgeb
– Auftragsart: Präqualifikationsverfahren, 2010/11
– Generalplanung und Bauleitung: HSSP, Zürich
– Gesamtleitung und Projektmanagement: Hämmerle und Partner, Zürich
– Bauingenieur Gebäudehülle: Thomas Boyle + Partner, Zürich
– Fassadenplanung: Feroplan Engineering, Zürich
– Natursteinuntersuchung: Materialtechnik am Bau, Schinznach Dorf
– Natursteinverarbeitung: Carlo Bernasconi AG, Bern
– Planung Natursteinfassade: Luchsinger & Partner, Quarten
– Kunststeinelemente: Studer, Frick
– Fassadenbau: Krapf, Engelburg
– Gesamtkosten (BKP 1–2) Fr. 21,3 Mio.

Dieser Artikel stammt aus dem Themenheft «Vom Berg zum Bau» erschienen im Dezember 2015.

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