Helmut Krapmeier, Daniele Ganser, Roderick Hönig (Moderator Schlussrunde), Christian Röthenmund und Rudolf Rechsteiner am Energieforum (v.l.n.r.) Fotos: PD

Energiewende: Spaziergang oder Bergtour?

Trotz des klaren Ziels waren sich die Referenten am Energieforum Schweiz keineswegs einig, wie die nahe Energiezukunft anzugehen sei. Eingeladen hat die IG Passivhaus.

«Fehler passieren in der Beschleunigung!», so leitete der umsichtige Conferencier Helmut Krapmeier das spannende und sorgfältig komponierte Energieforum vom 8.11. in der Volketswiler Bauarena ein. Der Architekt und Passivhaus-Pionier am Energieinstitut Vorarlberg gab die Stossrichtung des Tages insofern vor, als er klar machte, dass die Energiewende eben nicht nur technische Geräte und Systeme braucht, sondern auch (vielleicht vor allem) einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel und eben ein besonnenes Innehalten voraussetzt. Die Zusammensetzung der Referenten hat der Veranstalter IG Passivhaus entsprechend breit gefasst, sie ging vom lokalen Energieingenieur bis hin zum globalen Friedensforscher.

Den Anfang machte der Bund. Olivier Meile vom Bundesamt für Energie hatte 45 Minuten Zeit, den rund 80 Teilnehmern zu erklären, wie die offizielle Schweiz die Energiewende erreichen will. Mit zahlreichen Tabellen, Diagrammen und Prognosen skizzierte Meile die «Energiestrategie 2050», mit welcher der Verbrauch fossiler Brennstoffe in der Schweiz verkleinert und erneuerbare Energien gefördert werden sollen. Erstes Etappenziel: Eine Reduktion des Energieverbrauchs der Schweiz um 16 Prozent bis 2020. Dass zwischen Strategie und Realität offensichtlich eine Lücke klafft, zeigte Meiles Folie einer abnehmenden Energieverbrauchskurve, die auf einer Hochrechnung aus dem Jahr 2010 basiert. Denn sie widerspricht der Energierealität: Auch 2013 nimmt der Verbrauch noch zu. Martin Müller von der Energiefachstelle Thurgau sowie Werner Müller, Projektleiter von «2000-Watt-Gemeinde-Hohentannen», zeigten darauf am konkreten Beispiel, wie der Kanton Thurgau bereits heute die Umsetzung angeht. Die Lehren, welche die beiden Spezialisten aus ihrer Arbeit an der Energiefront zogen: Nur wenn Behörden und Fachplaner einen Konsens herstellen und die Bewohner ins Projekt einbinden können, kann das Projekt «2000-Watt-Gesellschaft» im Gemeinde-Massstab gelingen. Anschliessend berichtete Susan Boos, Redaktorin der Wochenzeitung, von ihren Reisen nach Fukushima. Die Autorin von «Fukshima lässt grüssen – die Folgen eines Super-GAUs» gab den Teilnehmer vor der Mittagspause folgende Fragen (und damit Argumente für erneuerbare Energien) mit: Was wäre, wenn es in Beznau zu einem ähnlichen Unfall käme? Wenn ganz Zürich evakuiert werden müsste? Ihr Vortrag hinterliess einen schalen Nachgeschmack.

Der Nachmittag gehörte Minergie, der Solarenergie und dem globalen Kampf ums Erdöl. Christian Röthenmund, seit 2013 Geschäftsführer von Minergie, skizzierte die drei Hauptthemen von Minergie in den kommenden Jahren: Sanierungen und Modernisierungen, Photovoltaik in der Fassade (und nicht auf dem Dach) und graue Energie. Rudolf Rechsteiner, Solar-Lobbyist und ehemaliger Parlamentarier machte auf die politische Dimension der Energiewende aufmerksam: «Erneuerbare Energien haben nichts mit Ressourcen zu tun, sondern nur mit Politik» schimpfte der Ökonom und forderte eine intensivere Förderung der Solarenergie in der Schweiz und etwa die schnellstmögliche Freischaltung aller derzeit blockierten Photovoltaik-Kontingente. Die erneuerbaren Energien würden den Strom verbilligen, nicht verteuern, widerspricht Rechsteiner der Atom-Lobby. Der letzte Referent der Tagung war Daniele Ganser. Der Basler Historiker und Friedensforscher zeigte eindrücklich die geopolitischen Zusammenhänge im globalen Kampf ums Erdöl auf – die «Öl-Beutezüge» der Amerikaner sind Gansers Hauptargument für die Energiewende. Denn nur die erneuerbaren Energien könnten dazu beitragen, unseren täglichen Verbrauch von Erdöl von 88 Millionen Fass zu reduzieren und damit für mehr Frieden auf der Welt zu sorgen, so der Leiter des Swiss Institute for Peace an Energy Research.

Die Schlussrunde machte klar, dass zwar alle am selben Strang zogen, aber nicht alle in die selbe Richtung: Rechsteiner wehrt sich vehement dagegen, dass die Energiewende Verzicht vom einzelen fordere, denn die Ressource Sonne sei ja unendlich und erst noch kostenlos. Krapmeier relativierte Rechsteiners Einschätzung, dass die Energiewende ein Spaziergang sei. Jeder müsse seinen Beitrag leisten, auch im (Flächen-)Verbrauch, so der Vorarlberger Architekt. Röthenmund verteidigte tapfer seine Minergie-Labels und verwies auf Ihren Beitrag in der Sensibilisierung einer breiten Öffentlichkeit für Energiefragen. Ganser sah die Energiewende als Gestaltungsfrage: Ob wir sie wollen oder nicht läge einzig an uns, so der Historiker sinngemäss.

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