Paläoanthropologin Marcia Poncé de Leon berichtet über die menschliche Raumwahrnehmung. Fotos: RMphotostudio

Aus dem Leben eines Saloniers, Teil 3

Im Oktober wartete der «Salon Suisse» an der Biennale mit einem themenreichen Programm auf. Da Mit-Kurator Marcel Bächtiger auch Hochparterre-Redaktor ist, berichtet er an dieser Stelle exklusiv aus Venedig.

Es war Anfang Oktober, und Venedig erstrahlte im schönsten Spätsommerlicht. Für die dritte Ausgabe des «Salon Suisse» an der Architekturbiennale hatten wir eine Fülle verschiedenartigster Beiträgen programmiert. Bereits am Dienstagabend öffneten erstmals die Türen des Palazzo Trevisan degli Ulivi, und wir begrüssten auf dem Podium den Fährtenleser und Stadtsoziologen Sebastian Bührig, der mit seinen Reflexionen über die Stadt als Schiff das Publikum gekonnt ins Gespräch verwickelte. Am Mittwochabend stellte meine Wenigkeit einige grundsätzliche Überlegungen zum Wesen der Architektur an und wagte zudem einer erste Zwischenbilanz – schliesslich befanden wir uns bereits in der Halbzeit des «Salon Suisse 2018», der unter dem Motto "En marge de l'architecture" die Architektur mit ausser-architektonischem Wissen zu bereichern versucht (zu den ersten beiden Anlässen siehe die Berichte hier und hier). 

Tim Kammasch (l.) im Gespräch mit Markus Draper und Patricia Hämmerle

Von der urbanistischen und architektonischen Theorie wanderte der Fokus am Donnerstag auf die künstlerische Praxis, als die beiden Künstler Patricia Hämmerle und Markus Draper Einblicke in ihr Werk gaben: Draper in die verschiedenen Arbeiten seiner Ausstellung «Inge zu Fuss zur Arbeit», die sich nicht zuletzt aus architekturhistorischer Sicht als hoch faszinierend erwiesen, Hämmerle in ihren berückend schönen Werkzyklus «Out of the Dark». Mit Nanni Baltzer war dann am Freitagabend eine Expertin der Fotografiegeschichte zum Gespräch geladen, die profund über die Entwicklung der Architekturfotografie berichten konnte, zeichnete sie doch als «Assistant Director» der Architekturbiennale 2004 für die damalige Fotosektion verantwortlich. Als ein Höhepunkt des bisherigen Programms erwies sich schliesslich der Auftritt der beiden Paläoanthropologen Marcia Ponce de León und Christoph Zollikofer am Samstagabend, die in einem ungemein reichhaltigen Vortrag den Bogen von den ersten menschlichen Siedlungen über die Entwicklung der menschlichen Raumwahrnehmung bis hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Architekturtheorie aus anthropologischer Sicht schlugen. Bezüglich des letzten Punkts sei an dieser Stelle berichtet: Als Wissenschaftler, die sich der evidenzbasierten Forschung verpflichtet sehen, stellten Ponce de Léon und Zollikofer etwas verwundert einen eklatanten Mangel an empirischem Wissen im Architekturdiskurs fest.

All dies geschah im gewohnt gastfreundlichen Ambiente des Schweizer Palazzos am Canale della Guidecca, und weil wir unsere Rednerinnen und Redner nicht nur für einen einzelnen Vortrag, sondern auch zur Gesprächsteilnahme an den anderen Abenden eingeladen hatten, legte sich bald schon eine familiäre Stimmung über den Salon Suisse. Wie in einem Klassenlager durfte dann auch das unvergessliche gemeinsame Erlebnis nicht fehlen. Dieses stellte sich am Samstagnachmittag ein, genauer: bei der zweiten Expedition an die Ränder der Lagune, organisiert von unserer lokalen Salonière Laura Tinti. Ziel der Reise war das Industrie- und Hafengebiet Marghera, ein riesiges, für den gemeinen Touristen unsichtbares Niemandsland, wo sich unter anderem auch Venedigs inoffizieller Strichplatz findet, welcher wiederum ein Forschungs- und Interventionsfeld von Laura Tintis künstlerischer Praxis ist. Der Ausflug umfasste eine Bootsfahrt in einem kleinen 40-plätzigen Fischerboot sowie einen Fussmarsch, was beides an sich nichts Besonderes wäre, wenn nicht eine halbe Stunde vor Abfahrt des Bootes sintflutartige Regenfälle eingesetzt hätten. Es wurde nun alles grau und kalt und nass, das kleine Fischerboot  immer kleiner und die Frachtschiffe, die wir passierten, immer grösser. Nach einer Stunde Fussmarsch in Marghera, entlang aufgegebener Bahngeleise und knöcheltiefer Pfützen, war die durchnässte Ausflugsgesellschaft am Punkt angelangt, die der Volksmund eine Grenzerfahrung nennt. Dabei handelte es sich ästhetisch gesprochen wahrscheinlich  um eine Erfahrung des Erhabenen: wie man sich angesichts der schieren Dimensionen von Schiffen und Brachland und der Allgegenwärtigkeit schweren Wassers plötzlich sehr klein fühlt. 

Exkursion ins Ungewisse: Marghera in Regen und Dunkelheit

Am Sonntag kam die Sonne zurück, am Lido ging man wieder schwimmen. Ende Oktober dann sah sich Venedig mit heftigen Unwettern konfrontiert, 70 Prozent des historischen Zentrums standen unter Wasser. Der Pegelstand, so hiess es in den Medien, war so hoch wie nie zuvor. – Was bringt die Zukunft? Diese Frage steht auch im Zentrum des letzten Salon Suisse, der von Donnerstag bis Samstag dieser Woche stattfindet (22. - 24. November). Über Gefahren und Chancen des 21. Jahrhunderts, über das Engagement des Künstlers und die Verantwortung der Architektur diskutieren wir mit der Künstliche-Intelligenz-Forscherin Mercedes Bunz, dem Makrosoziologen Steffen Mau, der Schriftstellerin Dorothee Elmiger und der Präsidentin des Bundes Schweizer Architekten (BSA), Ludociva Molo.

Kommentare

Kommentar schreiben
Ich kann das Bild nicht lesen