Hanns Zischler liest Walter Benjamins fantastische Beschreibung Neapels.

Aus dem Leben eines Saloniers, Teil 2

Vergangene Woche empfing der «Salon Suisse» Gäste aus der Philosophie, der Literatur und der Architekturtheorie. Mit-Kurator und Hochparterre-Redaktor Marcel Bächtiger berichtet exklusiv aus Venedig.

«Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein.» So beginnt Walter Benjamin seine Stadtbeschreibung von San Gimignano, um dann gleichwohl das Schwierige zu wagen und sprachlich zu fassen zu versuchen, was der Sehsinn als «allzublendendes Erlebtes» aufgenommen hat. Benjamins Gedanken zum Verhältnis von gesehenem und geschriebenem Bild, vielleicht auch zur Bildwerdung eines flüchtigen Eindrucks via den Prozess des Beschreibens, waren Ausgangspunkt einer ebenso tiefsinnigen wie luftig-frischen Interpretation unseres Saloniers Tim Kammasch, die er am vorvergangenen Freitagabend vor einer aufmerksamen Hörerschaft im Palazzo Trevisan degli Ulivi präsentierte. Der Satz würde sich im Rückblick aber auch bestens als verbindendes Thema der drei Soirées eignen, mit denen der Salon Suisse vom 13. bis zum 15. September in regulären Betrieb trat. Soirées, die alle auf ihre eigene Weise mit dem Sprechen oder dem Schreiben oder dem Denken über Architektur zu tun hatten.

Als Gäste des ersten Abends hatten wir Ludger Schwarte und Jörg Gleiter eingeladen, ersterer Philosoph und Schriftsteller und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, letzterer Professor für Architekturtheorie an der TU Berlin und daselbst Direktor des Instituts für Architektur. Ihr gemeinsames Interesse gilt einer «Philosophie der Architektur», die sowohl das Denken über und anhand der Architektur meint, als auch das praktische Entwerfen als Denk- und Reflexionsprozess begreift. Dass man sich architektur-philosophierend zwar um die Präzision von Wort und Sprache bemüht, aber dennoch nicht in der Sphäre der blossen Begriffe verhaftet bleiben muss, zeigte das Gespräch im Salon, das so weit auseinander liegende Phänomene wie die Rolle des öffentlichen Raums in der französischen Revolution oder den diskursiven Gehalt des Schweizer Pavillons an der diesjährigen Biennale verhandelte und dabei ausgesprochen lebendig wurde, nicht zuletzt, weil die Herren Schwarte und Gleiter über die Jahre eine ebenso lebendige Streitkultur entwickelt zu haben scheinen. 

Salonier Tim Kammasch (r.) eröffnet den Abend mit Ludger Schwarte (2. v. l.) und Jörg Gleiter (2. v. r.)

Den etwas unscharfen Begriff «Freespace» (das Motto der diesjährigen Biennale) plötzlich klar vor Augen treten und architektonisch konkret werden zu lassen, blieb derweil einem Schriftsteller des 18. Jahrhunderts vorbehalten, dessen Reisetagebuch die Literaturwissenschaftlerin Caroline Torra-Mattenklott, unser Gast der zweiten Soirée, aus dem Hut zauberte: Karl Philipp Moritz' «Reisen eines Deutschen in Italien». Der freie Raum, der allen offen steht, der Raum, den Moritz selbst zum lesen und studieren aufsucht und in welchem er sich «so bequem und gemächlich wie in einem Wohnzimmer» findet, dieser immense Innenraum mitten in Rom und die dazu gehörende Aussichtsterrasse in luftiger Höhe, die beide weder Zugangsbeschränkungen noch Eintrittsgelder kennen – das ist nichts anderes als der Petersdom anno 1786. Und das ist so eigenartig wie bedenkenswert, wenn man sich die Schranken vor Augen führt, die unsere öffentlichen Räume heute umgeben, sei es aus Sicherheitsbedenken oder aus purem finanziellen Interesse. Aber man lese selbst.

Stadtbaugeschichte aus literarischer Perspektive: Caroline Torra-Mattenklott erläutert Karl Philipp Moritz' «Reise eines Deutschen in Italien»

Die literarischen Stadt- und Architekturbeschreibungen von Moritz und Goethe bis Benjamin wurden gelesen und damit in ein sinnlichen Erlebnis verwandelt von Hanns Zischler, seines Zeichens Schauspieler, Essayist, Buchautor und Herausgeber, Sammler, Fotograf und vieles mehr. Dem vielseitig Begabten widmeten wir die dritte und letzte Soirée im September, ein Abend, der gleichzeitig eine Ausstellung war und Fundstücke und Fotografien Zischlers präsentierte, eine Reise durch Räume voller verborgener, verlorener oder verschütteter Geschichten, von Berlin bis Rom, eine Aufforderung auch zum geduldigen Sehen. Vielleicht nämlich muss man erst einmal lernen zu erkennen, was man vor Augen hat, bevor man die Worte dazu finden kann. Im Verlauf der drei Abende jedenfalls zeichnete sich langsam, aber sicher ab, was wir im Programm als «kulturellen Wert der Architektur» bezeichnet hatten, schöner noch: es stellte sich ob der Vielfalt der Beiträge tatsächlich der Eindruck ein, als würde man sich auf einer Reise an die Grenzen der Architektur befinden und tagtäglich gedankliches Neuland betreten (das Programm des diesjährigen Salon Suisse trägt den Titel «En marge de l'architecture»). 

Das Fischerboot nimmt Kurs auf die Ränder der Lagune.

Dabei waren weder Reise noch Ränder rein metaphorischer Art: Unter Leitung von Salonier Stanislas Zimmermann, der das Publikum am Samstag Vormittag mit einer fundierten Vorlesung über die «Anatomie der Lagune» in Bann zog, bestiegen wir am Mittag desselben Tages ein altes Schifferboot, dessen kundiger Kapitän uns an die unbekannten Ränder der Lagune brachte: dorthin, wo das gigantomanische «Mose»-Projekt in Bau ist, welches mittels siebzig aufklappbaren Hohlkörpern die Wassermassen der offenen See abhalten und die Lagune so vor Hochwasser schützen will. Dorthin auch, wo die Lagune ganz seicht wird, die Venezianer in Badehosen durchs Wasser waten und immer wieder kleine grasbewachsene Inselchen an die Oberfläche treten.

Ich weiss nicht, ob Sie wissen, wo die geschwungene Form des Canal Grande herrührt. Es ist die letzte grosse Schlaufe des Flusses Brenta, der bei Trient entspringt und durch die Venezianische Lagune zieht, bevor er ins Meer mündet. Dasselbe tun auch etliche andere Flüsse, und zwischen den besagten kleinen Inselchen entdeckt man den heiteren Schwung ihrer Läufe. Es ist dieselbe Form wie beim Canal Grande, ein ungebautes Venedig im Miniaturformat. So begreift man vom Rande Venedigs her plötzlich etwas vom seinem Inneren. Das ist dann wieder ein schönes Bild für die Absicht unseres Salons.

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Ich kann das Bild nicht lesen