Kinder im Schulhaus Sihlfeld in Zürich. Fotos: Anne Morgenstern

Die richtige Ausgangslage

Warum sozial durchmischte Quartiere das Zusammenleben für alle aufwerten und gleichwertige Bildungschancen fördern. Eine Auslegeordnung entlang von sechs Stationen.

Gute Architektur garantiert noch kein angenehmes Quartierleben, genauso wenig wie gute Bildung einem Kind dereinst eine erfolgreiche berufliche Zukunft sichert. Doch gut gebaute, sozial durchmischte Wohnquartiere sind attraktiv und können Lehrerinnen und Lehrern helfen, ihre Arbeit noch besser zu machen. Umgekehrt steigern Schulen mit gutem Unterricht die Attraktivität des Wohnumfelds. Wie aber spielen sozialräumliche Entwicklungen, Bildungseinrichtungen, erfolgreiches Lernen und Integration zusammen? Sechs Stationen entlang von Bildung, Stadtentwicklung, Immobilienwirtschaft, Integration, Politik und Forschung beleuchten diese Frage.

Die Kinder herausfordern

Erster Halt an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Am Zentrum für Schule und Entwicklung arbeitet Claudia Neugebauer. Die einstige Primarlehrerin ist heute Dozentin für Deutsch als Zweitsprache und leitet Unterrichts- und Schulentwicklungsprojekte in Gemeinden und Stadtteilen mit hohem Anteil an mehrsprachig aufwachsenden Kindern. Über ihre eigene Schulzeit in den Siebzigerjahren in Zürich-Wiedikon sagt sie: «Etwa die Hälfte meiner Gspändli stammte aus Familien, die in die Schweiz eingewandert waren.» Vielsprachige Klassen mit einer ethnisch und sozial durchmischten Schülerschaft waren später als Lehrerin ihr bevorzugtes Arbeitsumfeld. Im Unterricht stellte sie schnell fest, wie entscheidend der Mix einer Schulklasse für das Lernen der Kinder ist.

Zwar gilt als empirisch gut abgesichert, dass die individuellen kognitiven Fähigkeiten sowie der familiäre und soziale Hintergrund das Lernen prägen. Darauf habe die Lehrperson keinen Einfluss, sagt die Forschung. «Wesentlich ist deshalb die Frage, wie der Unterricht zu gestalten ist, um möglichst vielen Kindern gute Lernerfolge zu ermöglichen», sagt Claudia Neugebauer. Die Zusammensetzung einer Schulklasse spielt dabei eine bedeutende Rolle. «Wenn es in einer Klasse Kinder gibt, die zu Hause erleben, wie diskutiert wird, oder dass Lesen eine Bereicherung sein kann, wirkt sich das auf die Klasse als Lerngemeinschaft aus.» Kinder, die wenige solche Erfahrungen mitbringen, können durch ihre Peers davon erfahren. Das setzt allerdings voraus, dass die Lehrpersonen entsprechende Lerngelegenheiten anbieten. Denn die aktuelle Forschung zeigt, dass die Lernerwartungen sinken, wenn der Anteil an Kindern aus sozial benachteiligten Familien ein bestimmtes Mass überschreitet: «Lehrpersonen erwarten von Kindern aus sozial benachteiligten Familien unbewusst weniger Lernerfolg und stellen ihnen deshalb weniger anspruchsvolle Aufgaben.» Claudia Neugebauer spricht von einem herausfordernden Angebot für alle Kinder, das für erfolgreiches Lernen nötig sei. Für ihre Arbeit sind positive Beispiele, die für andere Schulen richtungsweisend sein können, bedeutsam. Deshalb untersucht sie derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Pädagogischen Hochschule Thurgau, wie Lehrpersonen ihr Handeln bewusst wahrnehmen, reflektieren und verändern können. «Es geht dabei um die Mikroebene des sprachlichen Handelns, die einem selbst oft gar nicht bewusst ist», erklärt sie. Die Ergebnisse will das Forschungsteam für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen aufbereiten.

Die Grafiken, die diesen Artikel illustrieren, zeigen am Beispiel der Stadt Zürich – der grössten Schulgemeinde der Schweiz –, wie Mietpreise, Lernerfolg und Integration zusammenspielen.

QUIMS – Qualität in multikulturellen Schulen

Im Kanton Zürich gibt es für Schulen mit überdurchschnittlich vielen Kindern aus sozial benachteiligten und fremdsprachigen Familien das Schulentwicklungs- und Unterstützungsprogramm QUIMS – das für «Qualität in multikulturellen Schulen» steht. Das Programm konzentriert sich auf die drei Handlungsfelder Förderung der Sprache, Schulerfolg und soziale Integration. QUIMS-Schulen werden mit verschiedenen Massnahmen bei der Realisierung dieser Anliegen fachlich und finanziell unterstützt. Das soll sicherstellen, dass alle Schülerinnen und Schüler ein gutes Leistungsniveau erreichen und gleichwertige Bildungschancen haben.

QUIMS startete vor zwanzig Jahren als Pilotprojekt in zwei Stadtzürcher Schulhäusern mit mehr als vierzig Prozent Kindern mit Migrationshintergrund. Die ermutigenden Resultate führten dazu, dass der QUIMS-Ansatz vom Zürcher Kantonsrat unterstützt und 2005 im Volksschulgesetz des Kantons verankert wurde. Heute leistet der Kanton Zürich jährlich eine finanzielle Unterstützung von durchschnittlich 40 000 Franken pro QUIMS-Schule. Rund 130 Schulen in der Stadt Zürich, in Winterthur und in den Agglomerationsgemeinden sind beteiligt.

Einer der Arbeitsschwerpunkte von Claudia Neugebauer ist guter Sprachunterricht in QUIMS-Schulen. In Kooperation mit dem Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz führt sie seit mehreren Jahren Schulentwicklungsprojekte zu wirksamem Sprachunterricht durch. Sie beobachtet, dass die angebotenen Massnahmen in sozial stärker durchmischten Quartieren rascher greifen als dort, wo die Schülerinnen und Schüler überwiegend aus sozial benachteiligten Familien stammen. Als gutes Beispiel nennt sie das Sihlfeldschulhaus im Zürcher Hardquartier siehe Seite 12. Wo einst vor allem sozial wenig privilegierte Familien lebten, zeigt sich heute – nachdem das Quartier verkehrsberuhigt wurde –, wie sich die Nachbarschaft verändert. Das ist auch im Angebot des Wohnungsmarkts begründet. Die zunehmende Gentrifizierung könnte aber wiederum zu einer sozialen Entmischung führen – diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Ein interdisziplinärer Diskurs zwischen Immobilienwirtschaft und Bildungsinstitutionen wäre essenziell, fehlt aber bisher. Ein entscheidender Fortschritt könnte sein, die Bedürfnisse der Schulen einzubeziehen, wenn ein Quartier entwickelt oder Siedlungen saniert werden. Die Frage ist, wer sich hier in der Verantwortung sieht.

Die Grafiken, die diesen Artikel illustrieren, zeigen am Beispiel der Stadt Zürich – der grössten Schulgemeinde der Schweiz –, wie Mietpreise, Lernerfolg und Integration zusammenspielen.

Weitsichtige Stadtentwicklung

Nächster Halt im Kreis 4 bei Barbara Emmenegger. Sie arbeitet als selbstständige Soziologin in Zürich und als Dozentin am Institut für soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern. Sie beschäftigt sich mit Fragen des Zusammenspiels von sozialen und räumlichen Entwicklungen und dabei insbesondere mit partizipativen Prozessen in Gemeinde-, Stadt- und Siedlungsentwicklungen. Barbara Emmenegger ist in Horw aufgewachsen, einem Luzerner Vorort. «Heute sprechen wir von Segregation beim Wohnen. Doch Städte und grössere Gemeinden waren schon immer segregiert. Eine gewisse Segregation macht Stadt eben aus», sagt die Soziologin. Damals, Anfang der Siebzigerjahre, sei auch Horw klar segregiert gewesen. Es gab ein Oberdorf mit Ein- und Zweifamilienhäusern und ein unteres Dorf mit grossen Mehrfamilienhäusern entlang der Kantonsstrasse und des Bachs, der immer wieder über die Ufer trat, und natürlich die Villen mit Seeanstoss oder Seeblick, an denen sie sonntags staunend vorbeispazierte.

Ende der Neunzigerjahre arbeitete Barbara Emmenegger als Projektleiterin bei der Fachstelle für Stadtentwicklung der Stadt Zürich. Sie beschäftigte sich auch mit den Quartieren um die Weststrasse, wo sich der Transitverkehr durch die Stadt wälzte: «Es gab wenig öffentliche Räume, und wir versuchten, die Infrastruktur aufzuwerten und Freiräume zu schaffen für die Menschen, die dort lebten.» Natürlich hätten sie da und dort etwas bewirkt, insbesondere auch in der interdepartementalen Zusammenarbeit mit der Gemeinwesenarbeit, Grün Stadt Zürich, den Schulen oder dem Tiefbauamt. «Gemeinsam mit den Quartierbewohnerinnen und -bewohnern konnten Treffpunkte wie der Popcorn-Treff auf der Fritschiwiese, Spielplätze in der Hardau oder Begegnungsmöglichkeiten für niederschwelligen Austausch in den Quartieren aufgebaut werden.» So richtig verändert habe sich die Lage im Sihlfeld- und im Hardquartier aber erst, als der grosse Hebel angesetzt wurde: die Eröffnung der Westtangente mit den flankierenden Massnahmen in diesen vom Verkehr stark belasteten Quartieren. Die Sihlfeld- und die Weststrasse wurden zu Quartierstrassen abklassiert, und die Lebensqualität verbesserte sich sofort und gewaltig – ein Mehrwert für die dortigen Immobilien. Gleichzeitig profitierte Zürich von einem wirtschaftlichen Aufschwung. «Noch in den Neunzigerjahren geplagt von der Abwanderung von Arbeitsplätzen und gut betuchten Bewohnerinnen und Bewohnern, boomt nun beides in Zürich – wiederum mit Auswirkungen auf die Immobilien- und damit die Mietpreise», sagt die Soziologin.
 

Kinder im Schulhaus Sihlfeld in Zürich.

Umsichtige Wohnbaupolitik

Wie lassen sich Quartiere aufwerten, ohne die Bevölkerung mit tieferen Einkommen zu verdrängen? «Städte und Gemeinden müssen sich für preisgünstigen und auch für gemeinnützigen Wohnungsbau einsetzen», sagt Barbara Emmenegger. Das erfordere viel Weitsicht. In den Quartieren Hard und Sihlfeld etwa hätte die Stadt sich entlang der einstigen Transitachse frühzeitig Immobilien sichern müssen, als sie noch günstig waren. Auch politische Initiativen wie diejenige für ‹Mehr bezahlbare Wohnungen› findet sie essenziell. «Wobei die Stadt Zürich mit einem Viertel gemeinnützigen von rund 220 000 Wohnungen schon relativ gut mit dabei ist.» Als wichtige Akteure für ein gut funktionierendes, vernetztes und unterstützendes Quartierleben sieht Emmenegger neben der Schule auch die Arbeit der soziokulturellen Animation oder der Gemeinwesenarbeit, die als Vermittlerinnen zwischen den Instanzen agieren und wo nötig Partei ergreifen können.

Und was hält die Soziologin von ‹Busing›-Konzepten? Bereits seit den Sechzigerjahren setzten etwa Städte der USA auf das System, Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch schwächeren Quartieren in bessergestellte Bezirke zu transportieren. «Diese Idee hat sich dort nicht durchgesetzt und hatte auch hierzulande glücklicherweise keine ernsthafte Chance.» Die Lösung für sozial durchmischte Schulklassen sieht Emmenegger keinesfalls in der Umteilung von Kindern, sondern in der Wohnbau- politik: «Gibt es in einem Quartier für alle sozialen Schichten attraktive Wohnungen, kann eine zu starke soziale Entmischung verhindert werden.»
 

Kinder im Schulhaus Sihlfeld in Zürich.

Auch mit günstigem Wohnraum Geld verdienen

Doch welche Rolle spielt in diesem Gefüge die private Immobilienwirtschaft? Die Nachfrage nach preisgünstigem Wohnraum steigt und rückt dieses Segment auch in den Fokus von Investoren. So gründete die Pensimo, eine Immobilienfirma von Pensionskassen, 2010 die Anlagestiftung Adimora, um institutionellen Anlegern eine Beteiligung in diesem Segment zu ermöglichen.

Schulnähe und Attraktivität der Schulen in einem Quartier wiederum interessieren die Immobilienentwicklerinnen und Investoren insofern, als das in Inseraten die Vermarktung befördert. Zur Frage, wie sich die Arbeit der Immobilienbranche auf Quartierentwicklung, sozioökonomische Durchmischung und damit auf die Schulen auswirke, wollen sich die meisten der grossen privaten Wohnbauträger nicht äussern. «Nicht unser Thema», «politisch aufgeladen», «zu viele Hypothesen», heisst es auf Anfrage.

Ein Immobilienentwickler, der für alternative Pionierprojekte steht, ist Steff Fischer. Der Zürcher wurde vor 61 Jahren als Sohn eines Sattlers im Zürcher Oberland geboren. «Mit Durchmischung kam ich zum ersten Mal als Primarschüler in Fällanden in Kontakt. Damals wurden dort die ersten Wohnblöcke gebaut, wir Kinder von Bauern, vom Schmied oder vom Sattler waren in der Überzahl. Die Zugezogenen – alles Schweizer – waren für uns ‹Ausländer›, mit denen wir nicht spielten.» Nach zwei Jahren hätte sich das ausgewachsen.

Quartierentwicklung und Schule zu vernetzen, war für Steff Fischer lange Zeit weitgehend kein Thema, ein Austausch mit Schulen oder Kitas gibt es in seinem beruflichen Alltag selten. «Ein untergeordnetes Thema», sagt er. «Irgendwann im Lauf eines Projekts fragt der Investor vielleicht, ob das Schulangebot in der Nähe abgedeckt sei.» Er könne es nicht mit Zahlen belegen, aber Fischer ist überzeugt, dass ein lebendig durchmischtes Quartier – inklusive einer durchdachten Erdgeschossnutzung – sich langfristig positiv auf die Einnahmen auswirkt: «Ebenfalls bezüglich Leerstand – wenn auch lange Zeit niemand mehr glaubte, dass es irgendwann wieder Leerstand geben würde.» Ein durchmischtes Wohnangebot zu entwickeln und die Bildungsinstitutionen früh einzubinden, verursache zwar höhere Planungskosten. «Wichtig ist aber eine nachhaltige Rendite.»

Lösungsansätze für eine vernetzte Bildungslandschaft und ein Wohnungsangebot, das alle sozialen Schichten einschliesst? Eine Methode wendet Steff Fischer in vielen seiner Projekte an: statt teurer Renovationen das Nötigste machen, die Mieten tief halten und die Mieter untereinander netzwerken lassen. «Vor allem aber sollten sich alle Akteure dem Thema der sozialen Durchmischung verpflichtet fühlen und darüber Debatten führen.» Behördliche Regulierungen oder Anreizsysteme sieht er nicht als Lösung, er zählt auf Eigenverantwortung: «Es braucht ein Umdenken, auch seitens der Besitzer, ob privat oder öffentlich.» Wer mit einem Grundstück Geld verdiene, sollte sich seiner gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst sein und mit seiner Immobilie versuchen, städtebauliche Antworten darauf zu finden.
 

Die Schule Sihlfeld in Zürich.

Integration und Zusammenarbeit

«The battleground is for education as much as for housing», konstatierte der britische Geografieprofessor Chris Hamnett bezüglich Gentrifizierungsprozessen. Sozial entmischte Quartiere stünden für eine entsolidarisierte Zweiklassengesellschaft, ohne Platz für Gerechtigkeit, Toleranz und Verantwortung. Ein düsteres Bild, dem eine zuversichtliche Position entgegenzusetzen sich lohnt.

Kurt Zubler arbeitet seit zwanzig Jahren für die Integrationsförderung des Kantons und der Stadt Schaffhausen. Die Kooperation von Quartierentwicklung und Wohnbauträgern sieht er als Schlüssel für erfolgreiche Integration und ausgeglichene Bildungschancen. Ein frühes und erfolgreiches Projekt der Stadt Schaffhausen war die Aufwertung des Quartiers Birch am Stadtrand: «Gemeinsam mit dem Bundesamt für Wohnungswesen gelang es, dem wachsenden Leerwohnungsbestand und den Segregationserscheinungen entgegenzuwirken», sagt Kurt Zubler. Essenziell für den Erfolg sei die Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft Logis Suisse gewesen, die im Quartier mehrere Liegenschaften besitzt und der städtischen Quartierarbeit etwa eine Wohnung als Quartierbüro zur Verfügung stellte siehe Seite 20.

Der schulische Erfolg eines einzelnen Kindes korreliert laut dem Integrationsdelegierten weniger mit dem Migrationshintergrund als viel mehr mit den finanziellen Mitteln und dem Bildungsstand der Familie. «Für die Entwicklung und das zu entfaltende Potenzial eines Kindes sind die ersten vier Lebensjahre entscheidend, die frühkindliche Zeit also», sagt Kurt Zubler. Neben einem funktionierenden Quartierleben sei es wichtig, sozial benachteiligte Familien in aufsuchender Arbeit früh kennenzulernen und zu beraten. Und was er bedeutsam findet: «Oft geht vergessen, dass alle Eltern nur das Beste für ihr Kind möchten – auch die, denen nur wenige Mittel zur Verfügung stehen.» Geht es um Aufwertung, rät er zu Mass und Umsicht: «Die Balance zu finden, ist wesentlich.»
 

Kinder im Schulhaus Sihlfeld in Zürich.

«Jedes Kind ist anders»

Fünfte und nächste Station: die Bildungspolitik. Die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner präsidiert auch die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. Sie erlebte das Verhältnis von sozialer Durchmischung und Bildung, als sie nach der sechsten Klasse ins Gymnasium kam: «Ich bin in Zürich-Oerlikon aufgewachsen. In diesem Quartier haben es nicht viele Kinder ins Gymi geschafft. Aus anderen Quartieren dagegen kamen ganz viele Kinder – da habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen Bildungserfolg und sozialer Zusammensetzung der Schulen.» Umso entscheidender also, die Entwicklung der Schulen und die der Gemeinde zu synchronisieren: «Diese beiden Entwicklungen zusammenzubringen, ist herausfordernd», meint Bildungsdirektorin Steiner. Werde ein neues Wohnquartier geplant, sei es meist schwierig vorherzusehen, wie viele Plätze in den Schulen nötig würden. Nun sind für die Volksschule aber die Gemeinden zuständig, neue Schulhäuser zu planen und zu bauen. Bei den Gymnasien und den Berufsfachschulen, für die der Kanton zuständig ist, stellen sich andere Herausforderungen: Hier spielen auch Faktoren wie Verkehrsströme eine Rolle.

Von Chancengleichheit in der Bildung könne man so nicht sprechen, meint Silvia Steiner, treffender findet sie den Begriff Chancengerechtigkeit: «Jedes Kind ist anders und bringt andere Voraussetzungen mit. Die Schule muss dafür sorgen, dass jedes Kind das Beste daraus machen kann.» Die Chancengerechtigkeit könne in einem sozial durchmischten Quartier unter Umständen besser sein als in einem, in dem nur Kinder mit einem ähnlichen sozialen Hintergrund zur Schule gehen. Um in belasteten Gebieten bessere Bildungschancen zu schaffen, wird die Ressourcenzuteilung heute etwa an einen Sozialindex gekoppelt: «Sozial stärker belastete Gemeinden oder Quartiere bekommen prozentual mehr Lehrpersonenstellen zugesprochen», sagt die Bildungsdirektorin. Zudem gebe es im Kanton Zürich die Unterstützung durch das Programm QUIMS. Ihre Rolle sieht sie darin, in den Schulen die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Lehrerinnen und Lehrer gute Arbeitskonditionen vorfinden. 
 

Kinder im Schulhaus Sihlfeld in Zürich.

Forschung zu einer gerechten Stadt

Sechste und letzte Station: die Forschung. Oliver Dlabac ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Demokratie Aarau. «Die sozialräumliche Segregation ist in der Schweiz deutlich geringer als etwa in den Vereinigten Staaten oder in Frankreich – sie spielt aber auch hierzulande eine Rolle, wie Studien zur Verteilung sozialer und ethnischer Bevölkerungsgruppen zeigen», sagt er. Er ist in Zürich-Altstetten aufgewachsen, einem Quartier mit hohem Migrationsanteil. Aus seiner Klasse war er einer der wenigen, die ans Gymnasium wechselten. Seines Interesses für Mathematik wegen kam er ans Gymnasium Rämibühl: «Plötzlich hatte ich Schulkollegen, die an der Goldküste wohnten, das war ein Kulturschock», meint er rückblickend.

PISA-Studien zeigen regelmässig, dass der individuelle Bildungserfolg in der Schweiz überdurchschnittlich stark an die soziale Herkunft gekoppelt ist. Zwar ist der Anteil an privaten Schulen mit vier Prozent vergleichsweise gering. Die Zuweisung an die öffentlichen Volksschulen erfolgt durch die lokale Schulbehörde, es gibt keine freie Schulwahl der Eltern. «Allerdings lässt sich in einigen Quartieren und Gemeinden eine Wohnsegregation beobachten, die zu Klassenzusammensetzungen führt, die sich – trotz Kompensationsmassnahmen – negativ auf die individuellen Schulleistungen auswirken.» Dabei gelten die ersten Schuljahre als besonders entscheidend. «De facto ist die eigene Schulwahl gut informierten und vermögenden Eltern vorbehalten, die ihre Kinder auf eine Privatschule schicken oder sich einen Wohnort mit sozial weniger belasteten öffentlichen Schulen leisten können», sagt Oliver Dlabac. Er ist überzeugt: Unterschiedliche kulturelle und materielle Ressourcen gefährden die generationenübergreifenden Aufstiegschancen sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb untersucht er mit zwei Projekten, wie sich die Ausgangslage verbessern lässt. Sein international angelegtes Projekt ‹Die demokratischen Grundlagen der gerechten Stadt› wird vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Darin untersuchen Dlabac und sein Team stadtplanerische Massnahmen, um Segregation zu vermeiden. Sie wollen identifizieren, was die ‹gerechte Stadt› ausmacht und wie sich gleiche Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung für alle schaffen lassen. Resultate sind 2020 zu erwarten.

Ein Algorithmus für mehr Égalité?

Dlabacs zweites Projekt, das er bereits dieses Jahr abschliesst, ist eine Pilotstudie mit dem Titel ‹Soziale Durchmischung in städtischen Schulen – eine politische Aufgabe?›. Mit dieser Arbeit nimmt der Politikwissenschaftler neue Entwicklungen in der internationalen Forschung zur zunehmenden schulischen Segregation in städtischen Kontexten auf. Konkret untersucht er, inwieweit die institutionalisierten Strukturen und Praktiken der Schulzuweisung die Wirkungen der Wohnsegregation im Schulbereich entweder verstärken oder aber diesen erfolgreich entgegenwirken. Das Projekt soll Modelle identifizieren, wie – trotz weiterer Wohnsegregation – eine möglichst hohe soziale und ethnische Durchmischung an Schulen erreicht werden kann. Das Ziel: ein Algorithmus, der Einzugsgebiete und Schulkreise optimiert. «Natürlich ist ein solches digitales Werkzeug nicht die Lösung aller Probleme, es kann aber als ergänzendes Korrektiv funktionieren.» Die Pilotstudie startet in der Stadt Zürich und soll auf vier weitere grosse Schweizer Städte ausgeweitet werden, um Vergleiche zu ermöglichen und eine nationale Debatte anzustossen.

In der Schweiz ist der Grundsatz einer egalitären öffentlichen Volksschule in der Bevölkerung breit abgestützt. Durch die ungleiche Verteilung des Wohlstands, unterschiedliche Wohnkosten und individuelle Entscheidungen zum Wohnort resultieren allerdings Schulen mit sehr unterschiedlicher sozialer und ethnischer Zusammensetzung – womit die Bildungs- und Aufstiegschancen der Kinder nicht nur vom sozialen Hintergrund ihrer Eltern, sondern auch von der besuchten Schule abhängen. Nun plant die Stadt Zürich, auf das Jahr 2025 flächendeckend die Tagesschule einzuführen. Damit verbunden ist die Absicht, durch die gemeinsam verbrachte Mittagszeit, lernanregende Freizeitangebote und die abgeschafften Hausaufgaben die Chancengerechtigkeit zu fördern. Das ist ein weiterer Ansatz auf einem komplexen Weg. Wichtige Voraussetzung ist aber auch hier die gelungene soziale Durchmischung von Quartieren und Schulen.

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