Ein Ausschnitt aus dem Scroll-Comic. Die Taubenmenge habe ich gefilmt und später als einzelne Bilder auf Papier ausgedruckt.

«Hesch echt chli Münz?»

Luisa Zürcher studiert in Luzern Animation und hat einen Comic über ihre Begegnung mit dem St.Galler Obdachlosen Bruno gestaltet.

«Hesch echt chli Münz?» ist ein Comic über meine Begegnung mit Bruno. Er lebt im Wald in einem Zelt und ist in St.Gallen eine Legende. Meine Treffen mit ihm verliefen sehr unterschiedlich und unerwartet, wie sich auch meine Gefühle und Gedanken ihm gegenüber immer wieder stark veränderten.

Das Projekt startete mit der Frage: «Wo waschen sich Obdachlose während der Coronakrise die Hände?» Ich begegne Obdachlosen immer freundlich, aber auch mit einem gewissen Respekt. Um diese Distanz zu überwinden, wollte ich einen dieser Menschen näher kennenlernen. Ich habe mir vorgenommen auch etwas von mir preiszugeben und dieser Person auf Augenhöhe begegnen. Schnell bin ich auf Bruno aufmerksam geworden, der sich oft am Bahnhof St.Gallen aufhält. Vorher kannte ich nur die Gerüchte, die über ihn in der Stadt kursieren. Jetzt wollte ich mehr über ihn und seinen Alltag erfahren, zum Beispiel: «Ist dir denn nie langweilig?»

Nach meinen Treffen mit Bruno habe ich unsere Gespräche und meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Aus den verschiedenen Textteilen habe ich dann versucht, einen interessanten Aufbau zusammenzusetzen.

Also bin ich los in die Stadt um ihn zu treffen, mein Fragebogen und ein Aufnahmegerät bereit. Und ich habe gewartet, zwei Tage lang ist er nicht am Bahnhof aufgekreuzt. Als ich ihn dann endlich sah, war ich so nervös, dass ich ihn zuerst gar nicht ansprechen konnte. Darum habe ich mich in seiner Nähe auf ein Bänkli gesetzt und in meinem Skizzenbuch zu zeichnen begonnen. Da hat er mich angesprochen und aus dem Nichts angefangen, über sich zu erzählen. Es war ein lustiges und spannendes Gespräch.

Ursprünglich wollte ich einen Animationsfilm mit gemischten Medien machen. Der rote Faden sollte Brunos Stimme sein. Als ich ihn aber das zweite Mal traf, war er in schlechter Verfassung und erzählte mir skurrile Geschichten und Verschwörungstheorien. So beschloss ich, einen Comic über unsere Begegnungen zu machen und darin meine Gefühle und Gedanken einzubringen, die ich während unseren Treffen hatte.

Verschiedene Ausschnitte aus dem Scroll-Comic. Mir war es wichtig, verschiedene Techniken und Materialien auszuprobieren. Trotzdem sollten die Teile zusammenpassen und als Ganzes erscheinen.

Mich nervten gewisse Gedanken und meine Vorurteile. Manchmal nervte mich auch Bruno. Meine Frage, ob ihm oft langweilig sei, beantwortet er widersprüchlich – ohne dass ich sie ihm wirklich stellte.

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