Hoyerswerda, knapp vor dem Dreiländereck, inmitten von Irgendwas gelegen. Fotos: Lukas Fink

Aus dem post-sozialistischen Vakuum

Zugegebenermassen schätze ich die Oberlausitz als eine zu grossen Teilen des Geschmacks und Allgemeinstils befreite Gegend ein. In diesem Sinne aber durchaus wunderschön poetisch in Waschbeton, Graustufen und tief liegender Wolkendecke.

Ebenso ernüchternd wie auch erhellend ist ein Besuch in Hoyerswerda, knapp vor dem Dreiländereck, inmitten von Irgendwas gelegen.
Anders als die uralte Herkunft der örtlichen Kultur ist die Geschichte der Stadt kurz. Als Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Hälften zerfällt und das DDR-Instrumentarium bis in alle Nervenenden einer funktionieren Gesellschaft gedrungen ist, findet man in der Umgebung von Hoyerswerda Braunkohle. Der beginnende Abbau geht mit einer rasanten Zuwanderung einher, in der logischen Kette folgt drastischer Wohnungsmangel zu dessen Beseitigung in Sichtweite der Stadt ein Betonwerk eröffnet wird. Braunkohle ist lange nicht so energiereich wie Schwarzkohle, der Effort, die mageren Schätze des Bodens auszubeuten ist enorm und versinnbildlicht die Erzählungen unseres lokalen Reiseführers: Alles sei organisiert gewesen, nichts hätte funktioniert. Unsere Begleiter, ihres Zeichens Architekten und Ingenieurinnen im staatlichen Planungsorgan, zuständig für Planung und Ausführung eine Stadt, die in kürzester Zeit von knapp Siebentausend Einwohnern auf ihr Zehnfaches aufgeblasen werden sollte, erklären die Typen der Plattenbauten, deren Fügungsdetails und den serienreifen Bauprozess auf Schienenkränen – für uns Uneingeweihte kaum zu unterscheiden, trist und öde. Städtebau wird nach dem Baukastensystem betrieben: jede Figur die über das Rechteck hinausgeht, ist eine Kombination mehrerer Grundtypen, absurd zusammengerückt. Auf meine Frage, ob man sich in der gestalterischen Entfaltung nicht eingeschränkt gefühlt hätte, folgt eine umfangreiche Antwort, aus der ich Resignation heraushöre. Mit kleinsten Individualisierungen – ein etwas höherer Dachabschluss oder die Absenkung des Hochparterres – kämpft man gegen die allumfassenden Bandagen des Systems. So entsteht parallel zur Degeneration von Boden und Gesellschaft ein riesenhaftes Stück Stadt.
Nach der Wende fallen Immobilienhaie und andere kapitalstarke Schatten über die Stadt her, räumen aus was es auszuräumen gibt und ersetzen das staatliche Konstrukt, die Lebensader der Kleinstadt, durch aggressive Freiheit und Markt. Als hätte man versehentlich den Abfluss einer Badwanne geöffnet, saugt Deutschlands Westen eine ganze Generation ab, die Zahl der Stadtbürger schrumpft auf die Hälfte. Die Platte bleibt, zerfällt nach und nach, eine eigenwillige administrative Konstruktion regelt den Rückbau. Dieser findet weder nach städtebaulichen Gesichtspunkten, noch nach gesundem Menschenverstand statt, sondern schlicht unkontrolliert. Wie Zahnlücken fehlen die Monumente am Ende ewiger Strassenzüge, wer Geld verdienen will, lässt die grössten Bauwerke zuerst abreissen. Unser Begleiter verliert kein Wort über den Schock den er damals erlitt und der ihm beinahe die Stimme gekostet hätte. Während seine Arbeit ein Leben lang kaum Anerkennung fand, sieht er nun wie vor seinem Wohnzimmerfenster sein ganzes Wirken relativiert, rückgebaut und vergessen gemacht wird.


 

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