Mindestens in der Darstellung ist das Siegerprojekt von Andy Senn an Einfachheit kaum zu überbieten.

Klösterliche Askese

Das Johanneum im Toggenburger Neu St. Johann will sich ein Zentralgebäude bauen. Das klingt grösser, als es ist. Gewonnen hat Andy Senn mit einem kleinen, asketischen Projekt. Zu simpel?

Provokativ zusammengefasst: Es war nur ein funktionaler Bau gesucht, ein Empfangs- und Verteilzentrum in der Mitte des Areals, mehr nicht. Bis auf die Organisation der Küche war das Raumprogramm nicht komplex und einfach zu organisieren. Mit dem Sieger Andy Senn hat sich die Jury für das Projekt entschieden, das die Nüchternheit der Aufgabenstellung wunderbar spiegelt. 

Von Stolpersteinen und grossen Pavillons
Geben wir uns doch den Visualisierungen hin, die die Projekte so treffend darstellen! Das fünftrangierte Projekt von Roger Gerber und Severin Odermatt unterscheidet sich in seinem Fussabdruck nur wenig vom Sieger. Der Pavillon positioniert sich aber als Baumfreund im Grünraum. Die Dachkonstruktion aus Holz wächst aus dem Zentralraum und spannt sich wie ein Schirm über die öffentlichen Nutzungen. Die Architekten schaffen einen festlichen Gartenpavillon, der einladend wirkt. Doch die Jury bemängelt die Nutzungsverteilung und Betriebsabläufe. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass diese Mängel in einer Weiterbearbeitung hätten behoben werden können. Denn obwohl auch dieser Vorschlag es nicht zu hundert Prozent schafft, sich von der selbst geschnürten konstruktiven Korsage des Zentralraums zu befreien, hätte man sich hier gerne auf einen Kaffee nach der Wanderung getroffen.

Auch Ivan Cavegn und RLC Architekten haben sich Steine in den Weg gelegt. Leider ist es beiden Teams nicht gelungen, die Idee vom schweren Dach schlüssig in den Grundriss zu übersetzen. Beide Projekte sind Kompromisse eingegangen, die die Jury zu Recht kritisiert. Schade, dass sich die starken Formen hier nicht in einen funktionalen Innenraum übertragen liessen. Es reichte für den zweiten und dritten Rang. 

Situationsmodell: Neubau mit zwei Giebeldächern (1. Rang: Andy Senn Architekt)

Nüchterner Sieger
Die Simplizität des Siegerprojekts ist kaum zu übertreffen. In der Abgabe zieht sich die Stringenz, mit der die nackte Funktionalität unterstrichen wird, durch jedes Blatt bis zur unmöblierten Visualisierung des Hauptraums. Materialisierung, Raumaufteilung, Ansichten: Jedes Element des Projekts von Andy Senn ist das Resultat von ökonomischen Überlegungen, die keinen Platz bieten für grosse Gesten oder dekorative Details. Der Situationsplan lenkt das Auge auf die Proportion des Klosterhofs. Der Bau ist der Strasse zugewandt, die Gebäudekante orientiert sich an den Nachbarsgebäuden. Es ist eine stimmige Grösse, die sich der geplanten Arealentwicklung unterordnet und sich der Dimension des klösterlichen Bestands angleicht.

Markante Dachform mit sichtbarer Holzkonstruktion (1. Rang: Andy Senn Architekt)

Überraschungsfrei
Das einzig sichtbare gestalterische Element am Siegerprojekt ist die unterschiedliche Höhe der zwei Giebeldächer, an der sich die darunterliegenden Funktionen ablesen lassen. Die in den Innenräumen sichtbare Holzkonstruktion weist unmissverständlich darauf hin, dass Lasten dort abgetragen werden, wo es danach aussieht. Überraschungen sind keine geplant. Das Haus erinnert an landwirtschaftliche Nutzbauten. Asketisch kommen die Innenräume daher. Die unprätentiöse Lösung muss die Jury überzeugt haben.

Nun geht das Projekt also mit einer soliden und handfesten Grundlage in die Umsetzung und hinterlässt die Hoffnung, dass es sich über die Ausarbeitung im Detail noch etwas mehr zu einem Raum der Begegnung mausert. Und obwohl sich der Entscheid der Jury leicht nachvollziehen lässt, bleibt die Frage doch, ob die Wohngebäude und das Kloster als neuen, zentralen Gefährten nicht einen feingliedrigeren und vielleicht sogar gewagteren Zentralbau vertragen hätten.

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