Hubertus Adam, Silva Ruoss, David Leuthold, Patrick Gmür, Michael Hauser und Andreas Hofer (v.l.n.r.) sind sich beim Verdichten nicht in allem einig. Fotos: Juliet Haller

«Quick and dirty» oder «gesittet»?

Auch das Amt für Städtebau will Zürich verdichten, zeigt das Heft «Dichter». Einigen geschieht das zu «gesittet», zeigte die Vernissage.

Seit September 2009 ist Patrick Gmür Zürcher Stadtbaumeister, nun hat das Amt für Städtebau AfS die erste grössere Schrift unter seiner Leitung herausgegeben: «Dichter» ist eine Sammlung von 30 Überbauungen aus den letzten zehn Jahren, ein Benchmarking des Verdichtens. Massgebend für die Auswahl sei nicht die Gestaltungsqualität gewesen, sondern die Verschiedenartigkeit der Lösungen, betonte Gmür. Das erklärt, warum auch architektonisch unterdurchschnittliche Beispiele wie etwa die Siedlung Leonhard Ragaz-Weg in Wiedikon auftauchen. Die Darstellung umfasst Fotos, Grundrisse, Angaben wie Wohnungsspiegel oder Quadratmeterzahlen und dies, wo es sich um Ersatzbauten handelt, von «vorher» und «nachher». Neu an einer derartigen Liste ist der Vergleich der Anzahl Bewohnerinnen vorher-nachher. Sie weist für alle Ersatzneubauten mehr Bewohnerinnen als in den Altbauten auf, bis auf eine Ausnahme, die Altstetter Siedlung Werdwies. Dass es die Personenzahl beim Verdichten nun mitbrachtet, zeigt: Das AfS will vom rein baulichen zu einem komplexeren Verständnis von Verdichten gelangen.
Am vergangenen Donnerstagabend lud Patrick Gmür zur Vernissage von «Dichter» und zu einer Podiumsdiskussion ins Architekurforum Zürich. Die Architektin und Dozentin Silva Ruoss, David Leuthold von Pool Architekten, der Winterthurer Stadtbaumeister Michael Hauser und Architekt und Stadtforscher Andreas Hofer begrüssten mit Gmür das Heft - wohlwollend, wie Moderator Hubertus Adams Eintretensfrage ergab: Allenthalben Anerkennung, dass das AfS diese Sammlung zusammentrage und den Architektinnen und Architekten als Arbeitsinstrument anbiete, meinte etwa David Leuthold. Die Kritik folgte aber sogleich: Ihr fehle die ganze unterirdische Verdichtung, die in den letzten Jahren ebenfalls enorm zugenommen habe, meinte Silva Ruoss. Ihre Podiumskollegen kritisierten, es sei unzulänglich, die Siedlungen und die Stadt Zürich isoliert zu betrachten.
Wie in jeder Diskussion über Dichte entrann das vielarmige Thema oft in wenig zusammenhängende Statements. Wie immer fehlte der Vergleich nicht mit der Dichtung, der Poesie – Silva Ruoss brachte ihn als feinsinniges Schlussstatement. Und wie immer fehlte die Frage nicht, warum Hochhäuser nicht endlich mit einer Mehrausnützung bedacht und zum Verdichten genutzt werden könnten. Was Andreas Hofer kurz, aber scharf parierte: Diese ständige Forderung wirke auf ihn, als ob man das komplexe Thema des Verdichtens auf das Niveau von «20 Minuten» einkoche.
Uneins war man sich in der Frage, wie schnell und wie markant das Verdichten geschehen solle. Gmür und Hauser plädierten kraft ihrer Ämter für Umsicht – gebrannt von manch schwieriger Diskussion in Parlament, mit Bauherren und mit der Bevölkerung. «"Quick and dirty" wäre der falsche Weg», warnte Gmür. «Die Verdichtung ist noch nicht bei den Menschen angekommen», machte Hauser klar. Auch sei der «Mantel» noch viel zu gross: «Die heutigen Bauregeln lassen noch viel zu viel Spielraum und Raum zu.» Bis auf eigene Projekte könne die Stadt daher die Verdichtung kaum lenken, gab Hauser zu bedenken.
Die praktizierenden Architekten dagegen wünschten einen beherzteren Zugriff. Zürich reguliere die Wohnungsbauwettbewerbe dermassen, dass oft ähnliche Projekte herauskämen. Warum sollte es in Zürich keine Typologien wie Townhouses oder neue Blockränder geben?, fragte Silva Ruoss. Diese Kritik muss man auch den jeweiligen Jurys weitergeben. David Leuthold war die ganze Angelegenheit von derzeitigen Plänen bis zur Broschüre zu «gesittet» (ein Verdikt von Rem Koolhaas über Zürich), Zürich müsse offensiver an das Thema gehen und offen sein für hierzulande zunächst undenkbare Lösungen. Andreas Hofer rechnete die noch viel zu lasche Effizienz der Verdichtung vor: Die Broschüre zeige, dass man teilweise auf 100 Prozent mehr Fläche in den Ersatzbauten nur gerade 20 Prozent mehr Menschen unterbringe. Hofer ärgerte auch, dass man über Schwamendingen als Randquartier rede, obwohl es potentiell die neue Mitte zwischen dem Glatttal und Zürich sei: «Wir müssen endlich die alten Grenzen vergessen!»

Angaben zur Publikation: http://www.hochparterre.ch/nachrichten/swissbau-2012//post/detail/harte-fakten-zur-verdichtung/

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