Hier schreibt eine Kennerin, die sich aber nicht von den landläufigen Ökonomen blenden lässt, schreibt der Stadtwanderer.

Das Ziel ist nicht der Weg

Ohne Wachstum bricht der Kapitalismus zusammen, denn er gründet auf Raubbau. Doch das Raumschiff Erde ist endlich. Soll sie bewohnbar bleiben, muss die Wirtschaft erst schrumpfen, dann zum Kreislauf übergehen.

Das Ende des Kapitalismus, ist das ein Versprechen oder eine Drohung? Es ist eine Notwendigkeit. Das zu beweisen braucht Ulrike Herrmann, drei grosse Kapitel. Im ersten schildert sie den «Aufstieg des Kapitals», die Geschichte der Industrialisierung also. Kohle, Öl, Elektrizität und Digitalisierung sind die Stichworte. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Neu daran war für mich, dass der Aufstieg in England begann, weil dort schon im 18. Jahrhundert die teuersten Arbeitskräfte und die billigste Energie vorhanden waren. Es war profitabel Menschen durch Maschinen zu ersetzen. In Bangladesch hingegen sind heute die Löhne so tief, dass die Investition in Technik sich nicht lohnt. Die Produktivität ist gering, Bangladesch bleibt arm. Ich merkte, hier schreibt eine Kennerin, die sich aber nicht von den landläufigen Ökonomen blenden lässt. Ihr Blick ist unbestechlich.


Es folgt zweitens «Grünes Wachstum gibt es nicht». Die menschliche Intelligenz werde es schon richten. Eine Lösung durch Fortschritt versprechen die Anhänger des verbesserten Weiterso. Atomkraftwerke, bessere, bravere, sichere als erstes. Das und die übrigen Technoträume zerzaust Herrmann mit guten Argumenten. Atomkraft ist zu teuer und die Uranvorräte reichen nicht aus. Wind und Sonne sind wenig verlässlich und die Speicherung ist ungelöst. Eines aber vor allem: Grünes Wachstum heisst ja auch Expansion, ergo Fortsetzung des Raubbaus. Zwischen 2002 und 2015 verbrauchten wir einen Drittel aller Rohstoffe seit 1900. Wie viel mehr bis 2050? Die Erde ist endlich, Punkt. Kommt noch die Entkoppelung: Mit weniger Energie mehr produzieren, die Annäherung ans Perpetuum mobile. Die Physik ist dagegen und sie ist unerbittlich. Kurz, weder das E-Auto, noch der synthetische Sprit retten das Autofahren und das Fliegen. (Nur ein Zehntel der Weltbevölkerung fliegt. Was, wenn das alle wollen? Nur 1% (ein Prozent) verbraucht mehr als die Hälfte des Kerosins.) Auch mit dem grünen Zement ist’s nichts und so weiter. Auch grünes Wachstum ist Wachstum.


Dann kommt Herrmann drittens zum «Ende des Kapitalismus». Ihre Kernbotschaft heisst: «Der Kapitalismus folgt der Logik einer Krebszelle. Er muss unaufhörlich wachsen und zerstört damit erst seine Umwelt – und damit sich selbst.» Wenn wir als Art überleben wollen, dann ist grünes Schrumpfen nötig. Das böse V-Wort kommt an den Tag: Verzicht. Eine klimaneutrale Wirtschaft muss auf die Hälfte ihres heutigen Umfangs schrumpfen und dann in eine Kreislaufwirtschaft übergehen. Herrmann ist kategorisch: Kapitalismus und Klimaneutralität schliessen sich aus. Untergang oder Überleben, so einfach ist das. Wie grünes Schrumpfen organisiert werden könnte, zeigt die Rationalisierung in England während des Kriegs. Die knappen Güter müssen gerecht verteilt werden. Wir müssen vom Kapitalismus hinter uns lassen und zur Überlebenswirtschaft vorstossen. Und da zeigt sich die grundsätzliche Schwäche des grünen Denkens: Wir legen Ziele fest, kennen aber keinen Weg dahin. Wir sind gewarnt. Die Gilets jaunes haben es vorgemacht: Wir lassen uns nichts wegnehmen! Was losbricht, wenn wir das grüne Schrumpfen durchsetzen wollen, verdrängen wir. Die AfS, die Alternative für die Schweiz, wird uns bald aus dem Dauerdämmer herausreissen. Konkretes Beispiel: Soll die Menschheit auf der ganzen Erde ernährt werden so kriegen wir künftig 2500 Kalorien am Tag, 500 Gramm Obst und Gemüse und sonstige gesunde Speisen, aber nur 7 Gramm rotes, und 7 Gramm Schweinefleisch plus 29 Gramm. Geflügel, etwas Zucker und Fett sind auch noch dabei. Auto und Flugzeug sind gestrichen.  Wie wollen wir in der Schweiz Volksabstimmungen gewinnen, die Verzicht verlangen? Ist die direkte Demokratie überhaupt fähig, das Notwendige zu beschliessen?


Der Weg zur Überlebenswirtschaft ist mit richtigen Zielen gepflastert, wie wir dahin kommen aber, das wissen wir nicht, genauer, wollen wir uns nicht vorstellen. Das ist das intellektuelle Defizit der grünen Bewegung.

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