Eine Truhe aus der Tiefe der Zeit für die Ausstellung im Kunstmuseum Chur Fotos: Florio Puenter

Mit Zumthor in die Tiefe der Zeit

Peter Zumthor hat im Kunstmuseum Chur eine Ausstellung über die Kunst Graubündens «in der Tiefe der Zeit» eingerichtet. Gut geraten. Hingehen.

 

In Graubünden gilt Geschichte viel, über hundert Museen und Archive  in den Dörfern und Tälen, ein Rätisches Museum in Chur, eine Zeitschrift, eine Forschungsinstitution sammeln, lagern und stellen sie aus. Der Bündner Intellektuelle argumentiert gern historisch, um die Differenz seines Kultur- und Sprachraums dem Rest der Welt zu erklären. So ist es reizvoll, folgerichtig und anregend, dass Peter Zumthor, der seit 40 Jahren im Kanton wohnt, arbeitet, lebt und sich einmischt für die Jubiläumsausstellung des Bündner Kunstmuseums «In die Tiefe der Zeit» steigt und Kunst aus Graubünden vor 1530 präsentiert – dem Jahr als die Reformation in Graubünden in Fahrt kam, selbstverständlich eigensinnig, bündnerisch auch sie. 

Abstraktion der Zeit

Zumthor ist zusammen mit dem Fotografen Florio Puenter und Stephan Kunz, dem Kodirektor des Kunsthauses, eine Überraschung geglückt. Sie ist einer Not geschuldet, denn Kunst «aus der Tiefe der Zeit» ist oft ein Stück Kirche oder Kloster. Die Decke aus der Kirche von Zillis konnte ebenso wenig nach Chur gebracht werden wie Marmorskulpturen aus dem Kloster von Müstair. Der Einfall darum: der Fotograf Florio Puenter fotografierte die Kunststücke 1:1 in schwarzweiss. Die historisch auch in vorreformierten Belangen gut informierten Bündnerinnen sehen dank des Transfers neue Bilder in der von der Sammlung leergeräumten Villa Planta, dem Altbau des Kunstmuseums. Und die an Geschichte nicht so Interessierten sehen schöne Bilder, etliche bekannt und doch ganz fremd, schwarzweiss ohne Rahmen an der Wand hängend. Die Verschleifung von Skulpturen und Tafelbildern vor dem immer gleichen sattschwarzen Hintergrund schaffen eine illusionäre Bildereinheit von Südtirol, das einst zum Bistum Chur gehörte, bis in die anders organiserte und regierte Surselva und in die Val Calanca. Die Monster an der Kassettendecke der Kirche von Zillis gehen auf in einem imaginären Bilderraum mit den Holzstatuen aus Domat/Ems. Beide haben ihre Kontexte für die Reise nach Chur vor Ort gelassen und feiern im Kunstmuseum eine ästhetische Verschwisterung in auratisch aufgeladener Fotografie – sie begründen einen Kulturraum Graubünden, den erst das 17. Jahrhundert langsam hat entstehen lassen und der bis heute nicht geformt ist. Kurz – die Ausstellung ist ein Wunschtraum von Bündner Einheit. 
Schön zeigen die drei Autoren mit ihrer ästhetisch motivierten Auswahl, wie schon «in der Tiefe der Zeit» das Fremde, die Meisterschaft der norditalienischen Wandermaler und Bildhauer das Eigene überformt hat. In den  Gebrauchgegenständen kam diese Überformung in den Alltag und hält dort bis heute. Puenters Bilder von Truhen oder Kerbschnitzereien tauchen ein in die Faszination dieses Urmöbels, dessen Paradestücke im Rhätischen Museum zu sehen sind und deren Varianten und Nachfolger in zahllosen Stuben und Kammern herumstehen – ich zum Beispiel verfüge über drei solcher Möbel, in denen Zeug zu lagern viel komplizierter ist als in den komfortablen Plastikbehältern von IKEA. Aber es ist Sitte und Brauch für die Verbindung zur «Tiefe der Zeit». Mein Grossvater, ein Prättigauer Schreinermeister, schreinerte steinalt schon, für jede seiner sieben Töchter oder Schwiegertöchter ihre eigene Truhe als Vermächtnis, verziert mit Kerben und Intarsien «aus der Tiefe der Zeit». 

Formale Distanz

Mit den vertrauten Motiven gelingen der Fotografie und ihrer Inszenzierung in der alten Villa reizende Brüche und Distanzen. Herausgeholt aus der Zilliser Kirchendecke, schwarzweiss fotografiert, und vereinzelt nun als Bilder an der Wand, wirken die Monster aus Schlangenkopf und Kuhkörper dekorativ vornehm wie die Planta-Tapeten – ganz anders als im Kirchenraum, wo ich, den Kopf im Genick, einsteige in die Höllenreise mit farbiger Monsterparade. Die Fotografie macht aus den berührenden Madonnastatuen aus dem späten Mittelalter ästhetische Formstudien. Plastische Ornamente auf Marmorplatten werden grafische Motive wie sie im Vorlagenbuch für die «Chrüzlistickerinnen» zu finden sind. Herausgelöst aus dem Bilderkosmos wirkt die vieräugige Majestas Domini aus der Kirche von Lavin nun flach in die Fotografie gedrückt. Ihre vier Augen im Gesicht haben ihre Kamarädli verloren, mit denen sie die Kirchendecke zum rauschenden Bilderfest machen. 

Verpasst

Verpasst haben die Ausstellungsmacher, trunken von Ästhetik, die Geschichte hinter den Bildern. Das Medium dafür wäre der Katalog. Autoren gäbe es genug, denn pro Kopf der Bevölkerung leben wohl nirgendwo so viele Profi- und Amateurhistoriker wie in Graubünden. Der Katalog, schön gestaltet von Thomas Rhyner, variiert statt dessen die Idee der Ausstellung – alle Fotografien sind versammelt, eingepackt in ein persönliches Feuilleton von Peter Zumthor und einen Essay von Stephan Kunz. Im Katalog möchte ich aber lesen, was wie wo warum «in der Tiefe der Zeit» geschehen ist, wessen Teil das fotografierte Stück ist und welche Spekulation zu seinem Werden gelten könnte. Seltsam, weil Peter Zumthors frühere Ausstellungen im Katalog und Rahmenprogramm «tief in den Kontext der Zeit» einzutauchen pflegten. Ein Bilderbuch ist immer schön, zu einer Bilderausstellung eine Anleitung mit all dem Vielen, das Historiker über die «Tiefe der Zeit» herausgefunden haben, wäre noch schöner. Denn es gilt auch für eine Ausstellung, die auf das Charisma ihres Machers und auf auratisch aufgeladene Fotografie zählen kann  – der Mensch sieht, was er sieht – er sieht aber reicher, wenn er etwas weiss. 

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