Kunst und Bau warum? Es disktuierten Karin Frei, Leiterin Fachstelle Kunst und Bau, Samuel Herzog, Kunstkritker NZZ, Roderick Hönig (Moderator), Gian von Planta, Gemeinderat und die Berliner Künstlerin Karin Sander (v.l.n.r.). Fotos: Sibylle Prestel

Kunst als Hängebäuchlein

Die Fachstelle für Kunst und Bau der Stadt Zürich feierte ihr zehnjähriges Bestehen mit einer Buchvernissage und einem Podium. «Kunst bii de Lüüt», so der Titel der Veranstaltung und auch der Anspruch der Fachstelle.

Wer im gut gefüllten Architekturforum Zürich ein hartes Klingenkreuzen erwartete, wurde enttäuscht. Die Fachstelle feierte Geburtstag und wollte sich und ihre Arbeit einem breiten Publikum und ihren Kritikern stellen, aber so richtig dann doch nicht. Anlass des Anlasses war nämlich nicht nur das Jubiläum, sondern auch ein CVP-Postulat, das den Stadtrat bittet, die Aufhebung der Fachstelle zu prüfen. Eingeladen als Kritiker waren aber nicht die Initianten des Vorstosses, sondern Gian von Planta, Gemeinderat und Fraktionspräsident der Grünliberalen, der aber nicht so kritisch war. Er schlug sich aber tapfer und stellte den in der Publikation vielzitierten «Mehrwert» von Kunst sowie Kunst und Bau in Relation mit den oft hohen Kosten. «Wenn ich die knapp 400000 Franken fürs «Y» ebenso grossen Einsparungen beim Essen in einem Altersheim gegenüberstelle, habe ich ein Problem», so der Ingenieur.

Diese Relation zwischen Wert und Kosten hat bekanntlich schon manches Kunstprojekt der Stadt ins Wanken gebracht. Umso erstaunlicher war es, dass das Kunstlager auf dem Podium, die Künstlerin und Professorin Karin Sander aus Berlin sowie der Kunstkritiker Herzog, sich mehr oder weniger darauf beschränkten, darauf hinzuweisen, dass «gute» Kunst einen Ort «auflädt», Identität stiftet, fehlen würde, wenn sie nicht da wäre und vor allem nicht mathematisch messbar wäre – kurz, sich in den Elfenbeinturm zurückzogen. Karin Frei, Leiterin der Fachstelle, erklärte denn auch ganz pragmatisch die konzeptionelle Vorgehensweise der Fachstelle, betonte den weiten Kunstbegriff, die lokale Förderung von Künstlern, dass sie die 0.3 bis 1.5 Kunstprozent kaum ausschöpften und die grundsätzliche Sorgfalt bei der Begleitung und Umsetzung von Projekten. Frei fragte den Politiker deshalb auch zurück, was sie und ihr Team denn noch mehr tun könne, dass die Früchte ihrer Arbeit nicht nur als «l’art pour l’art» apostrophiert würde. Die Antwort blieb aus.

Auf Defizite bei der Vermittlung angesprochen, mit denen etwa das Nagelhaus und der Hafenkran kämpften und noch kämpfen, sahen die Podiumsteilnehmer wenig Handlungsbedarf. Und auf von Plantas Vorschlag, zwecks Effizienzsteigerung und Nutzung von Synergien, die Fachstelle sowie die AG KiöR (Kunst im öffentlichen Raum) zu einem Kompetenzzentrum «Kunst und Stadt» zusammenzufassen, reagierte der Chef persönlich: André Odermatt, Stadtrat und Bauvorstand, der im Publikum sass, meinte, dass die Zeichen dafür derzeit anders stünden, er aber auch nicht glaube, dass mit einer Zusammenlegung viel gespart und vereinfacht werden könne, denn Kunst und Bau und Kunst im öffentlichen Raum seien zwei ziemlich verschiedene Dinge, auch wenn es gegen aussen nicht immer so aussehe. Glücklicherweise waren die Kritiker im Publikum wenig zahlreich oder blieben stumm, denn erst in der Schlusskurve gelang es dem Grüppli mit Hilfe von Voten aus dem Publikum griffig zu formulieren, wieso Kunst eine Frage der Kultur ist: «Wir müssen Kunst und Bau als unser Hängebäuchlein verstehen, von dessen Fettschicht wir zehren, wenn die Zeiten wieder schlechter sind», so der NZZ-Kunstkritiker Samuel Herzog.

Kommentare

Thomas Läubli 09.11.2011 19:53
Auf Plantas Bemerkung, dass Kunst kein messbarer Mehrwert darstelle, hätte Samuel Herzog nicht fragen sollen, ob es denn wichtig sei, dass Kunst einen Mehrwert bringe, sondern entgegnen müssen, dass Kunst eben einen Mehrwert habe, auch wenn dieser nicht messbar sei.
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