Irma Noseda 1946-2019

Irma Noseda 1946-2019

Martin Steinmann hielt in der Kirche Sogn Martegn in Savognin die Abschiedsrede für die Architektur- und Kunstkritikerin Irma Noseda.

«Als sehr eigenständige, inspirierende Frau mit ihrer unbändigen Fantasie, zeichnerischem Talent, unermüdlichem Engagement für Recht und Gerechtigkeit, kritischem Hinterfragen von Ereignissen, mit ihrer Arbeitsmoral ohne Grenzen und ihrer lustvollen Streitkultur hat sie prägend auf uns eingewirkt.»

Die Zeilen in der Anzeige von Irmas Tod fassen in dichtester Form zusammen, was sie für uns war. Nur eine Eigenschaft fehlt, unter dem Eindruck ihrer letzten Monate: ihre unbändige Lebenslust. Ich will nicht versuchen, die Zeilen zu ergänzen, ich will sie aus einer fast 50 Jahre dauernden Beziehung heraus ein wenig ausmalen, wie das Irma mit Farbstiften gerne getan hat: auf ihren Briefen.

1971 habe ich Irma kennengelernt, am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, an der Attenhoferstrasse in Zürich. Ich war dort für das CIAM-Material verantwortlich und brauchte jemanden, der beim Sichten und Ordnen half. Ich weiss nicht mehr, wie ich auf Irma kam, oder sie auf die Stelle. Sie studierte in Zürich und musste sich den Unterhalt verdienen, wie sie das immer getan hat.

Das Material betraf die Bemühungen der fortschrittlichen Architekten um Wohnungs- und Siedlungsbau. Aber es war staubtrocken, nur Worte. Um sie an ihren Verwirklichungen zu messen, durchsuchten wir die damaligen Zeitschriften. Davon zeugen noch die Diapositive, viele von konstruktivistischer Architektur, die Irma gemacht und beschriftet hat. (Gebraucht haben wir sie nicht.) Die Hintergründe dieser Architektur haben sie beschäftigt, überhaupt die gesellschaftlichen Hintergründe von Architektur. Auf ihrer Seite im Netz beschrieb Irma beschrieb die Zeit in der älteren Villa, wo das Institut untergebracht war, als «Ausgangspunkt meiner Tätigkeit im Bereich der Architektur».

Irma nannte die fachlichen Gespräche am Institut  «leidenschaftlich». Das galt sicher für ihren Anteil daran. Sie war damals mit Freunden an Ausstellungen wie «Schweiz im Bild – Bild der Schweiz?» beschäftigt. Bestimmt berichtete sie von der Arbeit daran, eben: engagiert. Ich weiss nicht, von wem der Titel dieser Ausstellung stammte. In seiner Drehung von einer Antwort zu einer Frage bringt er aber zum Ausdruck, was Irmas Arbeit von Anfang an auszeichnete: die Dinge vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Damit stiess sie öfters auf Widerstand. Die Ausstellung über Segantini, die sie mit Bernhard Wiebel konzipierte, wurde abgelehnt: sie sei «mit billigen Schlagworten durchsetzt».  

Warum der Widerstand? Weil sie links war oder auch, weil sie eine Frau war, wie Irma vermutete. Im ersten Fall konnte man argumentieren, und das tat sie – die genannte Ausstellung fand doch noch statt. Im zweiten Fall konnte man das nicht. Ihre Vermutung war manchmal nicht falsch. Ein Beispiel: wenn Irma, später in der «archithese» das Telefon abnahm, sprach der Verleger sie als «Fräulein»  - er wusste, dass sie das nicht mochte. Also nannte sie ihn entsprechend: «Herrlein».  Damit will ich sagen: wenn sie sich als Frau angegriffen fühlte, setzte sie sich entschieden zur Wehr. Sie tat es manchmal auch dort, wo es «nicht so gemeint» war. Das aber machte die Sache für sie nicht besser.
 
Irma kämpfte, nicht nur mit anderen; sie kämpfte auch mit sich selbst. Sie, die so sicher auftreten konnte, war verletzlich, ihr Auftreten war auch Schutz. Es hat sie nicht vor Verletzungen bewahrt, im Gegenteil, wenn ich an die schlimme Intrige denke, die sie als Redakteurin des «werk» erfahren musste. Aber wie war denn ihr Auftreten? Nun, sie war klein – es tut weh, das in der Vergangenheitsform zu sagen -, aber sie war sehr gegenwärtig: sie hatte ein ausdrucksstarkes Gesicht, in dem sich Freude und Ernst, Kummer, Schalk und Zorn abwechselten. Sie hatte sehr lebendige Augen, «und ihre Stimme», fügt meine Tochter Katrin hinzu.

Sie hatte unzähmbare Haare, auf die sie stolz war. Wie ihre Hüte oder Turbane oder wie man das nennen soll hatte sie teil am Spiel mit ihrer Erscheinung, waren sie  Ausdruck ihrer Lebensfreude. Das galt auch, wenn sie – bei einer Sitzung der «archithese» in einer Gartenwirtschaft - unvermittelt einige Takte eines alten Schlagers sang, «... Stein und Eisen bricht». Dass man sich deswegen nach ihr umdrehte, kümmerte sie nicht. Aber ich greife vor.

Unsere Beziehung wurde zur Freundschaft, als ich Irma 1980 als zweite Redakteurin zur «archithese» holte, in das kleine Zimmer bei Frau Tobler am Grossmünsterplatz Es war ein kleines Zimmer, in dem wir uns an unseren Tischen gegenüber sassen. Fritz Haller hat mir erzählt, wie er und Konrad Wachsmann oft stundenlang im gleichen Raum arbeiteten, ohne zu reden; er endete mit dem Satz: «Das ist Freundschaft». Von mir kann ich mir das vorstellen, von Irma hingegen nicht. Reden von dem, was sie beschäftigt, nicht nur beruflich, bedeutete für sie leben. Aber auch hören, was den anderen beschäftigt – und daran Anteil nehmen.

So bin ich in dem dunklen Zimmer nach und nach mit der Welt von Irma vertraut worden - wenn man sich gegenübersitzt wie wir, wöchentlich drei Tage, manchmal mehr, und redet - und sie mit meiner Welt; vertraut mit den Menschen, den Orten – das Haus an der Zwinglistrasse und überhaupt der Kreis 4 - und den Ereignissen, die die ihre Welt waren, mit freudigen Ereignissen wie mit «leidigen», im zweifachen Sinn. Nach und nach bin so mit den Stationen ihres Lebens vertraut geworden: als Schülerin in St. Gallen, als Studentin in Zürich und Stockholm - wo sie sich den Unterhalt als Köchin in einem Pfarrerhaus verdiente - und wieder in Zürich, als Mitglied der «Basisgruppe Kunstgeschichte», die ihrer – ich bin  versucht zu sagen: natürlichen - Auflehnung gegen «die herrschenden Verhältnisse» eine gesellschaftliche und politische Grundlage gab. Sie selbst beschreibt die jahrelange Arbeit dort «als lustvoll». Das ist es, was auch in ihrem Verhalten zum Ausdruck kam, wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte: die lustvolle Auseinandersetzung mit den Dingen, auch den gewöhnlichen, mit dem Ziel, ihnen einen Sinn zu geben.

Irma zitierte gelegentlich den schwedischen Schriftsteller Sven Lundqvist und sein Buch «Grabe wo Du stehst», oder, wie sie mit rollendem R sagte, «Gräv där du stor» - ich kann das nicht so dramatisch. Die eigene Welt erforschen, das war ihr Thema. Viele ihrer Arbeiten handeln von Ort und Heimat und von der wechselnden ideologischen Besetzung dieser Begriffe. Und sie handeln davon, wie die Dinge, die Schweiz oder eine Stadt wie Aarau aufgrund der herrschenden Verhältnisse wurden, wie sie sind.

Nachdem wir 1986 von den Herausgebern der «archithese» entlassen wurden, was wir mit einem grossen Fest im Hinteren Sternen feierten, obschon uns nicht ums Festen war, gründeten wir eine Firma, die wir mit einigem Hintersinn »arge baukunst» nannten und dafür schöne, weinrote Firmentafeln machen liessen. Gleich unser erster Auftrag war, was man eine «grosse Kiste» nennt: die Ausstellung zum 150 jährigen Bestehen des SIA, die 1987 in Aarau stattfinden würde.

Ich erwähne sie, weil ein Problem, das wir damit hatten, in Irmas späterer Arbeit immer wieder auftauchte: aus zahllosen Dingen auswählen, was stellvertretend für eine bestimmte Frage stehen kann. In unserem Fall bestand es darin, Bauwerke auswählen, an denen wir die «Schweizer Baukultur im 19. und 20. Jahrhundert» - das Thema, das gegeben war – darstellen konnten. Das verlangte Forschungen über die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und architektonischen Verhältnisse dieser Zeit: viel Arbeit, für die wir auf den einzelnen Tafeln einige hundert Zeichen zur Verfügung hatten.

Damit will ich sagen: Irma hat viel gearbeitet für ihre Texte, nicht nur in diesem Fall. Auch wenn die Zeit – und erst recht das Geld - schon lange lange aufgebraucht waren, hat sie weiter daran gearbeitet, weil sie – bildlich gesprochen –, wo sie stand, bis ins Grundwasser graben musste. Und das war es wirklich: ein Müssen, das in ihrem Anspruch an wissenschaftliche Arbeit begründet war, und noch vorher in ihrem Bedürfnis, die Dinge selbst von Grund auf zu verstehen, um etwas über sie sagen zu können.

Die  Forschungen für die SIA-Ausstellung auf 1400 Zeichen «einzukochen»  - so nannten wir das, wie Marmelade – war befriedigend, wenn die Texte dicht wurden. Am schönsten gelang es in einem akustischen Beitrag: Irma fand einen Musiker, der zu diesem Zweck auf Baustellen die Geräusche der Arbeiten aufnahm. Diese verband er mit den Stimmen von Bauarbeitern, die in gebrochenem Deutsch den Schweizerpsalm singen: In dichtester Form kam darin ein Widerspruch zum Ausdruck: die Schweizer sind stolz auf ihre Bauten, aber verwirklicht werden sie von Saisonniers. Irma war selig! Erst recht, als die SIA-Garde an der Vernissage lautstark forderten, diese Provokation abzustellen.

Nach der Ausstellung begann ich meine Arbeit an der ETH Lausanne. Die gemeinsame «arge baukunst» bestand eine Zeit lang weiter, wir machten noch eine weitere Ausstellung in Aarau, mit Beat Waeber, dann wurde sie Irmas Firma, in Zürich, in Winterthur – wo Irma meine Wohnung übernahm - und wieder in Zürich, nun am Lureiweg. Dort lebte sie mit Bruno in einem alten Hausteil, den ich als Bild der beiden empfand, ohne Fragezeichen: aussen ein kleiner, «wilder» Garten, innen kleine Zimmer voller Notizen, Fotografien, Zeichnungen, Kopien...  Und Bücher, überall Bücher. So waren auch die Abende, die Bärbel und ich mit den zweien dort verbrachten: intensiv, auch wenn um Alltägliches ging.

An solchen Abenden erfuhren wir genaueres von ihrer Arbeit als Geschäftsführerin des Forum Architektur Winterthur und dann des  SWB, des Schweizerischen Werkbundes, von der Arbeit am Buch über die Fotografenfamilie Linck und dann, nach ihrer Erkrankung, davon, dass sie das Buch über eine weitere Fotografenfamilie aufgeben musste. Es ging nicht mehr.

Irma hat verschiedentlich zu Aarauer Themen gearbeitet, auch hier mit dem schon erwähnten Bedürfnis, gewissermassen «alles» zu verstehen, und mit der Not, dieses «alles» in einigen hundert Zeichen zusammenzufassen: in «Aarau-Stadt-Architektur» und später in den kleinen, braunen Tafeln, die an vielen Bauwerken der Stadt hängen, um deren geschichtlichen Hintergrund zu erklären. Auch an unserem Haus gibt es eine solche. Es braucht sie nicht, um uns an Irma zu erinnern. Aber sie erinnern mich an die hohen Anforderungen, die sie an wissenschaftliche Arbeit gestellt hat, und als erstes an ihre eigene.

Unsere Freundschaft blieb bestehen, auch wenn wir uns weniger oft sahen,  besonders auch nach Irmas Erkrankung, die ihr eine strenge Planung ihrer Tage aufzwang.  Und sie schloss von Anfang an auch Bruno ein, der in den vielen, schweren Jahren mit bewundernswerter Hingabe für Irma gesorgt hat.

Ich vermute, auch gegen ihn hat sie sich oft aufgelehnt, denn nichts war ihr so wichtig wie Eigenständigkeit. Das Streben danach zieht sich als roter Faden durch Irmas ganzes, reiches Leben. Vielleicht war manches an Irmas Verhalten gar nicht als Provokation gemeint, sondern war einfach der Ausdruck dieses Strebens. Sie wollte als Frau wahrgenommen werden, die nach ihrer Regie lebte, nicht nach der Regie von anderen. Das bedeutete nicht, dass sie sich um die «anderen» foutierte, im Gegenteil. Die seelische und geistige Aufmerksamkeit, die sie selbst brauchte, hat sie in hohem Mass auch den Menschen um sich geschenkt.

Irma wird uns allen als eine gute, immer anregende, treue Freundin Erinnerung bleiben.

Kommentare

Kommentar schreiben
Ich kann das Bild nicht lesen