Die Familie und Freunde haben die Kunsthistorikerin und Architekturkritikern Irma Noseda mit einem Rosenmeer verabschiedet.

Irma Noseda in den Rosen

Auf dem verschneiten Friedhof von Savognin liegt nun das Grab von Irma Noseda. Die Familie und Freunde haben die Kunsthistorikerin und Architekturkritikern mit einem Rosenmeer verabschiedet.

Eiskalt ist die barocke Kirche Sogn Martegn oberhalb von Savognin. Unter dem grossen Altar glüht ein Kerzenkranz um ein Rosenmeer. Hunderte rote Rosen. Sie waren eine der Lieblingsblumen von Irma Noseda. Wer bei der schönen Frau etwas gut zu machen hatte, konnte dies mit roten Rosen tun. Nun ist sie nach einer langen Krankheit gestorben, ein Gehirntumor hat ihr das Leben genommen, er hat es in den letzten acht Jahren mitbestimmt.

Die Architekturkritikerin

Irma Noseda war eine kenntnisreiche, engagierte, kluge Architekturkritikerin. Sie hat unseren Beruf geprägt mit grossem, wissenschaftlich ausgebildet und fundiertem Verstand und feurigem gesellschaftlichem Sinn: Gerechtigkeit für alle. Mit Martin Steinmann zusammen prägte sie vor dreissig Jahren die besten Jahre der Archithese. Er hat in einer berührenden Rede für die Familie und eine Schar Freunde und Beleiterinnen in der Kirche an Irma gedacht. Als Steinmann an die ETH nach Lausanne wechselte, war Irma als Ausstellungsmacherin und Autorin unterwegs – ab und zu auch für Hochparterre – erlebte eine kurze und unglückliche Zeit beim «werk, bauen + wohnen» und war Geschäftsführerin des Werkbundes. Und stemmte immer wieder ambitiöse Projekte, forschend und schreibend. Eines ihrer letzten war die Geschichte des Gewerkschaftshotels Piz Vizan in Wergenstein am Schamserberg. Das Büchlein, erschienen 2016 als Bündner Monatsblatt, lag für die Trauergäste am Ausgang der Kirche auf – eine kluge Geschichte einer Hoffnung und eines Hauses, wie immer von Irma packend geschrieben, gewiss erlitten auf dem weissen Blatt Papier, profund erforscht und reich illustriert. Wir nehmen es zur Hand, nehmen eine Rose in die andere und legen diese im Friedhof zur Urne, geben ihrem Mann Bruno Jenni die Hand, kondolieren und hören einer Abordnung der Musikkapelle aus der Surses zu, die auf einer Terrasse des Friedhofs spielt. Im Hotel Piz Mitgel, wo Sepp Waldegg zusammen mit Irmas Schwester Regina wirtet, sitzen später Familie, Freunde und Freundinnen zum Leichenmal – köstlich, farbenfroh und gediegen, wie es Irma gefallen hätte.

Irma und Segantini

Savognin – hier lebte und arbeitete Giovanni Segantini von 1886 bis 1894. Ein paar seiner berühmten Bilder malte er hier, Malerfürst schon, empfing er Besuche, gab Rat und fädelte Karrieren ein. Ich war noch Mittelschüler als ich Mitte der Siebzigerjahre die Ausstellung «Segantini – ein verlorenes Paradies?» von Irma Noseda und Bernhard Wiebel in Chur sah. Sie stellte das gängige Segantini-Bild vom Kopf auf die Füsse und frug nach den Lebensverhältnisse im Alpenraum, die in Widerspruch waren zum ewigen Leuchten der Engadinersonne und zum Säuseln des Malojawindes. Trotz grosser Schwierigkeiten – auch der Bündner Erziehungsdirektor befahl hurtig ihr Verschwinden – reiste die Ausstellung weit herum. Sie in Chur zu sehen, war ein bedeutendes Ereignis für meine Generation im Kanton Graubünden. Die Autorin selber lernte ich Jahre später gut kennen: Wir gleisten mit anderen Mitte der Achtzigerjahre die Hausgenossenschaft IGLU in Zürich auf, freundeten uns nah an und von dort weiss ich gut um ihre Liebe zu Blumen.

Themenheft zum Werkbund

Auf dem Fries über dem Altar von Sogn Martegn in Savognin ist eine Bande Putten versammelt. Sie haben ungestüme rote Haarschöpfe und tanzen zur Musik, die die kleine Abordnung der Blaskapelle aus der Surses zur Beerdigung beiträgt. Ihre Haarpracht erinnert an die von Irma und die Art, wie sie sie schütteln konnte im Eifer und im Zorn, weil wir – sei es im Iglu, sei es in Diskursen über Kunst oder Architektur – es wieder einmal überhaupt nicht begriffen hatten. Sie aber war Redaktorin der Archithese, machte nach Segantini bei Ausstellungen über den SIA, den Maler und Zeichner Disteli, den Bahnhof Aarau mit. Mit ihrem Weggehen aus der Iglu-Familie lichtete unsere Nähe, ab und zu sahen wir uns, sie begleitete mein Tun in Hochparterre aus Distanz, stellte mich auf Aboverkaufstour in den Senkel als «Wollendeckenverkäufer» und wetterte über Benedikt Loderer und mich: «Machos, Boulevardpistolen, simple Gemüter». Eine rote Rose besänftigte sie und wir sangen miteinander ein Lied. Ab und zu gab sie mir für die Wollendecke dennoch Texte und in ihrer Zeit als Geschäftsleiterin des Werkbundes gaben wir zusammen die Festschrift zu dessen 100. Geburtstag als dickes Themenheft heraus – eines der profunden der drei hundert, die bisher erschienen sind. Es war das letzte Mal als ich nahe, anregend und fordernd das feurige Engagement, das immense Wissen, die beissende Kritik und die überschäumende Freude von Irma Noseda erlebte und mit ihr teilte. Ein grosser Gewinn, dessen Werden mich fünf Rosensträusse gekostet hat.

Man sah sich später da und dort, sprach von früher und vor ein paar Jahren sagte Irma mir, ihren Kopf eingehüllt in einen farbenprächtigen Turban, dass sie nun bald sterben müsse, denn sie habe einen Tumor im Kopf. Es war meine letzte Begegnung. Zurück aus Savognin, nach der Sternskälte geborgen am Kachelofen, habe ich mir aus dem Büchergestell den Katalog über «Segantini – ein verlorenes Paradies?» geholt. Blättere, lese und staune, warum das Büchlein vor 40 Jahren einen Aufruhr angefacht hat. Auch ohne die Aufregung – es ist prägendes Werk für Graubünden, ein wichtiges für die Kunstgeschichte. Viel von Irmas Wollen und Können, Freude und Schwung steht da drin.

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