Der Burgfeldenpark in Basel thematisiert, was früher am Stadtrand und heute mittendrin liegt: Schrebergärten, Kehrichtverbrennung, «Psychi» und Bürgerspital. Fotos: Henry Balaszeskul

Vorstadtlehrpfad

Der goldene Hase geht an den Burgfeldenpark von Bryum in Basel. Der Park, der ein Spazierweg ist, macht schweizerisch-französische Stadtlandschaft sichtbar.

Der Burgfeldenpark ist zuerst einmal ein – ziemlich vollmundiges – Versprechen: Er verspricht einen Park, ist aber ein fünf Kilometer langer Spazierweg. Er definiert einen weitläufigen Denk- und Freiraum für Bewohnerinnen, Arbeitnehmer, Besucherinnen, Patienten, Velofahrerinnen oder Hotelgäste. Die wohlkalkulierte Begriffsangeberei der Landschaftsarchitekten steckt ein 56 Hektar grosses Gebiet im schweizerisch-französischen Grenzgebiet ab und ist auch ein Hinweis auf den Denkmassstab von Bryum: Das Basler «Büro für urbane Interventionen und Landschaftsarchitektur» hat den Burgfeldenpark aus einer gesamtstädtischen und länderüberreifenden Idee heraus gedacht und entworfen. Und indem die Landschaftsarchitekten nicht das Bauen in den Vordergrund stellen, sondern das Bestehende vernetzen, erlebbar und neu sichtbar machen, gelingt es ihnen, früh Freiräume zu thematisieren, die im Rahmen der Verdichtung der letzten Flächen an den Rändern von Basel und Frankreich unter Druck kommen werden. Ein Rundgang in fünf Stationen.

An Orten, an denen viele öffentliche Angebote zusammenkommen, orientiert eine Tafel darüber und erklärt die Idee des Burgfeldenparks.

1. Station: Patientenvorfahrt

An der Tramhaltestelle Luzernerring verlässt man vom Basler Stadtzentrum her kommend die namensgebende Ausfallachse Burgfelderstrasse und biegt ein in einen schmalen Fuss- und Veloweg Richtung Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (UPK). Das Grün nimmt zu, die Autodichte ab. Der UPK-Campus ist von alten Bäumen und herrschaftlichen Häusern durchsetzt. Seit 1886 behandelte hier die Vorgängerorganisation der UPK ihre Patienten, weshalb das Areal lange Jahre eingezäunt war. Heute ist es eine luftige, offene Grünanlage im wegen seiner dezentralen Lage aus dem Fokus geratenen Basler Stadtteil. Man könnte den Campus auch für ein besseres Wohnquartier halten, wären da nicht die klar erkennbaren Klinikbauten, ihre nicht immer klar erkennbaren Patienten und die vielen Angestellten in weissen Mänteln.

Noch sind die Wegweiser schmucklos und funktional: 2019 soll ein Signaletikwettbewerb ausgeschrieben werden.

Der Spazierweg hat weder einen offiziellen Anfang noch ein offizielles Ende. Der Blick in die Entstehungsgeschichte erlaubt es, die Vorfahrt vor der zentralen Patientenaufnahme an der Wilhelm-Klein-Strasse als erste Station zu bezeichnen. Denn die unscheinbare Asphaltschlaufe vor dem Jahrhundertwendegebäude fügt sich nicht nur elegant in den baumbestandenen Vorgarten, sondern legte auch den Grundstein für den Burgfeldenpark. Als die UPK 2008 einen Wettbewerb für die Neugestaltung der Vorfahrt ausschrieb, konnte Bryum nicht nur die Konkurrenz für sich entscheiden, sondern auch die Bauherrschaft davon überzeugen, die Vorfahrt als Teil eines grossen Ganzen zu denken.

2. Station: Tiergehege

Von der Patientenvorfahrt führen weisse Wegweiser hinters Haus zum zentralen Platz der UPK. Wer will, macht hier den ersten Marschhalt, kauft sich ein Gipfeli am Kiosk oder trinkt einen Tee in der Cafeteria der Klinik. Gestärkt gehts weiter zum ersten Familienfotostopp vor dem universitären Therapie-Streichelzoo mit seinen Schafen, Ziegen und Häsli. Die zurückhaltende Signalisation begleitet und führt die Stadtwanderer zwar eindeutig durch den Rundweg, doch werden die Schilder und auch die paar Plakatständer vielerorts vom lauten visuellen Werbegetöse entlang des Strassenraums übertönt. Damit der Burgfeldenpark in Zukunft besser wahrgenommen und genutzt wird, soll 2019 ein Wettbewerb für die Signaletik des Parks ausgeschrieben werden.

3. Station: Grand Casino

Nach einem Abstecher zur schmucklosen roten Kiste des Grand Casino Basel und dessen golden glänzendem Hotelturm geht es über Zufahrtsstrassen mit Industriequartiercharme vorbei an der Zentralwäscherei und dem Bürgerspital zum grossen Mocken des Rehab Basel, der Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie. Den Grundstein für die Idee, den UPK-Campus als Teil eines grossen Gesundheitsquartiers zu denken, legte die Bestandesaufnahme der Angebote rund um die UPK. Bryum hat erstmals auf einem Plan alle Spielplätze, WCs, Gastroangebote, Sportanlagen, Grünräume und Tiergehege verzeichnet. Er zeigte zwei Sachen: Erstens ein erstaunlich dichtes, vielfältiges und fast immer öffentliches Angebot, das noch reicher wurde, als Bryum zweitens auch die Grossbauten ennet der Landesgrenze miteinbezog. Daraus entstand der erste – später fortlaufend erweiterte und verfeinerte – Masterplan, der alle Aussenräume des Campus und auch die Anlagen auf der französischen Seite verortet. Zudem funktioniert der Plan auch als Aufgabenliste, die sagt, welche Erneuerungs-, Unterhalts- oder Erweiterungsarbeiten der Aussenräume wann in Angriff genommen werden sollen.

Der Spazierweg führt durch grüne Parklandschaften vorbei an der Volière der Rehab mit ihren Papageien bis zum Therapie-Tiergarten der Universitären Psychiatrischen Kliniken mit seinen Schafen und Ponys.

4. Station: Rehab

Beim von Herzog & de Meuron gestalteten Rehab mit seiner Holzlädli-Fassade und den markanten Glasaugen  kommen Architekturfans zum ersten Mal auf ihre Rechnung. Die elegante Eingangshalle und die Kantine sind öffentlich zugänglich. Der Therapie-Tiergarten vor dem Haus mit seiner Volière und den Ponys ist bei Ausflüglern mit Kindern beliebt, am Wochenende kommt es hier zu Kinderwagenstau. Wenn man die Mitarbeiterzahlen der benachbarten, aber bis anhin isolierten Institutionen zusammenzählt, staunt man nicht mehr, wieso es mittags in diesem kleinen Gesundheitsstadtteil wuselt: 470 Menschen arbeiten für das Rehab, rund 1300 für die UPK und 700 im Bürgerspital. Sie bilden die kritische Masse für den Burgfeldenpark, sind die erste Zielgruppe des Spazierwegs. Für die Umsetzung des Wegs war das institutionelle Zusammenführen der verschiedenen Akteure die wichtigste Voraussetzung. Bryum initiierte 2015 die Gründung der Interessengemeinschaft (IG) Burgfeldenpark. Heute bringt diese unter der Moderation der Landschaftsarchitekten alle zwei Monate die insgesamt elf Projektträger zusammen. Die IG hat über die Wegführung beraten und entschieden. Sie beschliesst Kommunikationsmassnahmen wie den zweisprachigen Faltplan, der 2017 erschienen ist. In der IG sind neben den grossen Gesundheitsinstitutionen auch Private wie das Textilunternehmen Bardusch oder das Airport Hotel Basel, aber auch die Familiengärten Milchsuppe oder das Sportzentrum Pfaffenholz vertreten. Sie repräsentiert rund 8000 Mitarbeitende, vor allem auf der Schweizer Seite.

Die Verlängerung der Basler Tramlinie 3 nach St-Louis entpuppte sich als städtebaulicher Entwicklungsbeschleuniger für das Grenzgebiet.

5. Station: Bourgfelden

Über einen Trampelpfad geht es nach Frankreich weiter. Nur ein Mast mit einem Kranz aus Videokameras und ein ausgetretener Fussweg entlang der Grenzlinie erinnern daran, dass hier zwei Länder aufeinandertreffen. Die Landschaftsarchitekten konnten den Grenzschutz überzeugen, den Zaun an dieser Stelle zu öffnen, sodass seit 2017 die neue Route des Spazierwegs gleich hinter der Rehab nach Frankreich führt. Er führt auf der französischen Seite vorbei am Sportzentrum Pfaffenholz (ebenfalls ein Frühwerk von Herzog & de Meuron), Freibad Pierre de Coubertin und Centre socioculturel von St-Louis bis zur Schulanlage des Lycée Jean Mermoz hinter dem Kreisel. Danach ist der Spazierweg deutlich weniger dicht an öffentlichen Angeboten. Er geht durch putzige Hüsliquartiere von Bourgfelden und macht beim IBA-Projekt ‹Jardins de Francette› zwischen Siebzigerjahre-Mietskasernen einen Haken, um dann wieder zurück nach Basel zu führen. Wie den Schweizer Institutionen geht es auch den französischen Behörden darum, Aufmerksamkeit aufs Quartier und auf aktuelle städtebauliche Entwicklungen zu lenken. Denn die Innenverdichtung greift auch am Stadtrand von St-Louis: Die 2017 verlängerte Tramlinie 3, die heute den Bahnhof St-Louis mit dem Stadtzentrum von Basel verbindet, ist ein Entwicklungsbeschleuniger für die Restflächen am Rand der Siedlungsgebiete. In St-Louis könne Wohnraum für 5000 neue Einwohner entstehen, so die Analyse des Potenzials. Auch die Wohnungen auf der Schweizer Seite, die auf dem Felix-Platter-Areal oder an der Burgfeldenstrasse entstehen, oder das Naturhistorische Museum am Vogesenplatz werden dem Hinterland von St-Louis und von Basel Impulse geben. Der Spazierweg begleitet diese urbanistischen Gewichtsverschiebungen, dient als informelles Kommunikationswerkzeug der Behörden und schafft ein Netz an neuen Verbindungen über die Grenzen hinweg.

Beim Übergang zwischen Frankreich und der Schweiz erinnert nur noch der Überwachungsmast an den Grenzverlauf.

6. Station: Milchsuppe

Vom lauschigen Parc Baerenfels mit seinen Picknicktischen und einem Kinderspielplatz geht es entlang des landwirtschaftlich geprägten Siedlungsrands von St-Louis zurück an den Grenzübergang Burgfeldenstrasse. Hier schützt seit ein paar Monaten das elegant gefaltete Betondach von Nord Architekten und dem Ingenieurbüro WAM die Zollanlage. Es markiert luftig die neue Tramhaltestelle am Grenzübergang. Zum zweiten Mal vorbei an der Rehab führt der Weg zur letzten Station, dem Familiengartenareal Milchsuppe. Die Freizeitgärtner bekamen den Nachverdichtungsdruck zu spüren, als sie 2015 – nicht ohne Widerstand – eine Fläche für familienfreundliche Wohnungen hergeben mussten. Ab 2019 werden auf einem Teil des Areals – ebenfalls geplant von Nord Architekten – 120 genossenschaftliche Wohnungen gebaut. Es seien ein paar intensive Treffen mit den Verantwortlichen der Familiengärten notwendig gewesen, bis der Verein bereit war, im Rahmen eines Pilotprojekts sein Areal für den Spazierweg zu öffnen, erzählen die Landschaftsarchitekten. Die Freizeitgärtner befürchteten etwa, die fremden Spaziergänger würden Gemüse oder Werkzeuge klauen.

Stadtentwicklung ohne Städtebau

Vom Milchsuppen-Areal führt der Weg zurück auf den Campus der Universitären Psychiatrischen Kliniken und schliesst so den Kreis. Was bliebt von den fünf Kilometern Vorstadtlehrpfad? Einerseits der Eindruck eines durch die Landesgrenze geteilten Stadtteils, den der Verdichtungsdruck näher zusammenrücken lässt. Andererseits ein selbstbewusstes und progressives Berufsverständnis der Landschaftsarchitekten von Bryum, die sich auch als Kuratoren, Mediatorinnen oder Vernetzer von Freiräumen, Menschen und Institutionen verstehen. Das Resultat: ein Weg, ein paar Wegweiser, ein paar demontierte Zäune und viel Engagement, die einen Lebensraum sichtbar machen, der auf die Fragen der Nachverdichtung mehr Antworten als Fragen zu geben weiss.

Der fünf Kilometer lange Spazierweg steckt das 56 Hektar grosse Gebiet des Burgfeldenparks ab.

Vielfältige Ziel- und Nutzergruppen: 8000 Angestellte arbeiten im oder am Burgfeldenpark.

Die Jury sagt
Der Landschaftsarchitekt als Netzwerker

Wo hört der Aufgabenbereich einer Landschaftsarchitektin, eines Landschaftsarchitekten auf? Das hat die Jury anlässlich des goldenen Hasen diskutiert. Eben nicht bei der Gestaltung von Freiräumen, war sich das Gremium einig. Die neue Route des Burgfeldenparks zeigt exemplarisch, wie sich Landschaftsarchitekten über das klassische Aufgabenfeld hinaus bewegen und Freiräume nicht selbst bauen, sondern bestehende erlebbar machen. Das Team von Bryum hat das Potenzial der Freiräume und öffentlichen Angebote rund um die Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel erkannt und den Auftraggeber überzeugt, die Orte mit einem Spazierweg zu verbinden, sichtbar und zugänglich zu machen. Dafür sind sie in die Rolle von Kuratoren, Vermittlerinnen und Organisatoren geschlüpft. Beim Burgfeldenpark hat die Jury also nicht das Bauen und Gestalten, sondern das Wegräumen, Präzisieren, Vernetzen und Vermitteln ausgezeichnet – und auch den Langmut, das gestalterische Sich-Zurücknehmen und den Wagemut der Landschaftsarchitekten.

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