Philip Ursprung Fotos: Annick Ramp

«Ein fortwährendes Verhandeln»

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus begründet und ist heute wieder in. Der Architekturprofessor Philip Ursprung schaut im «Tages-Anzeiger» mit gespaltenen Gefühlen auf den Trend.

«Was in den Feierlichkeiten zu kurz kommt, ist einerseits der Blick auf die inneren Widersprüche des Bauhauses, andrerseits eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bauhauses, also damit, wie die Ideen im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts interpretiert und transformiert wurden», schreibt Philip Ursprung im «Tages-Anzeiger». Das Bauhaus werde dargestellt als historisch abgeschlossener Fall. Dabei könnte gerade eine Diskussion über das Nachleben des Bauhauses dazu beitragen, dieses am Leben zu halten. «Wenn wir dem Erbe des Bauhauses gerecht werden wollen, dann sollten wir es in seiner Widersprüchlichkeit ernst nehmen und seine wechselvolle Geschichte, auch diejenige nach der Schliessung, in die Diskussion einbeziehen. Vom Bauhaus können wir lernen, dass Design sich nicht auf das Schaffen von Endprodukten oder das Lösen von Problemen reduzieren lässt, sondern ein Prozess ist, ein fortwährendes Verhandeln und Möglichkeiten.»

Weitere Meldungen:

– «Die Stadt Zürich wuchert ins Umland»: Ein gemeinsames Projekt der Statistikbüros von Stadt und Kanton zeigt laut «NZZ» Überraschendes.

– «Ein so hochkarätiges Schutzobjekt darf man nicht einfach opfern», sagt der Architekturhistoriker Lukas Zurfluh über die Gartenstadtsiedlung in Zürich Friesenberg im Interview mit der «NZZ».

– «Können Zürcher Kreative die Banker ersetzen?»: Junge Kreative sollen Zürich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Finanzbranche befreien, schreibt der «Tages-Anzeiger».

– Der neue Mobilfunkstandard 5G hat es nicht leicht in der Schweiz, meint der «Tages-Anzeiger» und fragt: «Wie gefährlich ist 5G tatsächlich?»

– «Mittelalterliche Schätze ans Licht geholt»: St. Gallen präsentiert den ältesten Klosterplan der Welt und andere Originaldokumente erstmals der Öffentlichkeit. Die «NZZ» berichtet.

Kommentare

Andreas Konrad 13.04.2019 22:27
Das Bauhaus wird 100 - die Kommunion hat begonnen. Vergessen wird die «Casa del Fascio» in Como von 1932 oder «Prora» für den Massenurlaub des «neuen Menschen», beide im reinsten Bauhausstil. Der Wunsch nach Umkrempelung der Gesellschaft am Anfang des 20 Jahrhunderts war ein linkes wie auch ein rechtes Bestreben - sie waren sich ähnlicher, als uns fanatische KuratorInnen heute im Jahr des Jubiläums weismachen wollen. Die italienischen Futuristen waren Fans des Bauhauses und bewunderten Mussolini, Le Corbusier war ein Kollaborateur und (zumindest zeitweise) Nazi-Verehrer, der halb Paris abreissen wollte, Gropius als selbstherrlicher Missionar ein Schulleiter, «sehr deutsch», einer, der keinen Widerspruch duldete. Die von ihm ab 1962 geplante «Gropiusstadt» gilt heute als eigentliche Bankrotterklärung des Bauhauses, von den sozialistischen Plattenbauten ganz zu schweigen, doch das gescheiterte Experiment wurde nicht etwa eingestellt, sondern in Deutschland, der Sowjetunion, den Banlieues und in besonders grotesker Weise auch in der Schweiz bis zum Exzess getrieben, die Entsorgung des unteren Mittelstands in gestaffelte Betonberglis mit spartanisch beleuchteten Treppenhäusern, hellhörig, eng, dunkel, menschenverachtend, material- und ornamentarm, die renditegetriebene Verpferchung der Arbeiter und Angestellten. Fazit: 100 Jahre nach seiner Entstehung muss man ernüchternd feststellen: Das Bauhaus, insbesondere das «Nachkriegsbauhaus», ist keine Utopie. Im Gegenteil: Bauhaus ist ein Verbrechen.
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