Martin Leuthold (*1953) im Atelier von Jakob Schlaepfer in St. Gallen. Fotos: Paola Caputo

«Die Öffentlichkeit weiss nicht, dass ich diesen Stoff kreiert habe»

Für die Hochparterre-Sonderausgabe ‹U-30› schaut der Textildesigner Martin Leuthold auf seine Anfänge zurück und gibt der jungen Generation einen Tipp auf den Weg.


Während meiner Lehre als Stickereizeichner bei Christian Fischbacher in St. Gallen hatte ich eine prägende Begegnung mit Emanuel Ungaro, einem Couturier aus Paris. Er war begeistert von meinen Entwürfen, was mich unglaublich stolz machte. Damals hatte ich zum ersten Mal dieses Pfauengefühl. Doch als eines Tages einer meiner Entwürfe das Titelbild einer Zeitschrift zierte, realisierte ich: Die Öffentlichkeit weiss nicht, dass ich diesen Stoff kreiert habe. Emanuel Ungaro sagte zu mir: «Du machst tolle Sachen, aber vergiss sie sofort wieder. Lass los. Mode ist furchtbar. Mode ist eine Hure.» Das klang eigenartig in meinen Ohren, aber später hat es mir oft geholfen.
Nach der Lehre ging ich zum Textilunternehmen Jakob Schlaep­fer, wo ich nun seit 42 Jahren tätig bin. Vor ein paar Tagen kam ich mit einem neuen Stoff ins Atelier – einem unglaublichen Stoff! Wie ich ihn aufwirbelte, schaute mich unsere 18-jährige Lehrtochter staunend an und meinte: «Dass man mit sechzig noch so begeistert sein kann von einem Stoff!» Diese spontane Bemerkung fand ich liebenswürdig.

Wir bauen ganze Maschinen, um einen Stoff zu kreieren, der an keinem anderen Ort auf der Welt hergestellt werden kann. Momentan entwickeln wir einen 3-D-Drucker für Textilien (siehe Hochparterre 9/15). Bei uns arbeiten stets drei bis vier Generationen zusammen. Das, was die Generation vor mir handwerklich geleistet hat, kann heute niemand mehr. Ich trauere dieser Zeit nicht nach, sondern setze meine Hoffnung auf die junge Generation. Die Jungen haben eine andere Intensität. Mit ihnen kann ich Neues wie eben diesen 3-D-Drucker umsetzen.
Wir arbeiten für traditionsreiche Modehäuser wie Christian Dior, Chanel oder Armani. Wir entwerfen Blumenmuster, Chanel-Muster, Tweed in Schwarz-Weiss, verarbeiten Perlen und Pailletten, schweissen Folien und kreieren aufwendige Composés. Sobald wir einen Stoff verkauft haben, lassen wir ihn los. Dann wird unser Halbprodukt zum Markenartikel, den Louis Vuitton oder Chanel erfunden haben. Ich arbeite gerne mit den Kunden in Mailand oder Paris, aber ich kehre jedes Mal gerne in die Ostschweiz zurück. Nur in St. Gallen kann ich so frei arbeiten. Wir erschaffen etwas, das nicht für uns ist, sondern für die grosse Welt da draussen.

St. Gallen funktioniert immer noch als Textilstadt. Die Stickerei ist nur das jüngste Kapitel einer über 800-jährigen Textil­tradition. Dieses Kapitel neigt sich jedoch dem Ende zu. Sticken kann heute die ganze Welt zu Preisen, bei denen wir nicht mehr mithalten können und wollen. War die Stickerei vor hundert Jahren noch ein Luxusprodukt, so ist sie heute zum Warenhausartikel geworden. Doch die jahrhundertelange Erfahrung im Sticken, Drucken und Weben kann uns niemand nehmen. Mit der Stiftsbibliothek und der Kathedrale atmen wir in St. Gallen die Gotik und den Barock täglich ein. Die Kultur, die Landschaft und die Menschen dieser Stadt vermischen sich zu einer Stärke, die nicht verpflanzt werden kann. Wir müssen unser Know-how und die Techniken, die über die Jahrhunderte entstanden sind, nur neu interpretieren, dann entsteht auch Neues. Das gebe ich der jungen Generation auf den Weg: «Geht bewusst mit der Geschichte um.» Ich glaube, die Welt spürt, dass unsere Stoffe an einem Ort entstehen, an dem schon vieles entstanden ist.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 10/2015 der Zeitschrift Hochparterre.

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