«Gli elementi dell’architettura funzionale» ein coffee table book avant la lettre, schreibt der Stadtwanderer.

Ein Bilderstrom

Alberto Sartoris (1901-1998) war ein Beziehungsgenie. Darum ist es dem Architekten auch gelungen von überall auf der Welt die Bilder für das erste Coffee Table Book zur Modernen Architektur zu bekommen.

Dieses Buch geisterte durch die Literaturlisten. Als es dann auf meinem Tisch lag, war ich von seinem Gewicht ganz platt. Es ist ein riesiger Mocken, ein Schwergewicht. Vor mir liegt die dritte Auflage, aus dem Jahr 1941, die erste erschien 1931 und die zweite 1934. Es muss ein erfolgreiches Buch gewesen sein. Alberto Sartoris: Gli elementi dell’ architettura razionale.

Warum der Erfolg? Weil es ein Bilderbuch ist. Von den 910 Seiten braucht Sartoris nur 82 für die Einleitung, es bleiben 828 für die Bilder. Sie machen das Werk aus. Sie sind eine Ernte, die mit hartnäckigem Sammelfleiss zusammengetragen wurde. Geordnet nach den Nationen. Da allerdings stocke ich, denn es gibt da seltsame Länder wie Africa Orientale Italiana, Boemia, Marca Orientale oder Dodecaneso. Diese Namen sagen: Der Krieg ist da, im Buch aber abwesend. Vermutlich hat Sartoris seinen Einleitungstext von 1931 zehn Jahre später wenig verändert. Die Nazis werden nicht erwähnt und Stalins Abwürgen der Moderne auch nicht. Vor Mussolini macht er knapp die notwendigen Verbeugungen. Sartoris will sich raushalten.

Filippo Tommaso Marinetti, der Grossmeister des Futurismus, schriebt ein Collaudo, was mit Zustimmung, Billigung zu übersetzen ist, ein Imprimatur des Chefideologen. Es gibt keine Satzzeichen in seinem Text, dafür viel Pathos und Sichbrüsten. Die Einleitung Sartoris ist ein Manifest. Hier spricht einer im Ton der heroischen Moderne. Man hört immer Le Corbusier im Hintergrund. Sartoris verkündet die Wahrheit: Die funktionale Architektur ist der wahre und einzige Ausdruck des Maschinenzeitalters. Doch noch ist die Geschichte der Moderne nicht festgeschrieben, noch sind Giedions vier Kirchenväter Wright, Le Corbusier, Mies und Gropius nicht konsekriert. Sartoris hat da eine viel grössere Auswahl anzubieten. Gründerfigur ist Antonio Sant’Elia, alle die Späteren stehen auf den Schultern dieses Propheten. Man spürt, Sartoris sieht die Welt von Turin aus. Es folgen der purismo franco-svizzero, sprich Le Corbusier, dann der cubismo franco-spagnolo André Lurcats, gefolgt vom elementarismo olandese, was J.J. P. Oud meint, weiter geht’s mit dem compressionismo tedesco, sprich Richard Doeker. Der plasticismo belga verkörpert durch Victor Bourgeois leitet über zum meccanismo tedesco, was Hilberseimer heisst, dann kommt der razionalismo italiano Guiseppe Terragnis, es folgt ein Abstecher zum assozialismo polaco von Szymon Syrkus. Der constuctivismo russo darf nicht fehlen, ebensowenig der neoplasticismo holandese Rietvelds, der astrattismo svizzero Hannes Meyers und der ultraismo spagnolo, José Luis Serts. Den Reigen schliesst der funzionalismo tedesco, von Walter Gropius ist Sartoris beeindruckt. Er bringt alle diese Ismen unter den einen Hut der architettura funzionale. Drei grosse Abwesende: Wright, Mies. Aalto. Wright und Mies erscheinen in einer Aufzählung von Namen im Text, von Wright kein Bau unter den Bildern, von Mies die Villa Tugendhat. Aalto wird im Text nie erwähnt, sein Sanatorium aber ausführlich abgebildet. Dass Kunst und Architektur eins sind, war für Satoris offensichtlich. Darum hat er im ersten Teil des Buches Bilder von zeitgenössischen Malern vorgestellt, de Chirico, Morandi, Carrà.

Die im Titel verspochenen Elemente der funktionalen Architektur sind schwer zu finden. Sartoris stellt eigentlich nur eines vor, das Glas. Beton und Stahl erledigt er in einem Paragrafen. Nichts Vergleichbares mit den fünf Punkten. Es ist kein theoriestarkes Buch, es gibt auch keine Bibliographie, dafür aber ein ausführliches Register. Sartoris will durch Zeigen überzeugen. Er wendet sich an die Architekten. Sie finden in den grossartigen, auch grossen 1135 Schwarzweissbildern Anregung und Vorbild. Es tauchen viele Namen auf, die in der Zwischenzeit verblasst sind. Meine vergessenen Helden sind Otto Haesler und Johannes Duiker. Wer die Welt von Turin aus betrachtet, sieht selbstverständlich zuerst Italien, wo der legitime Erbe Sant’Elias Giuseppe Terragni heisst. Sartoris Leitbau ist eindeutig Terragnis Casa del Fascio in Como. Pläne gibt es ganz spärlich, es geht ums Anschauen, nicht ums Durchschauen. Doch das Beschauen der Bilder erzeugt einen Sog, ich kam nicht davon los. Die sintesi panoramica ist ein Bilderstrom, der mitzieht. Das hat auch mit den grossformatigen Bildern zu tun, es gibt keine Briefmarken. Eigentlich ist «Gli elementi dell’architettura funzionale» ein coffee table book avant la lettre.

Alberto Sartoris habe ich um 1990 in seinem Haus in Cossonay besucht. Jacques Gubler regte in den Frühzeiten Hochparterres einen Wettbewerb an: «La vache en axonometrie». Sartoris war in der Jury. Sein Haus war voll mit den bekannten Axonometrien, die er immer noch zeichnete. Er muss um die 90 gewesen sein. Ein kleines Männlein mit wachen Augen.

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