Der Veterinär Dr. Dolittle hat den Stadtwanderer als Schulbub ins Tierreich eingeführt, denn er versteht alle Tiersprachen.

Ein Tierversteher

Benedikt Loderer hat nach 70 Jahren Dr. Dolittles Tieroper wieder gelesen. Dolittle verstand die Sprache der Tiere. Er war schlauer, gerechter, klüger als alle seine Lehrer, erinnert sich der Stadtwanderer.

Dr. Dolittle war einer meiner Jugendfreunde. Im Schronk, da wo in Biel die heimatlosen Bücher auf ihre Adoptierung warten, fand ich einen uralten Bekannten, den Veterinär Dr. Dolittle. Er hatte mich als Schulbub ins Tierreich eingeführt, denn er versteht alle Tiersprachen. Ob hündisch, pferdigt, katzisch, mausig, Löwengebrüll alle diese tierischen Laute übersetzte der Doktor ins Englische und anschliessend ein E. L. Schiffer vom Verlag für mich ins Deutsche. Verwunderlich war, mir aber damals nicht bewusst, dass die Tiere den Menschen ebenbürtig sind. Denn Dr. Dolittle weiss aus Erfahrung, «dass richtig behandelte Tiere sich ebenso vernünftig wie Menschen betragen können.» Die Behandlung allerdings ist immer eine Aufgabe der Tierversteher, der Menschen wie Dr. Dolittle einer ist. Die Klassenlage ist klar und naturgegeben. Der Tierversteher ist der bessere Mensch.


Ort der Handlung ist England um 1900. Dr. Dolittle reist mit seinem Wanderzirkus noch mit Pferd und Wagen umher. Doch ist er sehr modern, denn er setzt sich für das Wohl der Tiere ein, wofür er auch das Gesetz übertritt, indem er in eine übelriechende Tierhandlung einbricht, um dort eine gefangene Amsel zu befreien. Ein Mann mit Zivilcourage.
Im gelesenen Einzelband findet er eine Kanarienhenne, die betörend gut singt, was ihn auf die Idee bringt, für seine Primadonna eine Tieroper zu schreiben und zu inszenieren.

Der Tierarzt wird zu Komponisten, Regisseur und Impresario in einer Person. Die Lebensgeschichte der Kanarienvogeldame Pipinella, die auch die Hauptdarstellerin im Buch und auf der Bühne ist, wird zum roten Faden der Oper. Er wickelt die Leidensgeschichte eines Kanarienvogels in Gefangenschaft ab. Doch zeigt sich hier auch der Zwiespalt zwischen dem behüteten Eingesperrtsein und dem gefahrvollen Leben auf der freien Wildbahn. Pipinella zieht die Sicherheit der Freiheit vor, denn sie ist im Grunde ihres Wesens eine bürgerliche Henne.


Selbstverständlich ist die Oper in London, der damals grössten Stadt der Welt, ein Triumph allerersten Ranges. Das Theater ist während Monaten berstend voll. Dr. Dolittle ist finanziell gerettet und er verteilt, tiergerecht wie er ist, an die seine Schauspieler und -innen einen angemessenen Anteil. Das führt zu den allerersten tierischen Bankkonten, eine Neuheit, die Dr. Dolittle gegen alle Widerstände durchsetzt.


Besondere Erwähnung verdient die Vereinigung «Das Frauensingrecht». Unter Kanarienvögeln war es eine gesellschaftliche Konvention, dass nur die Hähne singen können, nicht aber die Hennen. Doch die Natur gab beiden Geschlechtern eine Singstimme, das Schweigen der Hennen ist reine Unterdrückung der Hennen durch die eingebildeten Hähne. Dagegen wehrte sich die Vereinigung «Das Frauensingrecht», konnte sich aber leider gegen die männlichen Vorurteile nicht durchsetzen. Pipinella als Operndiva ist also auch eine Emanze, sie liefert den Tatbeweis, dass Frauen singen können, besser als die Männer.


Hugh Lofting (1886-1946), der Erfinder Dr. Dolittles und der erfolgreichen Jugendbuchreihe mit 14 Bänden, hat seine Geschichte auch selbst illustriert. Mit dünnem Strich und naiven Knollennasen zeichnet er die Menschen, mit Umrisslinien die Tiere. Als ich das Buch öffnete, da kamen mir die Erinnerungen hoch: Genauso sieht Dr. Dolittle aus.

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