Werden zurzeit 2000-Watt saniert: Hochhäuser Sihlweid in Zürich-Leimbach. Fotos: Baugenossenschaft Zurlinden

2000-Watt-Tagung: Liefern, nicht labeln

Der SVW und die Stadt Zürich luden zur 2000-Watt-Tagung. Fazit: Die Technik macht vorwärts, die Menschen nur ungern. Das können auch die Energie-Labels nicht ändern.

Der Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger SVW Zürich und die Stadt Zürich luden am Freitag zur 2000-Watt-Tagung. Visionen, Wünsche und Ziele wurden bereits viele formuliert. Die Tagung wollte es darum konkret wissen und fragte nach der Praxis. Wer hat erste Schritte hin zur 2000-Watt-Gesellschaft gemacht? Welche Stoppersteine stehen im Weg? Wo lässt sich der Hebel hier und heute ansetzen? Die Antworten kamen als bunter Strauss an ersten Erfolgsmeldungen daher, gespickt allerdings mit einigen Dornen. Simona Weisleder von der IBA Hamburg sorgte zu Beginn für einen Blick über die Stadtgrenzen hinaus. Sie unterstrich die wichtige Rolle der Städte, die vorangehen müssten und nicht auf internationale Abkommen warten könnten. So auch in Hamburg, wo auf der Elbinsel die ersten Algenreaktorfassaden geplant und ein Energiebunker gebaut werden.

Auch die weiteren Referenten zeigten, dass die Technik den Weg nach vorne bahnt. Urs Frei von der Baugenossenschaft Zurlinden stellte die Sanierung der beiden Hochhäuser Sihlweid in Zürich-Leimbach vor. Sämtliche Fassaden wurden mit einer Solarhaut eingepackt – auch die Nordseite. Bei einem Quadratmeterpreis von 200 Franken spiele die optimale Ausrichtung zur Sonne keine Rolle mehr, so Frei. Der Fotovoltaikmantel erzeugt Storm für die Hälfte der Wohnungen. Das Vorgehen wird in Zukunft wohl noch attraktiver werden, meinte Frei, denn die «Solarpreise sind im freien Fall.»
Die Familienheim-Genossenschaft Zürich wiederum fängt nicht die Sonnenstrahlen ein, sondern die Abluftströme. Alfons Sonderegger stellte das Anergienetz am Friesenberg vor, das die Abwärme der grossen Rechenzentren von Credit Suisse und Swisscom anzapft, um die Siedlung mit Wärme zu versorgen. Erdsonden speichern die überschüssige Energie im Sommer im Boden und holen sie im Winter wieder hoch. Erste Rohre werden zurzeit verlegt. Die FGZ meint es ernst: Bis 2050 will die Genossenschaft rund 40 Millionen Franken in das Fernwärmenetz investiert.

Alle Effizienzsteigerungen bringen nichts, wenn der Bevölkerung auf immer grösserem Fuss lebt. Ein Fehltritt, den nicht nur die Privaten machen. So gab Martin Grüninger von der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich unverhohlen zu: «Auch wir liessen uns hinreissen vom Flächenwahn.» In der Zwischenzeit habe man aber dazugelernt und baue wieder mit Mass. «Entscheidend sind nicht die Quadratmeter, sondern ob die Wohnung gut geschnitten ist.» Deutliche Worte fand Grüninger auch für die Tendenz, dass jedes Gebäude seine Nachhaltigkeit mit einer Plakette beweisen muss. «Wir verzichten auf Labels. Diese kosten nur viel Geld und sind im schlimmsten Fall bereits überholt, wenn fertig gebaut ist.» Stattdessen halte man sich an die Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft. Diese seien zwar kompliziert, würden aber grosse Spielräume bieten – auch für die Architektur.
Auch Annick Lalive d’Epinay, Expertin für nachhaltiges Bauen beim Amt für Hochbauten, wies darauf hin, dass die Labels nur einen Teil des Effizienzpfades abdecken und oft nur wenig Vorteile bringen. So verbessere das P hinter Minergie die Betriebenergiebilanz nur marginal. Kommt hinzu, dass bei all der viel versprechenden Technik der Mensch nach wie vor die grösste Hürde bleibt. Vor allem die Mobilität ist hier zu nennen, die in keinem Label aufgeführt wird. Und: Wer nachhaltig wohnt, ist noch lange kein Vorbild, was die Mobilität betrifft. So fliegen die Bewohner der Vorzeigesiedlung Kraftwerk1 öfter in die Ferien als der Schweizer Durchschnitt. Wohin fahre ich in den Urlaub? Wie viel Fläche verwohne ich? Wie viel Fleisch esse ich? Diese Fragen kann die Technik nicht beantworten. Und die Bewohner tun es nur ungern, denn niemand nimmt sich gerne selber an der Nase.

Kommentare

Werner K. Rüegger, Direktor 06.12.2011 11:39
SBCZ Schweizer Baumuster-Centrale Zürich Wir freuen uns, ab Frühjahr 2012 zum Thema 2000W-Gesellschaft anhand von prototypischen Bauteilen informieren zu dürfen. Zusammen mit der Baugenossenschaft Zurlinden werden wir in unseren Räumlichkeiten das Projekt Sihlbogen in Leimbach «Be-Greifbar» präsentieren können. www.baumuster.ch
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