Der Stadtwanderer las das Buch wie einen Bericht aus seinem Leben.

Seine Memoiren sind die meinen

Der Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer schrieb seine Erinnerungen. Zwei Abteilungen gibt es: Die 20 Jahre POCH und das Vakuum nach deren Auflösung. Ich war ein mitbewegter Beobachter seines Lebens.

«Meine Kernaussage bestand darin, das Primat der Arbeiterklasse, das ja in der 70er Jahren zum linken Verständnis gehörte und als unhinterfragbarer Bestandteil des Marxismus galt, könne nicht mehr die ernsthafte Hauptgrundlage linker Politik bilden.» Ich übersetze aus dem Politjargon und verlängere: Nicht mehr das Proletariat ist das Subjekt der Geschichte, sondern der Konsum. Aus Seldwyla wird Babylon. Voilà tout. Vor mir liegt die Lebensgeschichte des Daniel Vischer (1950-2017), wie er sie selbst geschrieben hat und wie sein Sohn sie aus der Hinterlassenschaft zusammenstellte. Daniel Vischer, aus der Familie Vischer mit Vogel-F, machte eine sonderbare Karriere. Sie beginnt in Kaiseraugst, führt über die POCH und endet bei der Gewerkschaft VPOD Flugverkehr. Er war Zürcher Kantonsrat, zuerst für die POCH, dann für die Grünen, und grüner Nationalrat von 2003 bis 2015. Er war Regieassistent, Zentralsekretär der POCH, selbstständiger Rechtsanwalt, eine nationale Figur. Gelegentlich sass er auch in der Malatesta-Bar am Hirschenplatz, wo ich ihn kennenlernte. Er redete über Politik und Fussball. Auch das Buch ist zweiseitig: Politik (viel) und Fussball (wenig). Ich war POCH-Anhänger, ohne dabei zu sein und habe nun durch Vischers Erzählungen besser begriffen, was die POCH im Innersten zusammen hielt. Es war der Autokephalismus, für mich ein Wort aus dem Religionsunterricht, wo es die autokephalen Ostkirchen gab. «Gemeint war die Selbstköpfigkeit in der Bestimmung der eigenen, wie wir damals formulierten, revolutionären Generallinie. Wer sich als revolutionär versteht, darf von keinem andern Zentrum abhängig sein, weder von der UdSSR oder der DDR, noch von China.» Geschrieben wurden diese Sätze 1971, wie weit weg das doch ist, welche Partei hat heute noch eine Generallinie? Die POCH grenzte sich damit von den Maoisten und den Trotzkisten ab, war aber ebenfalls mit...
Seine Memoiren sind die meinen

Der Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer schrieb seine Erinnerungen. Zwei Abteilungen gibt es: Die 20 Jahre POCH und das Vakuum nach deren Auflösung. Ich war ein mitbewegter Beobachter seines Lebens.

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