Der Vesuv, das Meer, die Überreste römischer Villen – die durchgehend städtische Bebauung rund um den Golf von Neapel bleibt in diesem Bild ausgespart.. Fotos: Lorenz Kirchner

Geometrie der Beziehungen

Eine Reise an den Golf von Neapel: Ein Bericht von der Vielschichtigkeit des Chaos und von unvorhergesehener Schönheit.

Ich schaue über den Golf von Neapel. Durchgehend besiedelt, erstreckt er sich von den vorgelagerten Inseln Ischia und Procida über die Millionenstadt Neapel, die am Fusse des bedrohlich schlummernden Vesuvs endet um unmittelbar in die nächste Stadt überzugehen. Der Golf zieht sich bis zur Ebene von Pompei und der sorrentinischen Halbinsel, deren bergige Landmasse nur kurz ins strahlend blaue Mittelmeer eintaucht um sich umso gewaltiger als Insel Capri wieder aufzutürmen.

Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus stellte sich die Bebauung des Golfes wie eine einzige Perlenkette dar. Angetrieben von sehr ähnlichen Faktoren wie im heutigen Tourismus – gute Erreichbarkeit, landschaftlicher Reiz und kulturelle Wurzeln – kristallisierte sich die Reiselust der altem Römer in Architektur. Zwischen den noch präzise begrenzten Städten wurden unzählige luxuriöse Villenanlagen gebaut, die einem Grossteil der römischen Oberschicht in den unerträglich heißen Sommermonaten eine Zuflucht für Müßiggang mit frischer Meeresbrise boten. Nach John D’Arms existierte am Golf von Neapel eine mondäne Society, deren Villen sich in direkter Blickbeziehung zueinander befanden. Die privilegierten Mitglieder dieser Gesellschaft luden sich gegenseitig ein und genossen dort ausgiebig und vor allem ungestört die Distanz zu den strengen Sittengesetzen der Stadt Rom, die jeglichen Luxus untersagten.

Heute ist die Bebauung des Golfes durchgehend städtisch. Neapel breitet sich weit über seine eigentlichen Stadtgrenzen aus. Die Altstadt verrät noch den Glanz der frühen Neuzeit, als die Stadt zum Pflichtprogramm der Grand Tour gehörte. Für Stendhal war sie die schönste Stadt der Welt. Die Dimension ihrer Bauten lässt den Mensch einerseits winzig erscheinen, erwartet jedoch auch Grosses von ihm. Kolossale Portale und immense Einkaufsgalerien, gefasst durch die proportionale Dramatik der engen Strassen, und bis zu achtgeschossigen Bebauung. Nach einer Verschnaufspause aus einer Kaffeebar betrachtet, wirkt das Chaos der Stadt vielschichtiger als ein blosser Kontrollverlust. Neapel mag den naiven Touristen mit ihrer Fratze konfrontieren, ein defensiver Skeptiker, der seine Abwehrhaltung aufweicht, wird jedoch von ihrer unvorhergeseher Schönheit betört.

In Napoli Centrale setze ich mich in die Circumvesuviana, den Regionalzug, der wie der Name sagt, den Vesuv umrundet und die Grossstadt mit Sorrent am anderen Ende des Golfes verbindet. Die zeitgenössische Zersiedlung hat nichts mit dem trüben Glanz der Altstadt Neapels zu tun. In dieser grauen Tristesse erscheinen die Haltestellen der Ausgrabungsorte Herculaneum und Pompei wie Inseln – sie sind eindeutig schöner gebaut, da sie vor allem den ankommenden Touristenströmen dienen.

Ein Tunnel führt durch trennende Berge hindurch zur sorrentinischen Halbinsel. Die Bebauung verändert sich schlagartig, wird bürgerlicher, nicht umsonst halten die grossen Kreuzfahrtschiffe an dieser Seite des Golfes. Sorrent hat wenig mit den chaotischen Städten am Fusse des Vesuvs gemein. Zusammen mit dem südlichen Teil der Halbinsel, der Amalfiküste, und dem Höhepunkt der Luxusinsel Capri bilden sie ein Dreieck des bourgeoisen Badeurlaubs, der Ciceros ‹Krater der Lust› der Antike wieder aufzuwecken scheint. Die Gegensätze könnten nicht grosser sein, doch wo sind sie es nicht in unserer heutigen Welt? Die Faszination des Golfes liegt darin, dass er durch seine Geometrie das Ungleiche in Sichtbeziehung setzt. Die dadurch entstehende zusammengehörige Golfstadt ist vor allem vielschichtig und entzieht sich konsequent jeder einfachen Beurteilung. Wenn man nur hinschaut, wird man mit Leichtigkeit aus seiner ‹comfort zone› der fertigen Meinungen, Routinen und Gewohnheiten herausgerissen.

Kommentare

Heidi Schlösser 07.12.2015 11:58
Der Artikel weckt die Neugier, mehr über die Region zu erfahren und sie mit eigenen Augen zu sehen. Gerade die lebendig beschriebenen Gegensätze lassen aufhorchen.
Heidi Schlösser 07.12.2015 11:58
Der Artikel weckt die Neugier, mehr über die Region zu erfahren und sie mit eigenen Augen zu sehen. Gerade die lebendig beschriebenen Gegensätze lassen aufhorchen.
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Ich kann das Bild nicht lesen