Das Architekturstudium ist stark auf die Vermittlung von Entwurf fokussiert.

Entwurf im Zentrum

Das Architekturstudium ist sehr auf die Vermittlung von Entwurf fokussiert. Doch ist das wirklich die richtige Strategie, um Architekten für deren Rolle in der Arbeitswelt vorzubereiten?

Neben meinem berufsbegleitenden Studium arbeite ich als Bau- und Projektleiter in einem Architekurbüro. In dieser Position ist man täglich mit den unterschiedlichsten Erwartungen von den verschiedenen Anspruchsgruppen konfrontiert. Der Handwerker möchte, dass man Ihm erklärt, wie ein Detail ausgeführt werden soll, die Behörden verlangen Nachweise, der Bauherr hätte gerne den aktuellen Kostenstand und seine Frau möchte sich über Farben der Badezimmerplättli unterhalten. In allen Belangen wird vom Architekten Expertise erwartet. Doch woher soll man das alles können? Das Studium ist sehr auf die Vermittlung von Entwurf fokussiert. Doch ist das wirklich die richtige Strategie um Architekten für deren Rolle in der Arbeitswelt vorzubereiten? Ist der Architekt ein Generalist, der von Allem Etwas kann oder gibt es nicht so etwas wie eine Kernkompetenz?

Zeitgenössische Bauaufgaben haben gegenüber früher enorm an Umfang zugenommen und müssen oft gegenläufige Anforderungen erfüllen. Seit der Industrialisierung findet im Arbeitsmarkt eine fortdauernde Diversifizierung statt. Den universell veranlagten Werkmeister nach alter Bauhüttentradition gibt es nicht mehr. Der Architekt entwirft das Gebäude den Bedürfnissen und Anforderungen des Bauherrn entsprechend. Das Handwerk des Architekten ist die Organisation von Strukturen. Funktion ist wichtig, aber nicht alles. Der Architekt fügt die Entwurfsbestandteile zu einem Ganzen. Um die Resultate einzuordnen, benötigt der Architekt Erfahrung in Bautechnik, Kenntnisse in Bautypologie und eine erweiterte kulturhistorische Bildung. Besonders ausgeprägte Methodenkompetenz hilft dem Architekten bei der Steuerung dieses Prozesses. Die gelungene Synthese ist mehr als die Summe ihrer Bestandteile. Sie weist einen ökologischen, sozialen oder wirtschaftlichen Mehrwert auf. Architektur lässt sich aber nicht anhand von Parametern generieren wie eine Rechenaufgabe. Es geht nicht nur um zweckmässiges Abfüllen von Programmen, sondern auch um die bewusste Gestaltung von Lebensraum. «Die Architektur reflektiert die Erwartungen und Bedingungen der Gesellschaft und setzt sie in eine gestaltete Umwelt um», heisst es in der Wegleitung zum Architekturstudiengang an der ETH. Entwürfe werden massgeblich von subjektiven Komponenten beeinflusst. Eine spürbare Atmosphäre, ein ideelles Konzept oder ein bildhaftes Thema schaffen einen kulturellen Wert und stiften Identität. Bauen ist immer ein Eingriff in die Umwelt und somit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Architektur prägt unseren Alltag und kann sogar die Stimmung beeinflussen. Bei der Bewertung architektonischer Leistung gilt es neben messbaren Kriterien ebenso weiche Faktoren zu berücksichtigen. Architektur kann soziale Interaktion beeinflussen und gewisse Ereignisse an bestimmten Orten implizieren. «Es gibt keinen Raum, ohne das darin etwas passiert», sagte Bernard Tschumi einmal. Ein guter Architekt ist sich derartiger Phänomene bewusst. Er zeichnet sich aus durch Beobachtungsgabe und eine feinfühlige Wahrnehmung.

Bei aller Interdisziplinarität bildet die Entwurfsarbeit das Zentrum der architektonischen Tätigkeit. In diesem Sinne ist der Schwerpunkt der Hochschulen richtig gesetzt. Es ist wichtig, dass den Studenten zuerst das Entwerfen vermittelt wird. Die restlichen Fähigkeiten werden wie bei anderen Studienrichtungen „on Job“ angeeignet. Umgekehrt wäre fatal.

Christian Ehrbar studiert im dritten Jahr Architektur an der ZHAW Zürich.

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