Ausgebrannt

Sébastien Werlen macht den Master in Architektur an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). In seinem Campus-Beitrag schildert er, wie er den digitalen Modellbau erlernt, den Lasercutter genossen und zum Schluss wieder verworfen hat.

Es ist nun schon fünf Jahre her, als ich den neuen Lasercutter in unserer Schule zum ersten Mal benutzte. Es war für ein Projekt, dessen Schwerpunkt die Lichtstimmung sein sollte. Meine Idee für die Fassade war, eine Holzschalung mit einem Muster zu perforieren, um eine sinnlich diffuse Lichtstimmung zu erzeugen. Anhand eines Modells wollte ich überprüfen, ob meine Vorstellungen funktionierten. Für dieses Vorhaben schien mir der Lasercutter das ideale Werkzeug: ich musste nur das Muster am Computer zeichnen, als PDF speichern, einen Karton auf die Laserfläche zuschneiden, hineinlegen und den Druckauftrag bestätigen. Und siehe da, der Laser begann mit seiner eigenwilligen Logik die Teile auszuschneiden. Jede Bewegung wurde von mir gespannt mitverfolgt. Nach knappen 30 Minuten war die erträumte Fassade auf den Millimeter genau zugeschnitten. Beim Öffnen der Laserabdeckfläche stieg mir der in diesem Moment noch angenehme Rauchgeruch des frisch gebrannten Kartonstücks in die Nase. Voller Stolz nahm ich die Fassade an meinen Arbeitsplatz und montierte sie als letzten Bestandteil in mein bereits von Hand gebautes Modell. Und das Beste daran: Der gewünschte Effekt des Lichteinfalls kam voll und ganz zum Tragen. Ab diesem Tag konnte ich mir den Modellbau ohne Lasercutter nicht mehr vorstellen.
Im darauf folgenden Semester hielt der digitale Modellbau mittels Laser in jedem Jahrgang Einzug. Ende Semester zierten bei den Schlusskritiken unzählige gelaserte Graukartonmodelle die Halle 180. Der neue ZHAW–Modellbaustil war geboren. Wir tüftelten Tage, und noch mehr Nächte, an den perfekten Laserplänen - da wurden auch mal vierstellige Beträge in ein Analysemodell einer Gruppenarbeit gesteckt. Dafür erhielten wir dann aber das erträumte Modell, bei welchem bis zum Hausnummernschild, bis zur Türklingel alles präzise eingraviert war. Natürlich wollte jede Gruppe das schönste Modell besitzen, da auch die Dozenten fasziniert waren, was sich aus dieser Maschine alles herausholen liess. Dies führte jedoch dazu, dass man sich oft in Details verlor. Erst über die Jahre entwickelte sich ein angemessener Detaillierungsgrad.
Wenn ich heute durch die Halle 180 gehe und mir die Modelle anschaue, sehen sie für mich auf den ersten Blick alle gleich aus: aus Graukarton mittels Laser erstellte, hochpräzise Miniarchitektur. Irgendwie irritieren mich die schwarzen, verbrannten Kanten immer mehr und springen mir jeweils als erstes ins Auge. Wir haben zwar unsere Tricks, wie man diese möglichst reduzieren kann; doch sichtbar bleiben sie immer, insbesondere bei filigranen Bauteilen wie Geländern und Fenstergewänden. Aus diesem Grund und auch weil ich den rauchigen Gestank und die schwarz verschmutzen Hände beim Modellbauen nicht mehr ertragen kann, muss ich meine Einstellung zum digitalen Modellbau wohl wieder etwas relativieren. Ich versuche meine Modelle nun wieder mit der Handschneidemaschine und mit dem Japanmesser zu schneiden. Den Laser verwende ich nur noch für unmögliche Stücke.
Ich kann es mir nicht verkneifen zu erwähnen, dass bei uns an der Schule immer noch ein ungebrauchter Schneidplotter der Firma Zünd herumsteht. In dieser Maschine sehe ich die Zukunft für die perfekten Modelle. Dieses wunderbare Gerät verbrennt die Schnittkanten nicht, sondern schneidet sie; die Kanten werden nicht mehr schwarz und der Karton riecht nicht, als käme er frisch aus der Räucherkammer. Ich stelle mir vor, dass man dann einzelne Stücke mit dem Laser graviert und mit dem Zünd zuschneidet. Diese Erfahrung werde ich in meiner Studienzeit wohl nicht mehr machen können. Jedoch freue ich mich darauf, die Modelle der nachfolgenden Studierenden zu betrachten. Ob sich meine Vermutung bewahrheitet, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall wünsche ich allen Studenten weiterhin viel Erfolg und Durchhaltewille beim Modellbau, denn der Aufwand ist erfahrungsgemäss enorm, mit oder ohne Lasercutter.

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