Zwei ungleiche Schönheiten

Die Treppen im Zürcher Toni-Areal und jene in der FHNW in Muttenz erhielten für ihre markante Form viel Lob. Heute zeigt sich: Die eine wird rege benutzt, die andere kaum. Das hat architektonische Gründe.

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheitswesen

Die Treppen im Zürcher Toni-Areal und jene in der FHNW in Muttenz erhielten für ihre markante Form viel Lob. Heute zeigt sich: Die eine wird rege benutzt, die andere kaum. Das hat architektonische Gründe.

Wer die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Muttenz betritt, blickt unweigerlich nach oben. Durch das fast sakral wirkende Atrium führen kreuz und quer lang gezogene Treppen nach oben. Vom Erdgeschoss aus erschliessen sie Hörsäle und Seminarräume und enden im dritten Obergeschoss. Dort liegt die lichtdurchflutete Beletage mit der öffentlichen Bibliothek. Darüber türmen sich die Räumlichkeiten der einzelnen Institute um zwei Lichthöfe herum. «Die Treppen sollen das Atrium begehbar und erlebbar machen», sagt André Schmid von Pool Architekten. Bei der Planung stellte er sich vor, wie Studierende, Lehrende und Gäste sich auf den umlaufenden Galerien und Stufen begegnen und innehalten. «Es ging uns nicht darum, möglichst schnell oben anzukommen.»

Eine verpasste Chance? Die Atriumtreppen im Campus der FHNW in Muttenz. Foto: Ursula Sprecher
Der Bau als Ganzes und die Eingangshalle im Besonderen erhielten viel Lob. Hochparterre widmete dem FHNW-Würfel ein Themenheft. Doch nach zwei Jahren im Gebrauch zeigt sich: Die Hoffnungen, die man mit der schönen Erschliessung verband, gehen nicht in Erfüllung. «Eine Treppe muss neben der Ästhetik auch einen Beitrag an das Soziale, die Umwelt und die Gesundheit leisten», meint Carlo Fabian, Leiter des Instituts Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. «Meiner Wahrnehmung nach lag der Fokus hier auf der Gestaltung – eine verpasste Chance.» Entsprechend würden die Treppen wenig genutzt, wie er in den zwei Jahren seit der Eröffnung beobachtete. Trotz Wartezeiten wählen viele den Lift. «Ich laufe gerne Treppen», sagt Christina Schumacher, Dozentin für Sozialwissenschaften am Institut Architektur. «Aber im Unterschied zu den kürzeren Treppen in den seitlichen Türmen, die als Shortcuts super funktionieren, bringen mich die zentralen Treppen im Atrium aus dem Tritt.»

Der erste Eindruck zählt

Ganz anders die Situation im Toni-Areal in Zürich, dem Hauptgebäude der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), entworfen von EM2N Architekten. In der ehemaligen Joghurtfabrik entstanden – einem Quartier ähnlich – Strassen, Wege und Plätze. «Die Kaskadentreppe als Haupterschliessung führt wie ein Boulevard durch das Gebäude», sagt Architekt Christof Zollinger. Wie selbstverständlich zieht die Treppe die Menschen vom Foyer in die oberen Stockwerke. Wie schafft sie das – und warum gelingt das der Treppenskulptur in Muttenz nicht?

Abschnitte, Podeste, mehrere Nutzungsmöglichkeiten: Die Kaskadentreppe im Toni-Areal in Zürich ist beliebt. Foto: Filip Dujardin
Entscheidend sind bereits der erste Eindruck und die erste Erfahrung. Hat man sich ein Verhalten angewöhnt, wird es schwierig, es wieder zu ändern. «Wir Menschen nehmen gern den Weg des geringsten Widerstands», sagt Julia Schmid, Sportwissenschaftlerin an der Universität Bern. Sind Treppe und Lift gleich attraktiv, wählt die Mehrheit den Lift. Treppen sollen deshalb sichtbar und einladend sein und in der Raumabfolge vor dem Lift kommen. So befindet sich der Zugang zur Kaskadentreppe im Toni-Areal in der Mitte des Foyers. Von dort führt sie in einer Linie durch das Gebäude und endet beim Konzertsaal im obersten Stockwerk. Sie erschliesst alle wichtigen Räume und schafft durch ihre prominente Lage zwischen den beiden Innenhöfen Orientierung, auch wenn man nie die ganze Treppenanlage sieht. Das Farbkonzept bleibt mit Schwarz, Weiss und Grau zurückhaltend, die helle Materialisierung verleiht ihr eine Leichtigkeit, die anziehend wirkt. «Wir wollten bespielbare Räume schaffen», so Christof Zollinger. Lifte sucht man in der turnhallengrossen Eingangshalle übrigens vergeblich. Sie wurden abseits platziert und sind vor allem für Rollstuhlfahrende und Warentransporte gedacht.

Anders als gewohnt

Leicht erscheint auch die Treppenskulptur in Muttenz – trotz ihrer schweren Betonwangen. Eine Lichtlinie unter dem Handlauf beleuchtet die vorfabrizierten Stufen aus hellem Terrazzo. Sie macht die Steigungen besser erkennbar, was die Sicherheit erhöht. Schaut man vom Atrium in die Höhe, schimmert das Licht zwischen den Stufen hindurch. Doch aufgrund der Anordnung wird die Treppe kaum intuitiv genutzt. «Man muss zuerst überlegen, welche Treppe einen an den richtigen Ort führt», meint Christina Schumacher. Dazu kommt: Im Foyer befinden sich ganze zwölf Liftanlagen, für jede Himmelsrichtung drei – das ist nötig für ein Hochhaus mit 13 Obergeschossen. «Wir wollten niemanden ausschliessen, indem wir die Lifte weit weg und versteckt platzieren», sagt Architekt André Schmid.

Christina Schumacher und Carlo Fabian sehen zudem ein Problem im Trittverhältnis (siehe ‹Das ideale Trittverhältnis›): Die Treppe sei unbequem, die Steigung zu flach und die Tritte zu lang. Man komme kaum vorwärts. Zum Stehenbleiben wiederum wirke der Platz zwischen den Brüstungen zu schmal. Die befragten Studierenden bestätigen diesen Eindruck. Sportwissenschaftlerin Julia Schmid: «Häufig empfinden wir Bewegungen, an die wir uns gewöhnt haben und die deshalb automatisch ablaufen, als angenehm. Sind Treppenstufen anders als gewohnt – niedriger, weiter oder höher – ist das unangenehm, weil wir aus dem üblichen Bewegungsmuster fallen. Und was man nicht mag, wiederholt man nicht.»

Bringt die Gehenden ins Stolpern: Das ungünstige Trittverhältnis der Atriumtreppen im Campus der FHNW in Muttenz. Foto: Ursula Sprecher

Zwischenhalte und Treffpunkte

Die lang gezogenen Stufen in Muttenz haben lange Treppen zur Folge, allein bis ins erste Obergeschoss sind 59 Steigungen zu bewältigen. Auf ein Podest, das in Baunormen spätestens nach 18 Stufen gefordert wird, verzichteten die Architekten; für die Ausnahmebewilligung zeigten sie in einem 35-seitigen Dossier, warum Podeste hier nicht notwendig seien. So hätten Studien gezeigt, dass die meisten Stürze beim Rhythmuswechsel passieren. Hinzu komme, dass eine geringe Steigung die Verletzungsgefahr bei Stürzen erheblich reduziere. Doch Christina Schumacher hätte ein Podest geholfen, um innezuhalten und wieder Tritt zu fassen – gerade wenn sie zwei Stufen auf einmal nimmt. Julia Schmid sieht im Einplanen von Podesten ebenfalls Vorteile: «Menschen, die sich allgemein wenig bewegen, trauen sich das Treppenlaufen manchmal nicht zu. Eine gute Gestaltung zeigt ihnen, dass sie zwischendurch einen Halt einlegen können und die vermeintliche Herausforderung dadurch machbar wird.» Warten auf dem Podest auch noch Sessel und Bänke, wird der Ort des Zwischenhalts sogar zum Treffpunkt. Hilfreich ist auch eine ausreichende Breite: «Bei schmalen Treppen haben manche Angst, dass sie andere aufhalten, wenn sie eine Pause einlegen müssen», so Schmid.

Die Kaskadentreppe im Toni-Areal spielt mit grossen und kleineren Podesten und ist so in Abschnitte unterteilt. Jeder Treppenlauf weist ein Zwischenpodest auf. Die Stockwerke bilden Plattformen, die auch als Pausenplatz genutzt werden. In der Mitte der Kaskadentreppe gibt es eine grosszügige Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche. Von dort geht es über eine abgetreppte Tribüne in dunklem Holz weiter; sie dient bei Vorträgen auch zum Sitzen. Die beiden Innenhöfe sorgen für Tageslicht und Ausblick: Von der Treppe aus kann man in die Sonne blinzeln oder beobachten, wie im Ballettsaal Tänzer üben. Auf der ausladend breiten Kaskadentreppe ist alles gleichzeitig möglich.


Das Wichtigste in Kürze: Sichtbar platzieren und am besten ein gewöhnliches Trittverhältnis wählen
– Eine Treppe muss neben der Ästhetik auch einen Beitrag an das Soziale, die Umwelt und die Gesundheit leisten.
– Sind die Treppen prominenter platziert als Lifte und Rolltreppen, wählt man sie eher.
– Das Ziel zählt: Treppen sollen direkt zu den wichtigen Räumen führen.
– Das Auge bewegt mit: Eine Treppe soll sichtbar und beleuchtet sein. Man soll intuitiv erfassen, welchen Weg sie anbietet.
– Gute Proportionen lassen die Bewegungen fliessen: Das Trittverhältnis einer Treppe ist am besten recht gewöhnlich; eine ausreichende Breite ist wichtig, weil sie das Kreuzen ermöglicht.
– Podeste laden zum Innehalten ein – und mit etwas Fantasie auch zu weiteren Nutzungen.
– Treppensteigen trainiert die Atmung, die Po-, Waden- und Oberschenkelmuskeln, ist gut für das Herz, erhöht die Ausdauer, verbessert den Stoffwechsel, steigert die Konzentration, senkt den Blutdruck und den Cholesterinwert – und es macht glücklich. Jede Treppenstufe verlängert das Leben um drei bis vier Sekunden.

Themenheft zu Hochparterre 12/2021
Dieser Artikel stammt aus Hochparterres Themenheft «Bewegung, bitte!» Es untersucht die Zusammenhänge zwischen gebautem Raum und Gesundheit. Ein zweiter Artikel testet die Aussenraumgestaltung einer neuen Überbauung, ein dritter nennt architektonische Tricks gegen das Dauersitzen im Büro. Bestellen Sie hier das Themenheft im Webshop oder lesen Sie es kostenlos als E-Paper.
 

Kommentare

hansfischerliu 15.12.2021 04:39
…..trittverhältnis bei der rialto-brücke…das ist wahre baumeisterkunst….hansfischerliu
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