Wie weiter mit der
Zuger Verdichtung?

Für gutes Verdichten im Bestand braucht es Sorgfalt, Wagemut und prägnante Zielbilder, sind sich Brigitte Moser, René Hutter und Simon Kretz einig.

Fotos: Tom Huber
In Zusammenarbeit mit dem Kanton Zug

Für gutes Verdichten im Bestand braucht es Sorgfalt, Wagemut und prägnante Zielbilder, sind sich Brigitte Moser, René Hutter und Simon Kretz einig.

Der Kanton Zug wächst. Firmen suchen neue Mitarbeitende, Menschen wandern zu. Die Raumplanung muss diese Entwicklungen im Raum auffangen. Plant der Kanton Zug richtig?
René Hutter Die Trennung in Nichtbaugebiet und Bauzone ist gut, aber in den letzten 10 bis 20 Jahren ist das Bauen immer schwieriger geworden. Es wird bewusst nicht mehr eingezont, der Druck auf den Bestand wird immer grösser. Salopp gesagt: In Zug kommen Bauten weg, die in Biel noch 20 Jahre bestehen würden. Wir können nicht darüber diskutieren, ob das gut oder schlecht ist, sondern müssen mit dem Druck umgehen. Zug hat sich verändert. Meine Generation mag gewissen Dingen nachtrauern, und für unsere Kinder ist es wieder anders. Die grosse Frage ist heute die Wohnpolitik. Wenn sogar ein junger Lehrer oder die Polizistin keine Wohnung mehr finden, läuft etwas falsch.
Brigitte Moser Der Ansatz, Siedlungs- und Nichtsiedlungsbereich zu trennen, ist richtig. Als Historikerin denke ich jedoch in langen Zeiträumen. Früher waren die Bedingungen und die Ansprüche an den Raum andere. Heute geht es im Kanton Zug um Zuwanderung und deren Regulierung. Geplant wird die Verdichtung, man redet über Hochhäuser, die Anzahl fehlender Wohnungen und mangelnden Schulraum. Es geht aber auch um das Wo und Wie – Verdichtung ist auch eine Qualitätsfrage.
Simon Kretz Was jetzt gesagt wurde, ist typisch für die derzeitige Konjunkturphase. Gesucht ist ein kluger Umgang mit dem Wachstum. In einer Rezession machen die Städte alles, damit überhaupt etwas passiert. Im Kontext der Innenverdichtung wurden theoretische Dichten als Ziele für die Entwicklung im Bestand gesetzt. Nun wird aber deutlich, dass diese kaum realisierbar sind. Planungsprozesse sind komplex, Nachbarn machen Einsprachen. Im internationalen Diskurs denkt man mittlerweile immer lauter darüber nach, wieder einzuzonen, weil das angepeilte Siedlungswachstum innerhalb der Siedlungsgrenzen in der Praxis vielerorts gar nicht möglich ist. Das würde dann heissen: Stadterweiterungen wie in den 1930er-Jahren.

«Bilder machen die Entwicklung auch mit dem Herzen nachvollziehbar.» Simon Kretz

Das widerspricht aber den aktuellen Planungsrichtlinien. Wie könnte im Bestand mehr gebaut werden?
Simon Kretz Das ist ortsabhängig. Bei Neuentwicklungen in Zentrumsgebieten sind grüne und nicht unterbaute Freiräume wichtig. Um Flächen und Altbauten freizuspielen, muss man in die Höhe bauen. Hätten wir im LG-Areal darauf verzichtet und etwa einen Blockrand geplant, wäre das auf Kosten des Bestands gegangen. Ab einer gewissen Dichte lohnen sich sogar Hochhäuser, vor allem an zentralen Orten.

Welche Ansätze prüft der Kanton Zug, um mehr Wohnraum und höhere Dichten zu schaffen?
René Hutter Es gibt wohnpolitische Grundlagen der Raumplanung. Wir haben mit dem Regierungsrat mehr als 60 Massnahmen diskutiert, darunter die Einzonung von 100 Hektar Land für den Bau von preisgünstigen Wohnungen. Doch das lehnt der Regierungsrat ab, weil er die Erhaltung des Grünraums als wichtiger einstuft. Im Kanton Zug gehört das Land oft Korporationen, Bürger- oder Einwohnergemeinden, die kein Interesse daran haben, alles sofort zu überbauen. Das heisst, dass es eine Entwicklung nach innen geben wird. Dafür haben wir auch die Studie ‹Standortfaktor Wohnen Zug› anfertigen lassen, die mit den ‹weissen Zonen› einen neuen Denkansatz präsentiert siehe ‹Wohnpolitik in Stadt und Kanton Zug›. Vielleicht müssen wir zulassen, dass es an manchen Orten nicht mehr in erster Linie um Qualität geht, weil die Wohnungsnot dringlicher ist.
Brigitte Moser Für ein nachhaltiges Bauen wäre ein hoher Qualitätsanspruch aber wichtig. Zudem sollten bestehende ortsbildprägende Strukturen respektiert werden. Es ist wichtig, mit Expertinnen auszuhandeln, was an einem Ort relevant ist. Im Industriequartier Guthirt etwa befinden sich auch geschützte Zeitzeugen wie die Untermühle. Die Wurzeln der Stadtzuger Industrie liegen hier. Die Metallwaren- und die Kistenfabrik sind bereits nicht mehr vorhanden. Es geht darum, die Identität eines Orts mit seinen prägenden Gebäuden und Strassenzügen aufzuspüren und diese qualitätsvoll weiterzuentwickeln. Es braucht Know-how über die ortsbauliche Situation. Das gilt auch für andere Gebiete in Zug.

Das Ziel ist klar: ortsbauliche Sorgfalt mit dem Wunsch zu vereinen, möglichst schnell möglichst viele neue Wohnungen zu bauen. Stossen heutige Planungsinstrumente an ihre Grenzen?
Simon Kretz Hohe Verdichtung mit Bestandserhalt zu kombinieren, verlangt enorm viel Aufwand, Energie und Know-how. Die Frage ist, in welchem Massstab und in welchem Zeitraum ein Ziel erreicht werden soll. Im Bestand ist es kaum möglich, schnell die gewünschte Anzahl neuer Wohnungen zu bauen. Können wir parallel so viele komplexe Planungsprozesse durchführen, dass wir innerhalb einer angemessenen Zeit zu einer hohen Qualität kommen? Wir brauchen heute viele Ressourcen und viel Planung für relativ wenig Nutzfläche. Wir haben kaum praktikable Werkzeuge, um so über Quartiere und Stadtteile nachzudenken und sie zu verdichten, wie wir es heute mit Arealen tun. Im Bestand kann man nicht machen, was man will. Unsere Instrumente sind für die Planung auf der grünen Wiese erdacht worden, nicht für den Umbau des Bestands.

«In Zug kommen Bauten weg, die in Biel noch 20 Jahre bestehen würden.» René Hutter

Wie kann man die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach mehr Verdichtung und Instrumenten, die nicht für den Umgang mit dem Bestand geeignet sind, verkleinern?
Simon Kretz Gestaltungspläne, die mehr Bebauung zulassen, unterwandern die harmonische Abgrenzung der Bauzonen schon heute und machen das Siedlungsbild heterogen. Eine Chance wäre die Stabilisierung der Siedlungsgrenzen mit Grünräumen. Das wäre dann wie bei einem Seeufer. Dort ist klar, wo das Bauland aufhört und wo der See anfängt. An solchen neuartigen Siedlungsrändern wäre das Wohnen sehr attraktiv und eine höhere Dichte möglich. Dagegen spricht nicht viel, aber es erfordert ein neues Bild der Stadtlandschaft. Ich plädiere für imaginative Ansätze anstatt der Frage, wo man gerade noch verdichten kann. Aktualisierte Leitideen sind gefragt.

Welche Zielbilder für die gewünschte Verdichtung im Bestand gibt es? Wie werden sie entwickelt?
Simon Kretz Heute projiziert man meist aus dem Bestand heraus. Wünschenswert wären anschauliche Zielbilder anstatt der blossen Zahl gewünschter zusätzlicher Wohnungen. Bilder machen die Entwicklung auch mit dem Herzen nachvollziehbar. Wenn zum Beispiel alle Grenzen zur Nichtbauzone zu parkartigen Wanderwegen umgestaltet würden, könnte man sich darunter konkret etwas vorstellen und das vielleicht auch gut finden. Der Gedanke an den möglichen Schattenwurf eines neuen Gebäudes auf der benachbarten Parzelle dagegen verursacht Stress.
René Hutter Im Kanton Zug gibt es zurzeit ein prioritäres Ziel: den Bau preisgünstiger Wohnungen. Das dominiert alle politischen Diskussionen, alles andere ist sekundär. Selbst wenn es eine Wirtschaftskrise geben sollte, liegt Zug immer noch zentral im Entwicklungskorridor zwischen Zürich und Luzern und bleibt begehrt.
Brigitte Moser Bleibt das Ziel der Planung in Zug immer gleich? Die Demografie beschäftigt mich. In allen westlichen Industrienationen schrumpft die Bevölkerung wegen der schnell sinkenden Geburtenraten. Und wenn die Babyboomer nicht mehr da sind, verschärft sich diese Tendenz noch. Wie wirkt sich das auf die Zuwanderung aus? Wir müssen jetzt bauen, aber was bedeutet das in 20 Jahren? Sich dieser Frage anzunehmen, ist auch eine politische Aufgabe. Das Bauen reagiert, gleichzeitig ist nicht klar, ob die heutigen Entwicklungen für immer so weitergehen.

Ein weiteres Thema ist der Grünraum. Passt sich der Kanton Zug genügend an den Klimawandel an?
René Hutter Gemäss unserer Hitzekarte sind Hitzeinseln dank der Kaltluftströme vom Zugerberg und dem See, der im Sommer kühlt und im Winter wärmt, kein so grosses Problem wie anderswo. Daher ist die Frage des Stadtklimas in Zug etwas weniger virulent. Man ist auch schnell draussen. Die gesicherten Grünflächen in der Lorzenebene sind unser Central Park. Schattige Strassenräume und Plätze sind ebenfalls wichtig.
Brigitte Moser Grünraum ist auch Gemeinschaftsraum. Als Einwohnerin wünsche ich mir verbesserte Plätze, Parks und kleine Oasen in der Wohnumgebung. Da gibt es in Zug Luft nach oben. Der Umbau des Postplatzes etwa ist eine verpasste Chance: Er ist eine Kreuzung mit Parkplätzen geblieben, anstatt zum baumbestandenen Stadtplatz zu werden. Beim öffentlichen Raum geht es aber nicht nur um mehr Bäume, sondern ganz allgemein um die Gestaltung. Zug hat nach wie vor ländliche Strukturen. Mittendrin liegt die Stadt, die in den vergangenen Jahren explodiert ist, aber keine lange urbane Geschichte wie Zürich oder Luzern hat. Man ist immer noch nah an den Grünzonen. Auch innerhalb des Siedlungsraums muss man an die Natur denken.
 

Die Dorfstrasse ist das Zentrum von Baar.

Welche Rolle spielen städtische Tradition und Geschichte in der Planung?
Simon Kretz Historisch gewachsene Städte haben eine Tradition, mit Verdichtung umzugehen. In eher ländlichen Gemeinden, die plötzlich Verdichtungsstress erleben, ist das schwieriger. Dort fehlen die historischen Raumbilder und das Selbstverständnis, Erweiterungen zu planen. Im Kanton Zug sieht man das etwa in Ägeri. Ein Dorf kann nicht einfach um ein Vielfaches wachsen und dabei weiterhin ein Dorf bleiben. In Dörfern ist man sich eher gewohnt, mit kleineren Interventionen und Verbesserungen zu agieren und weniger mit substanziellen Erweiterungen und Verdichtung, dort gibt es diesen offensichtlichen Quantensprung nicht. Und trotzdem wird ein Ort schrittweise zu einer halben Stadt. Wenn solche Dichtesprünge passieren, braucht es auch Infrastrukturen wie Bäckereien und Schulen. In Rotkreuz zum Beispiel wird die Stadtexplosion begleitet und geplant.
Brigitte Moser Das sieht man auch in Zug: Man ist zeitlich überfordert, weil man mit neuen Einwohnerinnen und Arbeitsplätzen überschwemmt wird.

«Verdichtung ist auch eine Qualitätsfrage.» Brigitte Moser

Führen die Geschwindigkeit und der Druck nicht auch zu ganz eigenen Qualitäten?
Brigitte Moser Zug hat schon in früheren Boomphasen aktiv geplant. Das führte zu ganz eigenen Quartierstrukturen, die oft recht dicht und prägend bebaut wurden, etwa in der Bahnhof- und der Baarerstrasse oder in der Herti.
Simon Kretz Räumliche Explosionen können durchaus eine Chance sein. Man wird sich des Quantensprungs bewusst und fängt an, anders zu denken und aktiver zu planen. Die Resultate früherer prägender Boomphasen schätzt man meist erst später. Man kennt sie aus Büchern, Bildern, der täglichen Erfahrung. Räume brauchen Zeit, um angeeignet und schätzen gelernt zu werden.
René Hutter Das stimmt. Auch heute schaffen wir Räume, die erst in Zukunft ein Heimatgefühl auslösen werden.
Brigitte Moser Man muss die Geschichte weiterschreiben, darf die Geschichte, die bereits geschehen ist, aber nicht negieren. Im Siedlungskontext ist es wichtig, den Bestand einzubeziehen, sonst droht ein Identitätsverlust, und dann fühlen sich viele Menschen nicht mehr wohl. Wesentlich ist, zu erkennen, was man hat.

Dafür gibt es qualitätssichernde Verfahren, Inventare und die Denkmalpflege. Wie kann man auch die Wieder- und die Weiterverwendung weniger prominenter Teile des Bestands stärken?
René Hutter Ich bringe das Beispiel der vier Scheibenhäuser in Inwil. Das Siegerprojekt sieht einen vollständigen Abbruch mit anschliessenden Neubauten vor. Eines der Wettbewerbsprojekte wollte zwei der Häuser erhalten, obwohl das nicht in den Vorgaben stand. Die hochkarätige Jury entschied anders. Die Debatte um Erhaltung und Nachhaltigkeit hat man vor sechs Jahren wohl zu wenig antizipiert.
Brigitte Moser Bautypologisch ist die alte Siedlung attraktiv, auch wenn die Wohnungen den heutigen Ansprüchen nicht mehr in jeder Hinsicht genügen. Aber Häuser prägen die Umgebung über Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Man darf sich also Zeit nehmen, sich Gedanken darüber zu machen, ob man sie einfach abbricht.
Simon Kretz Auf dem LG-Areal erhalten wir mehrere Gebäude. Der Hebel war, sie nicht zur Ausnützungsziffer zu zählen. Das gibt spannende Anreize, der Bestand wird zum ‹Extra Value›, und man investiert gerne in die Renovation. Ausnützungsboni und Umbaunormen wären gut und führen zu eleganteren Rahmenwerken.
 

Grünflächenverlust abgebremst

Quartierteile bewahren und damit die Identität stärken. Das perfekte Rezept zum Weiterbauen?
René Hutter Zurzeit geht der Wunsch nach mehr Wohnungen vor. Es wird rege diskutiert, auch über Lärm, Grundwasser, ISOS und Kreislaufwirtschaft. Aber all diese Erschwernisse – oder Garanten der Lebensqualität – beschränken die Planung. Ich wünsche mir manchmal etwas weniger Komplexität, weniger Dogmatismus, dafür gute Begründungen und Interessenabwägungen. Man hat schon sehr stark auf die Sonderbauweise gesetzt. Wenn sie zur neuen Normalität wird, müsste man die Regelbauweise verändern, damit nicht jede Parzelle zur Sonderregel wird.
Brigitte Moser Identität ist wichtig: Was macht uns aus? Das betrifft im Kanton Zug auch die jüngeren Baudenkmäler, die nicht geschützt sind, weil das Inventar nur bis 1975 geht. Das Denkmalschutzgesetz ist ohnehin kein kräftiges Werkzeug, und bei diesen Objekten greift es gar nicht. Eine starke Vermittlung ist wichtig, damit den Menschen klar wird, welche Qualitäten Gebäude aus den 1970er- und 1980er-Jahren bieten.
Simon Kretz Identifikationsprozesse mit Räumen hängen aber nicht nur mit dem zusammen, was schon da ist. Man kann sich auch mit Dynamik identifizieren. Eine Gesellschaft kann sich als dynamisch charakterisieren und Veränderung positiv sehen, als Aufbruchstimmung. Man muss sich mit dem Bestand auseinandersetzen, aber auch Dynamik zulassen. Wie kann man einen dynamischen Prozess attraktiv machen und damit zur Identifikation der Bevölkerung mit ihrem Lebensraum beitragen?

Dieser Beitrag ist Teil des Themenfokus «Erntezeit» über die Zuger Stadtlandschaft. Lesen Sie online alle Artikel des Hefts.

Brigitte Moser, René Hutter und Simon Kretz im Gespräch.

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