In vieler Hinsicht ist Zug eine kleine Schweiz. Im Zentralschweizer Kanton zeigten sich nationale Herausforderungen in der Raumentwicklung früher und deutlicher.
Die Bahn schlängelt sich von See zu See, einer blauer als der andere, Bergzacken begrenzen den Horizont. Das Grün der Wiesen ist so satt, dass es bearbeitet wirkt. Dazwischen erstrecken sich Gewerbegebiete. Hier ein altes Bauernhaus mit SUV im Carport, dort Kirschbaumanlagen. Da neue Bürogebäude, die aussehen sollen wie alte US-amerikanische Industriehallen, dort ein Golfplatz. Weiter hinten ein Hochhaus mit Öffnung und Schrägdach. Solche Kontraste und Widersprüche sind typisch für die Schweiz, doch im Kanton Zug treten sie prägnanter in Erscheinung. Prägnanter und früher als in der restlichen Schweiz zeigten sich hier auch die raumplanerischen Herausforderungen wie die Zersiedelung oder die Entwicklung der Wohnungspreise. Entsprechend früh waren Lösungen gefragt.
Die Zuger Bevölkerung hat sich seit 1970 fast verdoppelt, während die Schweiz nur halb so stark gewachsen ist. Mit der Bevölkerung hat sich auch die Wirtschaft rasant entwickelt. Heute ist das Bruttoinlandprodukt pro Person im Kanton Zug doppelt so hoch wie das im Kanton Zürich. Der Hauptgrund dafür ist bekannt: Die seit 1946 auch im internationalen Vergleich tiefen Steuern für Privatpersonen und Unternehmen haben viele Millionäre und Firmen angelockt – mit oder ohne Arbeitsplätze. Hinzu kommen Standortfaktoren wie die schöne Landschaft, die gute Anbindung an andere Zentren, den Alpenraum und den Flughafen, die Sicherheit und die hohe Wohn- und Lebensqualität. Trotz früher Industrialisierung lange als Bauernkanton gelesen, hat sich Zug innerhalb weniger Jahrzehnte zum selbst ernannten Crypto Valley mit Pharmacluster entwickelt.
Stadt oder Land?
Doch nicht bei allen hat das Selbstbild mit der rasanten Veränderung Schritt gehalten. Wie so viele Menschen in der Schweiz wähnen sich auch die Zuger gerne im Dorf, obwohl sie gemäss den Planerinnen längst (vor)städtisch leben. Exemplarisch zeigt sich die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Planersicht an der Lorzenebene: In der Flussebene zwischen Zug, Cham, Steinhausen und Baar wird nicht nur Ackerbau betrieben, sie wird auch für gemeinhin urbane Tätigkeiten wie Spazieren, Joggen oder Rennvelofahren genutzt. Planer lesen diesen Grünraum deswegen als eine Art Central Park in der Stadtlandschaft und haben ihn raumplanerisch gesichert. Für die Zugerinnen hingegen ist die Lorzenebene Teil der Landschaft und keineswegs ein Park. Hätten Kanton und Gemeinden die Lorzenebene 2004 nicht geschützt, wären Zug, Steinhausen und Baar längst zusammengewachsen. Verhindert haben das Siedlungsbegrenzungslinien. Der Kanton nutzte dieses Instrument erstmals 1987, um wertvolle Landschaftsräume frei zu halten.
Vorausschauend war auch die Mobilitätsstrategie des Kantons. Mit der Stadtbahn ging 2004 eines der ersten regionalen Bahnnetze in Betrieb. Bis heute entstehen viele Grossprojekte rund um dessen Haltestellen, beispielsweise am Unterfeld in Baar. Trotz der Massnahmen schritt die Zersiedelung in den 2000er-Jahren voran. Die Zuger äusserten sich zunehmend kritisch über das starke Bevölkerungswachstum und den Verlust von Kulturland. Als Konsequenz verhängte der Kanton 2013 einen Einzonungsstopp, der die Zersiedelung bremste. Die Bevölkerung wuchs über das angestrebte Mass hinaus. Mit dem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum stiegen die Wohnungspreise, und immer mehr Zugerinnen zogen in die günstigeren Nachbarkantone. Heute ist das Wohnen die grösste Herausforderung des Kantons Zug.

Wider die Wohnungsnot
Bereits 1992 erliess der Kanton ein Gesetz zur Wohnraumförderung und leitete verschiedene Massnahmen zur Förderung von preisgünstigem Wohnen ein. Das reichte – zumindest in der Stadt Zug – aber nicht aus: Nach einem ersten Versuch 1981 sprach sich die städtische Stimmbevölkerung 2012 und zuletzt 2023 für Wohnungsinitiativen aus. Eine 2023 angenommene städtische Initiative fordert, dass bis 2040 ein Fünftel aller Wohnungen auf Stadtgebiet preisgünstig sein soll. Ebenfalls 2023 hat der Regierungsrat mit einer wohnpolitischen Strategie reagiert, um den Wohnungsbau zu fördern – auch den preisgünstigen. Das Wirtschaftswachstum will er jedoch nicht abbremsen. Richtigerweise will der Kanton auch am Einzonungsstopp von Bauland festhalten siehe ‹«Die Wohnungsfrage ist existenziell»›. Dass die Entwicklung nach innen den Druck auf den Gebäudebestand erhöht hat, ist eine weitere Herausforderung, die sich dem Kanton stellt. Ersatzneubauten können Wohnraum an den richtigen Lagen und in der richtigen Dichte schaffen. Der Abriss von günstigen Wohnungen mitsamt Wänden und Dächern voller grauer Energie ist jedoch unter Umständen weder sozial noch ökologisch nachhaltig. Zudem leidet auch die Identität unter dem Verlust von jüngeren Baudenkmälern. Das Abwägen der Interessen und die Suche nach ortsspezifischen Lösungen kosten aber Zeit siehe ‹Wie weiter mit der Verdichtung?›.
Vorbild für die Schweiz?
Das Wachstum belastet auch die Verkehrsinfrastruktur. Der Kanton Zug hat rund 134 000 Einwohnerinnen und Einwohner (2024) und rund 128 000 Beschäftigte (2022). Das entspricht beinahe einem Verhältnis von 1 : 1. Schweizweit liegt dieses Verhältnis bei 2 : 1, weil nur die Hälfte der Gesamtbevölkerung erwerbstätig ist. Zug weist also einen grossen Beschäftigtenüberhang auf, was sich auch darin niederschlägt, dass rund 40 000 Personen aus den Nachbarkantonen in den Kanton Zug pendeln. 20 000 Zugerinnen wiederum pendeln in die andere Richtung. 2024 hat die Zuger Stimmbevölkerung jedoch zwei Umfahrungsprojekte in Unterägeri und in Zug abgelehnt. Es ist also Zeit für eine neue Mobilitätspolitik siehe ‹Mobilität à la carte›.
Durch die Ablehnung der beiden Strassenbauprojekte hat der Kanton rund eine Milliarde Franken gespart. Doch was hat die Bevölkerung von den finanziellen Überschüssen und vom Wachstum? Mehrere Gemeinden und Korporationen investieren nun in die öffentlichen Räume, kaufen private Seebäder oder übernehmen nicht rentable Stammbeizen siehe ‹Investieren in den Gemeinsinn›. Damit wollen sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, der in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen hat. Zug braucht solchen Ideenreichtum, denn der Kanton befindet sich in einer wichtigen Entwicklungsphase. Schafft er es, an den Herausforderungen zu wachsen? Wenn er fortschrittliche Lösungen findet, lassen sich diese vielleicht auch andernorts in der Schweiz anwenden.


