Investieren in den Gemeinsinn

Um die Bevölkerung am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen, investieren Zuger Gemeinden in öffentliche Seebäder oder Restaurants.

 

Fotos: Tom Huber
In Zusammenarbeit mit dem Kanton Zug

Um die Bevölkerung am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen, investieren Zuger Gemeinden in öffentliche Seebäder oder Restaurants.

 

Der Kanton Zug ist klein, reich und gefragt. Internationale Konzerne aus der Finanz-, Tech- und Rohstoffbranche schätzen ihn aufgrund der bekannten Faktoren sehr. Auch die Bevölkerung profitiert vom Reichtum: Immer wieder erhalten die Zugerinnen und Zuger Rabatte auf die ohnehin tiefen Steuern, und sie werden etwa bei der Kinderbetreuung oder den Krankenkassenprämien grosszügig entlastet. Das Wachstum hat auch Schattenseiten. Die ‹Zuger Zeitung› berichtet von leergekündigten Wohnblöcken, deren Wohnungen durch Businessapartments ersetzt werden, oder von jährlich 850 Zugerinnen, die wegen zu hohen Mieten in die Kantone Aargau oder Schwyz ziehen. Gleichzeitig treiben die Zuzüge aus dem Ausland das Bevölkerungswachstum an. Was bleibt den Zugern vom Steuerparadies?

Golf als Volkssport: Der Golfpark in Holzhäusern ist ohne exklusive Mitgliedschaft zugänglich – und biodivers gestaltet.

Entdeckung des öffentlichen Raums

Die Zuger Gemeinden entdecken, wofür sie die Überschüsse brauchen können. Sie beginnen, ihre Dorfkerne, Parks und Seezugänge aufzuwerten. Bei Ortsplanungsrevisionen und wenn die Gemeinden selbst bauen, schaffen sie attraktive öffentliche Räume. Das kommt bei der Bevölkerung gut an. Mit mehr als 77 Prozent Ja-Stimmen haben die Stimmberechtigten der Stadt Zug einen Kredit von 13 Millionen Franken gutgeheissen, um die Fläche des Strandbads zu verdoppeln. 12 Millionen Franken wollen Kanton, Stadt und Korporation Zug zudem für die Erneuerung des ‹Brüggli› lockermachen, ein naturnaher Erholungsraum am See. Der Schlaufensteg der Korporation Baar Dorf ist ein weiteres Beispiel für eine Investition in den Gemeinsinn.

Spannend ist das Projekt ‹Risch der Zukunft›. Die Gemeinde Risch, bestehend aus der Kleinstadt Rotkreuz und den Dörfern Risch, Buonas und Holzhäusern, ist im Vergleich mit den anderen Zuger Gemeinden in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten gewachsen.

Nun will die Gemeinde sich sorgfältig und vorausschauend weiterentwickeln, indem sie die Bedürfnisse der Bevölkerung in den Vordergrund stellt. «Zusammen für mehr Lebensqualität», schreibt sie auf der Website. Die Ortsplanungsrevision ‹Risch der Zukunft› besteht aus zehn Teilprojekten, die über das ganze Gemeindegebiet verteilt sind. Geplant ist eine Stärkung der Ortskerne mit mehr Begegnungsorten, Bäumen und Bänken. In Holzhäusern sollen etwa Spielplätze und ein Spazierweg entstehen. In Buonas hat die Gemeinde das Grundstück mit der Badi gekauft und wertet die Seepromenade auf. An sechs Stellen plant sie mehr Wohnungen, ein Teil davon preisgünstig. Der Wohnungsmarkt ist seit Jahren ausgetrocknet, Risch hat eine der tiefsten Leerwohnungsziffern nicht nur im Kanton Zug, sondern in der ganzen Schweiz.

Im dicht besiedelten Rotkreuz sind grosse Veränderungen geplant. Beinahe in einem Rutsch sollen eine neue Kantonsschule gebaut sowie der Sportpark, der Bahnhof, das Verwaltungsgebäude und der Dorfmattplatz von Grund auf erneuert werden. Für die Kanti Rotkreuz rechnet der Kanton Zug mit Kosten von 200 Millionen Franken, für den Sportpark und das neue Verwaltungsgebäude mit Wohnhochhaus inklusive Platzgestaltung veranschlagt die Gemeinde Risch 17 bzw. 65 Millionen Franken. Nicht in das Budget von Kanton oder Gemeinde fällt ein neues Hochhaus der SBB am Bahnhof mit Büros und Wohnungen. Christian Blum leitet die Ortsplanung. Bislang seien die Rückmeldungen sehr wohlwollend, sagt er. «Wir sind überrascht, wie gut die Projekte aufgenommen werden. Immerhin geht es um enorme Bauvorhaben.»

Eine Bank im Chamer Zentrum wirbt mit einem Kundenberater.

Was macht einen Ort lebendig?

Als öffentlichem Raum kommt dem Dorfmattplatz besonders viel Aufmerksamkeit zu. Er grenzt südseitig an den Bahnhof und ist das eigentliche Zentrum von Rotkreuz. Hier sitzt die Gemeindeverwaltung in einem Gebäude aus den 1980er-Jahren. Auf der offenen Fläche davor finden jeweils der Markt, die Chilbi und die Fasnacht statt. In der Mitte überdeckt ein wuchtiges Holzdach den Eingang zur Bahnhofunterführung, weiter drüben verschwinden Autos in der Tiefgarage. In Kombination mit dem kleinen Busbahnhof macht das einen zusammengewürfelten Eindruck, doch der Dorfmattplatz ist keineswegs ein Unort. Neben dem Gemeindehaus stehen zehn Kastanienbäume, die im Frühling rosa blühen, darunter ein paar Bänke. Dennoch fühlt sich das Ganze weder so richtig nach Dorf noch so richtig nach Zentrum an, eher nach Bahnhofsvorplatz. Das will die Gemeinde nun ändern. Ein Hochhaus mit Büros für die Verwaltung, einem grossen Saal und Räumen für die Vereine soll das Gemeindehaus ersetzen. Im Erdgeschoss ist eine Küche vorgesehen, die für Anlässe drinnen und draussen genutzt werden kann. Auf der Ostseite soll ein integrierter Zusatzbau mit Wohnungen entstehen, draussen sind mehr Grün und mehr Sitzgelegenheiten geplant. Sämtliche Parkplätze werden ins Untergeschoss verlegt.

Reichen diese Massnahmen aus, um ein lebendiges Zentrum zu schaffen, in dem man gerne verweilt? «Momentan fehlen auf dem Dorfmattplatz soziale Nischen», sagt Christian Blum. Es brauche mehr Übergangsfunktionen – also eine stärkere Verbindung zwischen Aussen- und Innenraum. «Der Platz braucht ein Café mit Sitzplätzen im Freien. Oder einen Laden, der seine Ware draussen präsentiert.» Das Ziel sei es, die Nutzung des Dorfmattplatzes zu intensivieren, und zwar durch neue Wohnungen, aber auch durch möglichst viele Läden. «Das hat zum Beispiel in der Europaallee am Hauptbahnhof Zürich gut funktioniert. Dafür ist aber wohl ein Paradigmenwechsel bei den Mietpreisen notwendig», so Blum. «Die Privaten müssen die Laden- und Gastroflächen günstig anbieten.»

Stillleben bei der Drogerie mit Apotheke in Steinhausen.

Ein neues Restaurant für Unterägeri

Nicht nur öffentliche Plätze und Seezugänge sind in Zug ein Thema. Die öffentliche Hand weitet den Service public auf die Gastronomie aus. Mehrere Einwohner-, Korporations- und Kirchgemeinden verpachten Lokale, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch der Bevölkerung. Das Bedürfnis nach einem Restaurant ist gross, auch in Unterägeri. Kürzlich schloss das Traditionslokal Schiff. Der Eigentümer will es abreissen, es muss einer Überbauung weichen. «Das ‹Schiff› fehlt jeden Tag», sagt Reto Iten, Korporationsratspräsident von Unterägeri. «Immer wieder sprechen mich Menschen auf der Strasse an und sagen, dass sie endlich ein neues Restaurant brauchen.»

Da passt es gut, dass die Korporation Unterägeri vor fünf Jahren den Landgasthof Schützen gekauft hat. Er ist nach der Alpwirtschaft Sonnegg das zweite Restaurant in ihrem Portfolio. Nun will sie den ‹Schützen› neu bauen und verpachten. Der 50-jährige Gasthof ist ein beliebtes Ausflugsziel im Naherholungsgebiet Schützen / Boden. Hier zieht es Radfahrerinnen, Wanderer und Tennisspielerinnen hin, im Winter locken ein Skilift und mehrere Loipen. Den Menschen im Ägerital sei dieses Gebiet heilig, erzählt man sich. 2021 stimmte die Korporationsgemeinde einem Architekturwettbewerb für den ‹Schützen› zu. Mit dem Siegerprojekt waren aber viele unzufrieden. Die Stimmberechtigten verweigerten dem Korporationsrat den Projektierungskredit, sprachen aber weitere 150 000 Franken für die Überarbeitung des Entwurfs. Ende Mai stellte der Rat den Korporationsbürgerinnen einen dreigeschossigen Bau aus lokalem Holz vor, mit quadratischem Grundriss und einem tief nach unten ragenden Kreuzgiebeldach. Im Erdgeschoss ist der Gasthof mit Gartenwirtschaft und einem grossen Spielplatz geplant, in den oberen Geschossen sollen sechs Wohnungen realisiert werden. Kostenpunkt: insgesamt 10,5 Millionen Franken.

Es ist ein Projekt von hoher architektonischer Qualität, und es gibt im Kanton Zug kaum ein vergleichbares Lokal. Schon allein deshalb erhofft sich Reto Iten eine Strahlkraft über die Gemeindegrenzen hinaus. Doch auch gegen die überarbeitete Version gab es kritische – laute –Stimmen, denen das Gebäude nicht gefiel oder die die Kosten für zu hoch hielten. Einige befürchteten, dass aus dem ‹Schützen› ein «Luxustempel» würde anstatt eine bodenständige Beiz. Im Vorfeld war schwer abschätzbar, ob das Projekt durchkommen würde. An der Korporationsversammlung Ende Mai, an der die Bürgerinnen über den Baukredit abstimmten, äusserten sich erstmals auch die Befürworter öffentlich. «Sie plädierten dafür, nicht dem Kleingeist zu verfallen, sondern vorwärtszugehen», erzählt Reto Iten.

Am Ende war das Ergebnis mehr als deutlich: Bei einer aussergewöhnlich hohen Stimmbeteiligung sagten 70 Prozent der Anwesenden Ja. «Das freut uns sehr», sagt Iten. «Dass die Abstimmung so eindeutig ausgefallen ist, ist wichtig für das Projekt.» Die Korporation macht sich nun auf die Suche nach geeigneten Wirtsleuten und hofft, bereits Ende Jahr mit den Bauarbeiten beginnen zu können. Läuft alles nach Plan, öffnet der neue ‹Schützen› im Sommer 2027 seine Türen.

 

 

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