Dichter bauen, schneller nach Zürich: Ausgehend davon entwirft der Kanton Zug Mobilitätsperspektiven und zukunftsweisende Projekte bis hin zu einer Metro.
Auf dem Bahnhofplatz von Rotkreuz steht das ‹Quartiermobil› der Gemeinde Risch, daneben brettern Kinder auf Velos über einen Parcours mit Wellen und kleinen Steilwandkurven. Damit legen sie den Begriff ‹ Verkehrsdrehscheibe › noch etwas weiter aus, als das sonst der Fall ist. Verkehrsdrehscheiben sind Orte, an denen mehrere Verkehrsträger aufeinandertreffen und das Umsteigen auf das geeignete Verkehrsmittel fördern. Rotkreuz, zwischen Luzern und Zug gelegen, ist ein Musterbeispiel dafür. Aus einem Eisenbahnknotenpunkt ist eine Kleinstadt entstanden. Der Branchenmix reicht von der Pharma über die Software- bis zur Bildungsindustrie – im Sommer 2025 hat die dritte Zuger Kantonsschule dort ihren Betrieb aufgenommen.
Verkehrsdrehscheibe Rotkreuz
Rotkreuz ist charakteristisch für den Aufstieg des Kantons Zug an die Spitze der schweizerischen Wohlstandspyramide. Die Kleinstadt ist sehr gut an Luzern, Zug und Zürich angeschlossen: Die Autobahn A4 zwischen Zürich und Luzern / Gotthard, die Hauptstrassen aus den Nachbarkantonen und die direkten Züge aus Zürich, Luzern und vom Flughafen bringen gemäss der kantonalen Statistik jeden Tag 40 000 Personen zur Arbeit oder zur Ausbildung nach Zug. Demgegenüber stehen nur 20 000 Zugerinnen, die ihren Wohnkanton zu diesen Zwecken verlassen. In der Mikrozensus-Haushaltsbefragung des Bundes von 2021 zum Mobilitätsverhalten wird der Kanton Zug mit seinen bald 130 000 Einwohnern und ähnlich vielen Arbeitsplätzen als zehntgrösste Agglomeration des Landes definiert. Dabei belegt er Spitzenplätze: Zug ist die einzige der zehn grössten Agglomerationen der Schweiz, in der mehr als 80 Prozent der Haushalte einen Personenwagen besitzen. Gleichzeitig haben 64 Prozent der Zuger ein Abonnement des öffentlichen Verkehrs – ein leicht höherer Wert als in der Agglomeration Zürich. Hier kann man sich Mobilität de luxe und à la carte leisten.
Am Bahnhof Rotkreuz frequentieren täglich mehr als 13 000 Personen die Perrons. Buslinien von Weggis und Küssnacht am Vierwaldstättersee bis nach Hochdorf im Seetal sorgen für attraktive Verbindungen aus den Nachbarkantonen Luzern und Schwyz Richtung Zug und Zürich. Wer vom Auto auf den Zug umsteigen will, findet mehr als 200 Park-and-ride-Plätze, und auch für Velos stehen Abstellplätze zur Verfügung. Bis 2029 werden die Verkehrsdrehscheibe und das weiterentwickelte Ortszentrum wie Teile eines Puzzles zusammengefügt. Das ist mustergültig. Der neue Wohn- und Bürokomplex, der an die Stelle des Bahnhofsgebäudes aus den 1970er-Jahren treten wird, korrespondiert mit der Zentrumsplanung der Gemeinde. Sie sieht unter anderem einen Neubau für das Dorfzentrum mit Saal sowie bahnhofsnahes Wohnen vor.
Pendlerströme mit den Nachbarkantonen
Anzahl Personen
Eine Pausenregel gegen den Durchgangsverkehr
Dass Rotkreuz ein Magnet für das Umsteigen auf die Bahn geworden ist, hat mit zwei Angebotsschüben zu tun: Seit 1997 hält hier stündlich ein Schnellzug nach Zürich und einer nach Luzern. Und 2004 hat der Kanton Zug mit der viertelstündlich auf SBB-Gleisen und ihrer Hauptlinie Rotkreuz–Cham–Zug–Baar verkehrenden Stadtbahn ein Rückgrat für den Massenverkehr in seiner Stadtlandschaft geschaffen. Bezeichnend für den wohlhabenden Kanton war, dass er für die Investition von 67 Millionen Franken in zusätzliche Haltestellen nicht auf die Agglomerationsprogramme des Bundes gewartet, sondern das Vorhaben ohne Zustupf aus Bern finanziert hat.
2007 und 2009 hat die Zuger Stimmbevölkerung in Summe knapp eine halbe Milliarde Franken für zwei grosse Strassenprojekte bewilligt. Der Autobahnzubringer ‹Tangente Zug–Baar› für das Ägerital und Menzingen wurde 2021 in Betrieb genommen. Noch im Bau ist die Umfahrung Cham–Hünenberg am nordwestlichen Ufer des Zugersees. Sie soll 2027 eröffnet werden. Dass zwischen Beschluss und Eröffnung zwei Jahrzehnte ins Land gingen, liegt an Beschwerden und einem langen Ringen um geeignete flankierende Massnahmen. Damit soll sichergestellt werden, dass im Dorfzentrum von Cham die Zahl von heute rund 1000 Autos pro Spitzenstunde und Richtung um rund zwei Drittel auf 300 reduziert wird.
Ein vom Kanton lancierter und von den Gemeinden Cham und Hünenberg mitgetragener Mitwirkungsprozess brachte die Lösung. Man einigte sich darauf, dass Fahrten mit Motorfahrzeugen durch das Zentrum von Cham nur noch gestattet sein sollen, wenn diese einen Bezug zum Zentrum haben. Der reine Durchgangsverkehr soll vollumfänglich über die Umfahrungsstrasse abgewickelt werden, die unterbrechungsfreie Durchfahrt wird verboten. Ab 2027 müssen zwischen der Einfahrt und der Ausfahrt bei zwei verschiedenen Portalen mindestens zehn Minuten liegen. Wer das missachtet, wird gebüsst. Mit dieser elektronisch überwachten Pausenregel soll das Zentrum der 18 000-Seelen-Gemeinde für Fussgängerinnen und Velofahrer attraktiver werden, ohne dass Autos ganz ausgesperrt werden und die Erreichbarkeit des Zentrums verschlechtert wird.
Wahl der Verkehrsmittel bei Arbeitspendlern
Anteil Personen
Mehr ÖV, mehr Velos
Der Ansatz, Ortszentren durch die Verlagerung des Durchgangsverkehrs auf Umfahrungsstrassen aufzuwerten, gehört zu den Planungsgrundsätzen im Zuger Richtplan. Allerdings ist dieses Rezept nicht nur wegen der langen Realisierungsdauer solcher Projekte infrage gestellt, sondern auch, weil die Stimmbevölkerung 2024 einer Investition von rund einer Milliarde Franken für je eine Umfahrung in der Stadt Zug und in Unterägeri eine Absage erteilt hat. Zur grundlegenden Kontroverse, ob neue Strassen Verkehrsprobleme lösen oder verstärken, gesellte sich bei diesem Plebiszit die Frage der Dringlichkeit. Bei den Stimmberechtigten überwog die Skepsis – zusammen mit der Ablehnung der hohen Kosten und der Belastungen durch die Baustellen, wie eine Analyse deutlich machte. Als Reaktion auf das Verdikt soll nun geprüft werden, wie sich die Verkehrssituation in Zug, Baar und im Ägerital ohne Umfahrungsstrassen bewältigen lässt.
Basierend auf zwei Perspektiven konzipiert der Kanton Zug die Netzentwicklungen für den öffentlichen Verkehr und für den Veloverkehr. Zum einen geht er davon aus, dass sich das Ziel des kantonalen Richtplans erreichen lässt, wonach bis 2040 mindestens 85 Prozent des Wachstums von Bevölkerung und Beschäftigten in der Stadtlandschaft zwischen Rotkreuz, Cham, Steinhausen, Zug und Baar stattfinden soll. Zum anderen verheisst der vom Bund grundsätzlich beschlossene Zimmerberg-Basistunnel 2 zwischen Baar und Thalwil mehr und schnellere Verbindungen. Zwischen Zug und Zürich würden dann sechs schnelle Züge pro Stunde verkehren, und die Reisezeit würde weniger als 20 Minuten betragen. Noch 2025 soll der Kantonsrat ein 530 Kilometer umfassendes Velowegnetz inklusive einer Velobahn im Richtplan verankern. «Für den öffentlichen Verkehr innerhalb des Kantons werden die Perspektiven noch ausgelotet», sagt Katja Krauer, Leiterin der kantonalen Abteilung Verkehrsplanung. In den nächsten Jahren sollen die Ergebnisse eines partizipativen Prozesses im Richtplan verankert werden. Dabei wurden verschiedene Optionen ausgelotet – von einer Weiterentwicklung des Bussystems über ein Tram und die Ergänzung der Stadtbahn bis hin zu Seilbahnen oder einer U-Bahn. Für den Planungshorizont bis 2040 steht ein Ausbau des Bussystems im Vordergrund. Auf den Hauptachsen soll dessen Qualität wo möglich durch Eigentrassen oder Bevorzugungen erhöht werden. Für einen weiteren Zeithorizont werden eine Metro in der Stadtlandschaft sowie ein neuer Ast der Stadtbahn ins Ägerital vertieft geprüft. Dessen Integration in die Stadtbahn auf dem künftig noch stärker ausgelasteten SBB-Netz dürfte jedoch schwierig werden. Ein konkretes Modalsplit-Ziel ist mit diesen Perspektiven nicht verbunden. Grundlage ist das im Richtplan formulierte Ziel, die vorhandenen Verkehrsflächen möglichst den flächeneffizienten Verkehrsformen zuzuweisen.
Auch die Parkplätze verdichten
Zur Abstimmung von baulicher Verdichtung und Verkehr gehört auch eine höhere Effizienz beim Bodenbedarf für Parkplätze. Ansätze dafür sind etwa kombinierte Nutzungen oder Parkhäuser. Klein, aber fein ist die Lösung, die die Zugerland Verkehrsbetriebe und Coop 2009 für eine Zentrumsüberbauung in Unterägeri gefunden haben: Unter dem Gemeindesaal fahren tagsüber die Lastwagen für die Belieferung des Grossverteilers ein und aus, nachts dient die Halle als Depot für neun Busse.
Primär ein Grossparkhaus mit 560 Autoabstellplätzen ist der unmittelbar bei einem Autobahnzubringer an der Stadtgrenze angesiedelte Mobility-Hub Zug Nord der Tech Cluster Zug AG. Sie hat sich dem Erhalt von Industriearbeitsplätzen in der Stadt Zug verschrieben. Dazu gehört die bauliche Weiterentwicklung von Industriearealen. Bestandteil davon ist die Verlegung von Parkplätzen vom V-Zug-Areal in den 2022 eröffneten, fünfgeschossigen Bau und deren Bewirtschaftung. Profitierten die Arbeitnehmer früher von Gratisparkplätzen und Wegentschädigungen, müssen sie nun Parkplatzgebühren entrichten. Finanziell belohnt wird nur noch, wer ohne Auto anreist. So soll der Anteil der Pendler mit Auto auf 40 Prozent gesenkt werden. Das grosse Parkhaus ist eine Wette auf eine Zukunft, in der das Auto weiterhin eine grosse Rolle spielt. Mit seiner Dimension trägt es auch einem Teil der erwarteten weiteren Nachfrage aus seinem Umfeld Rechnung. Seine Schöpfer und Betreiber definieren das Parkhaus als Infrastruktur, die «den Umstieg vom motorisierten Individualverkehr auf effizientere und platzsparendere Verkehrsmittel wie Fahrräder, E-Bikes, E-Trottinette und öffentliche Verkehrsmittel» erleichtern soll, schreibt die Tech Zug AG. Derzeit sind 80 Prozent der Dauerparkplätze vermietet, und im Erdgeschoss sorgen eine trendige ‹Eatery› und der traditionsreiche Handwerkermarkt Zug für Betrieb. Miet-Zweiräder für die letzte Meile ins Stadtzentrum fehlen noch, aber eine Ausschreibung läuft. Wer die nächste Haltestelle von Stadtbahn oder Bus sucht, muss das Smartphone zu Rate ziehen und dann fünf bis zehn Gehminuten einplanen. Für einen Veloparcours wie auf dem Bahnhofplatz in Rotkreuz ist hier kein Platz – es sei denn, man würde das oberste Parkdeck unter freiem Himmel dafür nutzen wollen.

