Seit jeher bauen wir Türme aus Holz. Ein Streifzug durch die Geschichte zeigt, wie eng diese mit technischen Innovationen und der Verfügbarkeit von Material verknüpft sind.
Gründe, mit Holz in die Höhe zu bauen, gab es lange vor der Klimakrise. Bereits Vitruv berichtet in seinen ‹Zehn Büchern über Architektur›, wie die Griechen vorgefertigte Holzmodule für den schnellen Bau von Belagerungstürmen einsetzten. Über Nacht errichteten sie – unbemerkt vom Feind – vor dessen Stadttoren bis zu zwanzig Geschosse hohe Türme.

Während heute vor allem die vergleichsweise geringen CO₂-Emissionen für Holztürme sprechen, waren es über Jahrhunderte hinweg hauptsächlich pragmatisch-konstruktive Gründe, die Holz zum bevorzugten Material für den Bau in die Höhe machten. Ob für hohe Wohnhäuser, Kirchen, Leuchttürme oder Radioantennen – Holz war vielerorts leicht verfügbar, liess sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten und bot bei geringem Eigengewicht eine hohe Tragfähigkeit.
Handwerkliche Holzverbindungen
Die ältesten erhaltenen Holztürme stehen in Ost- und Südostasien. Bereits ab dem 6. Jahrhundert entstanden in Japan mehrgeschossige Skelettbauten aus Holz, etwa die 55 Meter hohe Pagode des Tō-ji-Tempels in Kyoto, ein Turm zur Aufbewahrung der sterblichen Überreste buddhistischer Mönche. Die durchgehenden Stützen leiten die Lasten effizient ab, die ausgeklügelten Holzverbindungen zwischen Balken und Stützen verleihen der Konstruktion eine bemerkenswerte Dehnbarkeit. So hielten die Türme über Jahrhunderte selbst schweren Erdbeben stand.
In Europa entstanden ähnlich ausgereifte Holzkonstruktionen bedeutend später. Der Blockbau war seit der Jungsteinzeit bekannt und prägte über Jahrhunderte die Versuche, in die Höhe zu bauen. In bergigen Orten wie Evolène im Wallis war flaches Land knapp und landwirtschaftlich wertvoll. Deshalb zog man es vor, bestehende Gebäude aufzustocken, statt daneben neu zu bauen. So wuchsen die Blockhäuser bis zu fünf Geschosse in die Höhe, was ihnen einen turmartigen Charakter verleiht. Doch die Setzungserscheinungen horizontal geschichteter Hölzer waren der Bauweise nicht förderlich.
Ausgehend von der Schiffbautradition der Wikinger entstanden im 13. Jahrhundert in Nordeuropa neue Holzkonstruktionen, etwa die Stabkirchen. Ähnlich wie bei den japanischen Skelettbauten wird dort die Last über vertikale Holzstützen, die namensgebenden Stäbe, abgeleitet. Anders als die Pagoden verjüngen sich die Baukörper nach oben, und die steilen Dachflächen formen pyramidenartige, mehrstufige Turmgebäude.
Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert entstanden in der rumänischen Region Maramureș weitere bedeutende Kirchen aus Holz. Da die katholische Habsburger-Monarchie orthodoxen Gemeinden den Bau steinerner Kirchen untersagte, bauten sie stattdessen mit Holz. Ihrem Streben nach Höhe tat das keinen Abbruch. Die Kirchen besitzen ein kleines Hauptschiff, über dessen Eingang ein spitzer, schlanker Turm emporragt. Der Turm der Kirche in Șurdești, erbaut 1721, erreicht eine beeindruckende Höhe von 72 Metern.

Ab dem Spätmittelalter setzte sich in Europa der konstruktiv raffiniertere Fachwerkbau durch – weiterentwickelt aus dem zuvor neben dem Blockbau dominierenden Pfostenbau. Der Fachwerkbau war deutlich langlebiger, weil seine tragenden Einzelteile ersetzt werden konnten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der achteckige Possenturm im mitteldeutschen Sondershausen, der 1781 errichtet wurde. Fäulnis und Pilzbefall hatten die Fachwerkkonstruktion des Aussichts- und Vermessungsturms so schwer geschädigt, dass der Turm einzustürzen drohte. Durch den gezielten Ersatz beschädigter Pfosten, Riegel und Streben konnte der Turm in den 1960er- und 2000er-Jahren restauriert werden. Bis heute ist er mit 42 Metern der höchste Fachwerkturm Europas.
Industrielles Sägen und Eisenverbindungen
Im 19. Jahrhundert veränderte sich mit dem Aufkommen dampfbetriebener Sägereien und industriell gefertigter Eisenverbindungen der Holzbau ganz grundlegend. Das Bauen mit Holz wurde günstiger und schneller, was sich auf die Nutzungsdauer von Holzgebäuden auswirkte. Während zuvor Langlebigkeit und Reparierbarkeit im Mittelpunkt gestanden hatten, wurden Holzbauten nun vermehrt als provisorische und kurzlebige Strukturen konzipiert. Deshalb blieben nur wenige dieser Bauwerke erhalten. Hölzerne Leuchttürme, die mit dem wachsenden Fernhandel an vielen Küsten errichtet worden waren, wichen langlebigeren Nachfolgern aus Stein und Beton. Einer der wenigen noch existierenden Holzleuchttürme ist jener auf der Ostseeinsel Kronstadt vor Sankt Petersburg – eine Fachwerkkonstruktion mit Eisenverbindungen und Bretterverschalung.
Die Industrialisierung brachte nicht nur Veränderungen in der Bauweise, sondern führte auch zur Entstehung neuer Turmtypologien. Von dieser Entwicklung zeugen in der Schweiz Bohrtürme wie jene in Bad Zurzach und Pratteln. Dort wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Sole für die Salzgewinnung gepumpt. Der hohe Turmraum mit unterschiedlichen Niveaus ermöglichte es, das Bohrgestänge effizient ein- und auszubauen. Ähnliche funktionale Anforderungen führten zum Bau des Tröckneturms in St. Gallen, konzipiert für die Trocknung frisch gefärbter Textilien. Je nach Wetterbedingungen hingen die langen Stoffbahnen entweder im Innern des Turms oder unter dem weit auskragenden Dach zum Trocknen. Während der Tröckneturm bereits in den 1930er-Jahren seinen Nutzen verlor, wurde die Bohrtürme noch bis 1970 betrieben.


Daneben etablierte sich der Turm auch als Ort der Freizeitgestaltung. Napoleon III. liess 1829 den Aussichtsturm Belvédère auf dem Arenenberg errichten. Er diente der Oberschicht als Vergnügungsstätte, mit einer Aussichtsplattform samt Fernrohr, einem kleinen Restaurant und einer Tanzfläche. Witterung und Fäulnis setzten dem Turm jedoch rasch zu, sodass er nach nur 26 Jahren abgerissen wurde. Eine weitaus spektakulärere Umsetzung dieser Idee war das 1853 für die Exhibition of the Industry of All Nations in New York errichtete Latting Observatory. Der 93 Meter hohe, achteckige Holzturm mit Eisenverstärkungen war damals das höchste Gebäude der Stadt – der erste Wolkenkratzer New Yorks. Das Vorhaben, einen der ersten dampfbetriebenen Aufzüge zu installieren, scheiterte, sodass Besuchende die drei Aussichtsplattformen zu Fuss erklimmen mussten. Nach nur drei Jahren brannte der Turm 1856 ab.


Konstruktionshilfe und Substitutionsmaterial
Im 20. Jahrhundert verlor Holz als primäres Konstruktionsmaterial an Bedeutung – Stahl, Beton und Backstein prägten das Bauen. Gleichzeitig wurde es im Konstruktionsprozess unverzichtbar: als Gerüst, Lehre oder Schalung. Besonders im Brückenbau entstanden temporäre Holzbauten, ähnlich imposant wie die eigentlichen Bauwerke. Für das 1910 erbaute Sitterviadukt entwickelte Richard Coray, ein Pionier des Lehrgerüstbaus, einen 97 Meter hohen Gerüstturm. Dieser ermöglichte die Montage des 920 Tonnen schweren, eisernen Halbparabelträgers. Im Gerüstturm wurden 1410 Kubikmeter Holz und 58 Tonnen Schrauben verbaut und sogar ein elektrischer Personenaufzug integriert.

Eine kurze Phase der Aufmerksamkeit erlangte Holz nochmals in der von Rohstoffmangel geprägten Zwischenkriegszeit. In Deutschland, gezeichnet von den Folgen des Ersten Weltkriegs und den Reparationszahlungen, führte der Mangel an Baumaterialien zur Entwicklung neuer Holzbausysteme, die als Alternativen zu weitspannenden oder hoch aufragenden Stahlkonstruktionen dienten – etwa beim Ausbau der Radioinfrastruktur. Holz war nicht nur einfacher erhältlich und günstiger, sondern hatte im Vergleich zur Stahlkonstruktion deutlich geringere Abstrahlungsverluste. So entstanden in Europa Hunderte von hölzernen Sendemasten, darunter auch der höchste jemals gebaute Holzturm der Welt. Der 190 Meter hohe Sendeturm Mühlacker wurde aus der besonders witterungsbeständigen kanadischen Pechkiefer gebaut, seine Teile wurden mit Bronzebolzen verbunden. Die meisten hölzernen Sendetürme sind heute verschwunden. Der Turm in Mühlacker wurde in den letzten Kriegstagen gesprengt. Den Höhenrekord hält heute jener in Gliwice, Polen, mit 134 Metern.

Die Materialknappheit jener Zeit förderte den Erfindungsgeist: Im Jahr 1905 entwickelte Otto Hetzer den Brettschichtbinder, 1922 meldete Paul Müller das erste Patent für Holz-Beton-Verbunddecken an. Damals fanden diese Neuerungen nur kurz Beachtung – der Ölboom und das Zeitalter des Betons standen unmittelbar bevor. Angesichts der Klimakrise erleben diese Erfindungen heute ein verspätetes Comeback – als Hoffnungsträger in immer höheren Holzhochhäusern.
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