CAP-Talk #2 mit Friederike Kluge

Der ‹Climate Action Plan› (CAP) der Klimastreik-Bewegung fordert ein radikales Umdenken. Was können Architektinnen und Architekten beitragen, fragen Werk und Hochparterre Vertreterinnen der Baubranche.

Text: Rahel Marti
07.05.2021 13:08

­
Betroffen haben wir Anfang Jahr den Climate Action Plan (CAP) der Schweizer Klimastreik-Bewegung zur Kenntnis genommen. Um die Klimaziele bis 2030 zu erreichen, fordert er ein radikales Umdenken und einen umfassenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft – denn nur harte Massnahmen können die Klimaerwärmung stoppen. Doch ist ein so einschneidendes Aktionsprogramm möglich? Werk, bauen + wohnen und Hochparterre wollen diese Diskussion angesichts ihrer Bedeutung gemeinsam führen. Die Serie CAP-Talks, die in beiden Zeitschriften online und gedruckt erscheint, fragt nach bei etablierten und jungen Vertreterinnen und Vertretern der Baubranche. Die Zeit drängt, und die bisher in der Schweiz beschlossenen Massnahmen genügen kaum, um die Klimaerwärmung zu drosseln. Was können Architektinnen und Architekten beitragen? In den CAP-Talks #1 und #2 antworten Ludovica Molo und Friederike Kluge.

Beim Lesen des Climate Action Plans (CAP) schluckt man leer: Er fordert harte Veränderungen. Was löst er bei dir aus?

Friederike Kluge*: Der CAP klingt tatsächlich rigoros, es ist von Verbieten und Abschaffen die Rede. So etwas liest man erst mal nicht gerne. Aber er enthält auch viele ergänzende Vorschläge. Ich verstehe ihn als Weckruf: Wir müssen drastische Massnahmen ergreifen, wollen wir diese Krise noch in den Griff bekommen. Lasst uns in allen Sparten ernsthaft darüber reden, welche Schritte jetzt nötig sind. Der CAP zwingt uns, unseren eigenen Beitrag zu überdenken. Wir stecken in der entscheidenden Dekade für den Klimaschutz. Nehmen wir die Wissenschaft ernst, müssen wir grundlegende Veränderungen in Kauf nehmen. Der CAP formuliert die Situation nicht nur als Bedrohung, sondern auch als eine Möglichkeit, ein Stück weiterzukommen und die Welt für alle lebenswerter zu machen. Wie der CAP eine breite Grundlage an Forderungen stellt, ist deshalb grossartig – alles in unbezahlter Arbeit übrigens.



Auch Countdown 2030, dessen Mitglied du bist, arbeitet unbezahlt für das klimagerechte Bauen. Was unterscheidet eure Arbeit vom CAP?

Die Beteiligten des CAP rechnen von 2030 rückwärts und kommen so auf die heute nötigen Massnahmen. Deshalb fallen diese so drastisch aus. Wie genau sie gerechnet haben, kann ich natürlich nicht beurteilen. Bei Countdown machen wir es andersherum: Wir überlegen, was man einfach und konkret umsetzen kann, das uns ein grosses Stück voranbringt. So wollen wir die Architekturschaffenden für die dringenden Massnahmen motivieren.



Trotzdem: Massnahmen, die Architektinnen und Architekten direkt umsetzen können, enthält der CAP wenige.

Es ist nicht einfach herauszulesen, wie ich ihn als bauende Architektin einlösen kann. Er formuliert ein Programm für die ganze Gesellschaft, vieles fällt nicht in meinen Kompetenzbereich. Ich kann mein Projekt schärfen und versuchen, die Bauherrschaft zum Umbauen statt Neubauen zu bewegen. Aber die politischen Rahmenbedingungen kann ich beim Bauen wenig beeinflussen. Der CAP zeigt, wie wichtig es ist, dass Architekten und Architektinnen sich in dieser Situation politisch engagieren. Der Wandel muss auf allen Ebenen stattfinden.




CAP-Talks
Die Gesprächsserie von Hochparterre und werk, bauen + wohnen zum Climate Action Plan (CAP) der Schweizer Klimastreik-Bewegung. Die weiteren Folgen finden Sie hier:
CAP-Talk #1 mit Ludovica Molo auf Hochparterre.ch
CAP-Talk #1 mit Ludovica Molo in werk, bauen + wohnen 5/2021

Klima-Aktionsplan
Der Klima-Aktionsplan bietet auf knapp 350 Seiten differenzierte und umfassende Informationen zur CO2-Reduktion sowie eine in 12 Kapitel gegliederte Tabelle mit Massnahmen. Ein Jahr lang haben Wissenschaftler*innen, Expert*innen und Klimastreikende den umfangreichen Plan ausgearbeitet. Der gesamte Klima-Aktionsplan findet sich unter climatestrike.ch.

Drei Massnahmen aus dem Kapitel Gebäude und Raumentwicklung:
Massnahme 1.1 : Moratorium auf neue Infrastruktur bis 2030
Von 2021 bis 2030 können keine neuen konventionellen Gebäude und keine neue Verkehrsinfrastruktur gebaut werden. Planung- und Baugenehmigungen beschränken sich auf die Nachrüstung und Renovierung bestehender Infrastruktur und Gebäude. Ausnahmen können vorgesehen werden für: Infrastruktur, die netto positiv ist (reduziert mehr Treibhausgase, als sie bei der Produktion ausstösst), die erneuerbare Energie erzeugt (z.B. Windturbinen), zur Dekarbonisierung des Mobilitätssektors beiträgt (z.B. Fahrradwege), wichtige neue Technologien für den Wandel produziert (z.B. Batterien) oder dringend benötigte öffentliche Infrastruktur darstellt (z.B. Schulen).
Massnahme 3.3: Förderung von biologisch basierten Baumaterialien
Um die Produktion, die Lieferkette und die Verwendung von biologisch basierten Baumaterialien zu fördern, muss jedes neue Bauprojekt in der Schweiz bis 2022 mindestens 50% Holz oder andere organische Materialien wie Hanf oder Stroh enthalten. Dies wird zu einer Verkleinerung des Abbaus und der Produktion von Zement, Stahl, Kalkstein und Eisenerz führen. Zudem bietet diese Massnahme ein erhebliches Potenzial zur Speicherung negativer Emissionen.
Massnahme 3.7: Digitales Materialarchiv und Bauteilemarkt zur Unterstützung zirkulärer Materialkreisläufe
Um klimaneutrales und kohlenstoffspeicherndes Bauen zu fördern, werden Materialkreisläufe benötigt. Das heisst, Bauteile und Materialien sollen vollständig wiederverwertet werden können. Zu diesem Zweck werden ein Bauteile- und Materialaustausch sowie ein nationales Bauteilearchiv aufgebaut.

Mehr zum Thema