Vom Lagerhaus zum Klangraum
In ihrer Semesterarbeit hat die Architekturstudentin Antonia Trager ein ehemaliges Lagerhaus in Antwerpen zu einem Konzertsaal umgestaltet. Im Campus-Beitrag stellt sie das Projekt vor.
Antwerpen hat eine lange Geschichte als bedeutende Hafenstadt. Im Zuge der Industrialisierung wurden ab 1880 die Scheldekais umfassend umgestaltet: Das Flussufer wurde begradigt, vertieft und auf bis zu 100 Meter verbreitert. Davon dienten allein 80 Meter industriellen Zwecken wie der Lagerung, dem Umschlag und dem Transport von Gütern. Zwischen Kattendijksluis und Sint-Michielskaai entstanden Eisenkonstruktionen, um Waren vor Witterung zu schützen – eine neue Architektursprache für den Hafenraum.
Im Stadtzentrum wurden Passagierschiffe und wertvolle Fracht an architektonisch verfeinerten Dächern entladen, während andere Kais funktionaler gestaltet waren. Die einst beliebten Spazierboulevards der Oberschicht verschwanden durch die Hafenexpansion, doch erhöhte Terrassen wurden als Ersatz geschaffen, die Ausblicke auf das geschäftige Hafenleben boten. Diese Terrassen boten der Bourgeoisie eine einzigartige Verbindung von Eleganz und Arbeitermilieu, wodurch das Hafenleben zu einer beliebten Attraktion wurde.
Mein Projekt befasst sich mit einer bestehenden Struktur, die ursprünglich als Lagerhaus für Schiffsfracht genutzt wurde und eine Fläche von 10'500 Quadratmeter umfasst. Äusserlich fällt die durchgehende Abfolge von Satteldächern auf, ein Merkmal, das mein Entwurf beibehalten sollte. Das Gebäude befindet sich am Rande der Altstadt, entlang einer Hauptverkehrsachse, die zum Fluss Schelde ausgerichtet ist. Es wird von zwei historischen Steingebäuden flankiert und ist an einer bestehenden Promenade angeschlossen. Ich habe das Gebäude zu einem Konzertsaal umfunktioniert, der allein im Hauptauditorium Platz für über 1200 Besucherinnen und Besucher bietet. Die neue Fassade ist zum Fluss hin ausgerichtet und schafft einen öffentlichen Raum, in das Publikum verweilen kann, während die Fassade in Richtung Strasse für den Zugang des Personals und die Logistik vorgesehen ist. Zwei architektonische Volumen ragen aus der Struktur hervor und dienen als Ladebereiche für schwerere Güter.
Ein bestehendes hohes Gebäude im Norden fungiert als Orientierungspunkt oder Leuchtturm, der die Passanten in diese Richtung lenkt. Im Norden sind auch Parkplätze geplant. Besucherinnen nähern sich dem Gebäude von den angrenzenden historischen Strukturen her und können es von dort betreten. Im Inneren werden sie dazu ermutigt, sich promenadeartig durch das Gebäude zu bewegen. Die Anordnung der Räume schafft verschiedene Blickpunkte auf den Fluss und die Hauptstrasse. Nicht zugewiesene Bereiche sind als Orangerien gestaltet, die den Eindruck von Aussenräumen vermitteln und während der Konzertpausen als Lounges dienen.
Der grosse Konzertsaal ist eine freistehende Struktur, die die Hauptachse im Gebäude mit ihrer beeindruckenden Grösse unterbricht. Leicht zurückgesetzt ist die Bestuhlung in einem kreisförmigen Amphitheater-Stil angeordnet. Öffentliche Räume befinden sich auf der Westseite mit Blick auf den Fluss, während private Bereiche für das Personal und die Musiker auf der Ostseite liegen. Jeder private Bereich ist so gestaltet, dass er Tageslicht erhält und eine helle und einladende Umgebung schafft. Es entsteht eine Spannung zwischen privaten und öffentlichen Räumen sowie zwischen hellen und dunklen Bereichen.
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* Antonia Trager studiert im 2. Semester des Masterstudiengangs Architektur an der Universität Liechtenstein. Das Projekt entstand im Advanced Studio Craft & Structure: «Antwerp Music Centre» unter der Leitung von Urs Meister und Carmen Rist-Stadelmann.
