Bügle

In ihrer Abschlussarbeit an der Hochschule Luzern zeigt Noelia Giger mit Daten, Objekt und Projektion, wer wie viel unbezahlte Care-Arbeit leistet. Sie berichtet für Hochparterre Campus.

Text: Noelia Giger*
08.05.2026 14:00

Es sind die scheinbar kleinen Gesten, die sich summieren. Rund um die Uhr wird gewaschen, gekocht und betreut. Unbezahlte Care-Arbeit geschieht oft unsichtbar, beiläufig und selbstverständlich. Dieser Alltag ist die Grundlage meiner Abschlussarbeit. Verschiedene Tätigkeiten wie Kochen oder die Betreuung von Kindern werden über Umfragen vom Bundesamt für Statistik in Stunden erfasst und in ihrem monetären Wert geschätzt. Mit diese Zahlen habe ich eine datenbasierte Installation entworfen.

Ausstellungssituation an der Werkschau 2025 an der HSLU DFK in Emmenbrücke: Das Publikum wird vom betrachtenden Gegenüber zum aktiven Teil der Installation. (Bild: Matthias Pfammatter)

  
Die Installation wird durch ein Bügeleisen aktiviert. Die Bewegungen der Betracher*innen werden von einem Sensor registriert. Erst mit dem Bügeln beginnt die Projektion auf der Leinwand zu laufen. Objekte erscheinen, kreisen und verdichten sich. Die Animation ist an die reale Bewegung gekoppelt. Stoppt sie, kommt auch die Visualisierung zum Stillstand. 

Startbildschirm der Projektion mit dem Bügeleisen als Schnittstelle zwischen Körper und Projektion.

 
Der gestalterische Prozess begann mit der Frage, wie sich Zeit und Arbeit sichtbar machen lassen, ohne sie nur zu zählen. In analogen Versuchen habe ich Bewegungen und Spuren des Alltags isoliert und verdichtet. Es entstanden Linien, Flächen und Rhythmen. Die Dauer einer Handlung erzeugte Formen. Aus diesen Beobachtungen entwickelte ich die Idee, die Tätigkeiten als Maschine zu denken, als Abfolge von kontinuierlichen und teils sehr monotonen Abläufen. Parallel dazu nahm ich die Werkzeuge und Bestandteile dieses Systems unter die Lupe. Durch Demontage und Wiederholung von Alltagsobjekten, die stellvertretend für jede Tätigkeit stehen, entstanden Roboterarme, Motoren und Laufbänder.

Links ein Experiment mit einem Schwingbesen und Farbe. Rechts die digitale Umsetzung der Bewegung in Code.

Collage aus einem Alltagsobjekt. Der Staubsauger steht stellvertretend für die Tätigkeit des Putzens und Aufräumens und wird durch Wiederholung zur Maschine.

 
Diese Erkenntnisse liessen sich leicht ins Digitale übertragen. Mit Coding konnte ich Objekte und Bewegungen nun datenabhängig steuern und gestalten. Aus einer Tabelle entstand eine bewegte Visualisierung, die ein Bewusstsein für Umfang und Zeitlichkeit der geleisteten, unbezahlten Care-Arbeit erzeugt.

Waschmaschine im Code: Wiederholung als bewusstes Stilmittel.

Im nächsten Schritt habe ich die Betrachter:innen und die Visualisierung verbunden. Statt die Information nur lesbar zu machen, wollte ich sie erfahrbar machen. Ich habe die analogen Experimente mit den Bewegungen des Alltags verbunden und daraus die Geste abgeleitet, welche die Installation in den Raum bringt: das Bügeln. Mittels eines Bewegungssensors im Innern des Bügeleisens kann ich bestimmen, wann die Visualisierung startet beziehungsweise stoppt. Zeit wird nicht nur dargestellt, sondern als Prozess erlebt. Nur wer arbeitet, sieht die Arbeit. 

Es wird durch die Jahre gebügelt und beim Stoppen wird klar: Ein Grossteil der geleisteten Arbeit wird von den Frauen übernommen. (Bild: Matthias Pfammatter)

* Noelia Giger hat 2025 ihr Studium in ‹Data Design + Art› an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst abgeschlossen.