Die Allee zum Kloster wird zum Klosterplatz. Bei der Gestaltung des Pflasters verbindet sich digitale Modellierungstechnik mit traditionellem Handwerk.
Der zweitwichtigste Marienwallfahrtsort der Schweiz liegt unweit von Basel idyllisch auf einem Juraplateau am Abhang einer Schlucht. Der Weg dorthin führt über den Klosterplatz, gesäumt von einem Ensemble aus Gaststätten, den Gebäuden des Klosterhofs und Gartenanlagen. Zentrum dieser Anlage ist ein lang gezogener Platz, der von der Zufahrt im Westen nach Osten zur Basilika führt.
Bis vor Kurzem fuhren Autos und Busse über diesen Platz, der daher kein angenehmer Ort zum Verweilen war. Wegen der vielen Pilger – pro Jahr sind es durchschnittlich 250 000 – hat Mariastein einen erheblichen Verkehr zu bewältigen. Der Befreiungsschlag gelang 2024, als Pilgerparkplatz und Bushaltestelle weiter nach draussen verlegt wurden. Der Klosterplatz ist damit weitgehend verkehrsfrei. Heute nähert man sich der Anlage auf einem Spaziergang entlang der Klostermauern.
2020 fand ein Wettbewerb um die Neugestaltung der Platzanlage statt. Beauftragt wurde das junge Architekturbüro Atelier Ehrenklau Hemmerling. Die Aufgabe: aus der Strasse mit vielen parkierten Autos einen Platz machen. Die Rahmenbedingungen: Die Baumallee musste erhalten bleiben, der Weg zum Kloster barrierefrei sein. Das Architekturbüro schlug einen Natursteinbelag vor. Zum Platz gehören auch ein Aufenthaltspavillon als Wetterschutz für die Pilgerschaft, ein Aufenthaltsgarten und ein verbesserter Zugang zur Gnadenkapelle. An Ostern 2026 wird der neu gestaltete Platz eingeweiht.
Platzboden lenkt Besuchende mit Farbverlauf
Die neue Gestaltung macht den gesamten Klosterplatz zum einheitlichen und offenen, für alle zugänglichen Raum. Statt einer asphaltierten Strasse zieht sich ein farbiger Steinteppich von Fassade zu Fassade. Die Begrenzungslinien der farbigen Pflasterfelder am Boden sind Beziehungsachsen zwischen den seitlichen Platznischen und Leitfiguren – etwa einem Übersichtsmodell – auf dem Platz. Dazwischen sind die Steine in einem gemischten Farbverlauf verlegt. Unauffällig lenkt so der Platzboden die Besuchenden zum Kloster, vom Profanen zum Sakralen, vom grauen zum roten Stein. Der Zugang zur Gnadenkapelle links der Kirche ist intuitiv. Neu lädt dort eine Mauer mit Sitzbank zur Ruhepause und bietet Platz für weitere Votivtafeln.
Die Linden auf dem Klosterplatz konnten leider nicht erhalten werden. Zu sehr hatten ihnen Streusalz, Verkehr und Versiegelung zugesetzt. In Zukunft haben die acht neu gepflanzten Bäume mehr Platz. Damit der Boden durchlässig ist, sind die Steine in Trasskalk verlegt. Nur die stark mit Autos frequentierte Kreuzung wird mit Zement gefestigt. Weil der Platz leicht nach Norden abfällt, sammelt eine Rinne Wasser, das bei Starkregen vom durchlässigen Belag nicht absorbiert wird.
Drei Steinsorten und sechs Steinfarben wurden gewählt, in einem Farbverlauf von Grau über Gelb zu Rot. Die Auswahl der Steine war ein anspruchsvoller Prozess. An oberster Stelle stand das Prinzip, mit möglichst lokalen und wiederverwendeten Materialien zu bauen. Hier mussten dann einige Kompromisse eingegangen werden. Der Grossteil der verbauten Steine stammt aus Norditalien, was aber immer noch innerhalb des angepeilten Radius der Materialherkunft von 500 Kilometern liegt. Die Auswahl der Steine ist auch eine ästhetische und praktische Frage. Zur Bemusterung und Beurteilung der Steinfarben und -strukturen wurde ein Mock-up gebaut, das auch klärte, welche Steine sich für ein rollstuhltaugliches Pflaster eignen. Durch geschickte Steinwahl ist es nur bei wenigen Steinen nötig, abzuschleifen, damit sie angenehm zu befahren sind, weil die Spaltflächen glatt genug sind.
Ein parametrisches Modell
Die Anlieferung der Steine sollte ressourcenschonend geschehen, das Verlegemuster feine Farbverläufe zeigen. Ehrenklau Hemmerling lösten die Aufgabe in einer Kombination von modernster Modellierungstechnik und altem Handwerk. Zur Planung des Pflasters wurde in Zusammenarbeit mit Wissam Wahbeh, Inhaber Virtual Architecture und Dozent an der FHNW, ein parametrisches Modell erstellt. Es enthielt die Preise, Farbe und Grösse der Steine. So liessen sich die Mischung und Anlieferung der Steine präzise steuern. Das Ziel: möglichst wenige Lastwagenfahrten und eine ästhetisch und preislich optimale Verteilung der Steinsorten. Vor Ort haben die Handwerker übernommen.
Sie verlegen die Steine im Passeverband, einem unregelmässigen, aber doch systematischen Muster ohne durchgängige Fugen. Erfahrung und Meisterschaft der Pflästerer sind der Massstab. Das geht bis ins kleinste Detail. Wo man mehr Verkehr erwartet, ist das Pflaster glatt, bei den Bäumen hingegen rauer. Die Handwerker prüfen jeden Stein ganz genau mit ihren Händen. So wird die Menge an Reststeinen und Rückfuhren minimiert und unauffällig dafür gesorgt, dass Menschen mit Beeinträchtigung einen hindernisfreien Weg vorfinden.
Klosterplatz Mariastein, 2022–2026
Mariastein-Metzerlen SO
– Bauherrschaft: Benediktinerkloster Mariastein
– Auftragsart: Wettbewerb mit Präqualifikation, 2020
– Architektur und Konzept: Atelier Ehrenklau Hemmerling, Zürich
– Landschaftsarchitekten: Jacques Mennel, Zürich (Baumanagement); SMS, Zürich; Grünklang, Winterthur (Beratung, Projektierung und Ausführung); Ludivine Gragy, Berlin (Studienauftrag)
– Ingenieurbüros Pflaster: Märki, Therwil (Tiefbau); Virtual Architecture (Parametrisches Design)
– Bau Pflaster: Arge Klosterplatz
– Baukosten: Fr. 6,2 Mio.



