Neue Bewegungen fordern bessere Arbeitsbedingungen in der Architekturproduktion. In einer Artikelserie analysieren wir den Status quo und Zukunftsszenarien. Den Auftakt macht eine Umfrage.
Überstunden, Nacht- und Wochenendarbeit, unklare Karrierepfade und Praktika für Fertigstudierte, minimale Ferien und Löhne wie im Detailhandel – fragwürdige bis prekäre Arbeitsbedingungen gehören seit Generationen und vermeintlich selbstverständlich zum Architektenberuf. Schon im Studium wird die Bereitschaft zur Selbstausbeutung trainiert. Die Silberrücken der Disziplin predigen, Architektin sei kein Beruf, sondern eine Berufung. «Ich baue nicht wegen des Geldes», sagt Peter Zumthor. «If you want an easy life, don’t be an architect», sagte Zaha Hadid. «Die Arbeit an ‹S, M, L, XL› war beinahe suizidal», gab Rem Koolhaas stolz zu Protokoll.
Sie wollen mitdiskutieren? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil oder schreiben sie uns: Deborah Fehlmann, Palle Petersen. Die Umfrage läuft bis Ende Oktober.
Doch seit einigen Jahren wankt nicht nur das Ideal des grossen Autorenarchitekten. Auch die Arbeitsbedingungen des Systems geraten in die Kritik. Gerade junge Architektinnen und Architekten verstehen sich zunehmend als arbeitnehmende «architectural workers» und fordern faire Löhne, geregelte Arbeitszeiten, eine solide Altersvorsorge und Mitspracherechte. International formieren sich Gewerkschaften und aktivistische Gruppierungen – von der ‹Architekt*innengewerkschaft› (Deutschland) und der ‹unione lavoratrici e lavoratori in architettura› (Italien) über ‹Architectural Workers United› (USA) bis zur ‹Section of Architectural Workers› und der ‹Future Architects Front› (beide UK). Der britische Berufsverband RIBA führt seit einigen Jahren umfassende Umfragen durch und thematisiert branchenweite Missstände. 2021 erhob das ebenfalls britische ‹Architects’ Journal› erschreckende Daten: 48 Prozent der Brancheneinsteiger verdienten weniger als das existenzsichernde Minimum. 9 von 10 Juniormitarbeitenden erhielten keinen Ausgleich für Überstunden. 8 Prozent der Befragten hatten keinen Arbeitsvertrag.
Diese Missstände scheinen tief in der Arbeitskultur des Berufs verwurzelt zu sein. Entsprechend fordern Gruppierungen auf der ganzen Welt die gleichen Verbesserungen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung und Priorität. Ausserdem erkennen fast alle Bewegungen faire Bedingungen in der Architekturproduktion als einen Schlüssel für den Wandel hin zu einer sozialeren und ökologischeren Architektur. In diesem Kontext bedeutet die Bauwende keine technozentrische CO₂-Optimierung, sondern einen Systemwechsel zu einer nicht extraktiven und demokratisch verhandelten Bauwirtschaft. In dieser maximieren sämtliche Stakeholder, ob Grossinvestorin, Bauarbeiter oder Reinigungskraft, gemeinsam gesellschaftlichen Nutzen statt Profite. So das Ziel.
Gemeinsame Umfrage für transparenten Diskurs
Postmarxistische Bauwende und Arbeitskampf der Architektinnen? In der Schweiz kommen soziale Herausforderungen wie üblich eher gedämpft daher. Dennoch tut sich etwas. Die Plattform ‹Kontextur› aus Leipzig, Berlin und Zürich sammelt seit 2019 Daten zu Lohnstrukturen in Architekturbüros und schafft Raum für Debatten rund um Honorare, Arbeitsbedingungen und Machtverhältnisse. Das Kollektiv ‹(non-)Swiss architects› publiziert seit 2021 Fakten, Umfragen und Ergebnisse sowie Erlebnisberichte von Arbeitnehmenden, die oftmals Migrationshintergrund haben. Die Gruppierung Architektur Basel hat Umfrageergebnisse zu Arbeitsbedingungen in der Architektur vorgelegt und engagiert sich seither für einen Generalarbeitsvertrag in der Region Nordwestschweiz. Die EPFL-Professorin Charlotte Malterre-Barthes untersucht am Forschungs- und Entwurfslabor RIOT die Bedingungen der globalen Architekturproduktion. Diesen Sommer ist ihr neuestes Buch ‹On Architecture and Work› erschienen. Längst überfällig, dringt damit doch ein Diskurs an die Öffentlichkeit, der beim Feierabendbier allgegenwärtig ist.
Diesen Diskurs wollen wir in der Serie ‹Arbeitsbedingungen und Architektur› von Herbst 2025 bis Sommer 2026 aufnehmen. Gemeinsam mit oben genannten Akteurinnen und Akteuren beginnen wir nicht mit Feststellungen und Anschuldigungen, sondern mit Fragen: Weshalb nimmt die Debatte um faire Arbeitsbedingungen gerade jetzt international Fahrt auf? Welche strukturellen und kulturellen Gründe stecken hinter dem Status quo? Und vor allem: Wie steht es überhaupt um die Arbeitsbedingungen hierzulande? Die meisten Umfragen und Daten haben angesichts tiefer Teilnehmerzahlen eher anekdotische Aussagekraft. Die letzte Lohnerhebung des SIA ist fast zehn Jahre alt und trifft keine Aussagen zu Ferien- und Überstundenregelungen oder überobligatorischer Altersvorsorge. Wichtige und weiche Themen fehlen weitestgehend: Stresslevel, Wertschätzung, Kommunikation und Transparenz, Mitsprache oder unternehmerische Beteiligungsmöglichkeiten. Um auf einer soliden Basis zu diskutieren, lancieren wir darum gemeinsam die Umfrage ‹Architektur und Arbeitsbedingungen 2025›.
Aussendruck und Hausgemachtes
Die Arbeitsbedingungen in der Architektur haben einerseits äussere Gründe, allen voran die knappe Vergütung von Architekturleistungen. Da sind etwa die Architekturwettbewerbe. Sie sind gerade für junge Berufsleuteein zentrales Akquiseinstrument, bedeuten jedoch auch für gestandene Büros ein Verlustgeschäft. Selbst wer oft gewinnt, bleibt auf unzähligen unbezahlten Arbeitsstunden sitzen und muss sie über laufende Bauprojekte querfinanzieren. Bei Planerwahlverfahren wiederum fehlen branchenverbindliche Stundenansätze, was den Preiskampf unter den Bewerberinnen befeuert. Und da ist der Planungsaufwand, der aufgrund zunehmend komplexer Bauvorhaben, Prozesse und Anforderungen steigt, während die Honorare seit Jahren kaum steigen. Kommt hinzu: Viele Büros klagen über eine Zunahme an Verzögerungen und Projektabbrüchen, was die Ressourcen- und Personalplanung erschwert. Als Folge davon stagnieren die Löhne, selbst in erfolgreichen Büros. Auch Geschäftsleitungsmitglieder verdienen wenig – zumindest gemessen an der Arbeitslast, der Verantwortung und den Löhnen in anderen, auch verwandten Branchen.
Andererseits gibt es selbstgemachte Gründe. Nicht wenige Architekturbüros sind chaotisch und ineffizient, was durchaus zum traditionellen Selbstverständnis des Berufs als Baukunst passt. Schon während des Studiums vernachlässigen die Entwurfsstärksten Wahl- und Freifächer rund um Baumanagement, Verträge, Personal- und Wirtschaftsfragen eher. Danach lernen und leben dieselben Architekten ihr Führungshandwerk nachlässig und nebenher. Eine Firma und ihre Mitarbeitenden sind oft Mittel zum Zweck der eigenen Autorschaft. In den Worten von Mario Botta: «Wenn es etwas gibt, das ich nicht kann, ist es Organisieren.» Oder Valerio Olgiati: «Wenn ich mir wirklich überlege, was ich als Architekt am liebsten mache, ist es das endlose Herumdenken an Projekten.»
Das Resultat sind nicht nur geringe Löhne, sondern auch mangelhafte Möglichkeiten zur Mitsprache, Teilhabe und Weiterentwicklung sowie fehlende Chancen, Verantwortung zu übernehmen. Obwohl Architektinnen ihren Beruf in der Regel als erfüllend und relevant empfinden, verlassen viele erfahrene Köpfe die Branche, während junge Berufsleute die Verantwortung für grosse Projekte schultern müssen. So beisst sich die Katze in den Schwanz.
Umfrage: Zeit, zuzuhören
In dieser Gemengelage gibt es keine einfachen Antworten, keine schwarz-weissen Wahrheiten über Gut und Böse, Opfer und Täter. Immer mehr Architekturbüros mit baukulturellem Anspruch wollen auch gute Arbeitgebende sein. Sie sind es leid, ihre erfahrensten Mitarbeitenden an Bauherrschaften und Ämter zu verlieren, wo Teilzeitarbeit in Verantwortung oft eher möglich ist und die Löhne höher sind. Gerade jüngere Büros denken immer öfter über Besitz- und Beteiligungsverhältnisse, Lohn- und Geschäftstransparenz, alternative Führungsmodelle und flexible Anstellungsbedingungen nach. Denn wie ein Architekturbüro funktioniert, ist keineswegs in Stein gemeisselt.
Dennoch stellt die Serie die Perspektive von Arbeitnehmenden ins Zentrum. Zum einen vertritt der Berufsverband SIA eher Architekturbüros als ihre Angestellten, ebenso ist der BSA ein Verband baukulturell geschätzter Bürochefs. Zum anderen kommen Angestellte medial in der Regel kaum zu Wort, obwohl gute Architektur bekanntermassen eine Teamleistung ist. Es ist darum angemessen, für einmal nicht auf Büroinhaberinnen zu fokussieren. Es ist Zeit, allen zuzuhören.
Sie wollen mitdiskutieren? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil oder schreiben sie uns: Deborah Fehlmann, Palle Petersen. Die Umfrage läuft bis Ende Oktober.
Über Arbeitsbedingungen sprechen
In der Architektur ist das Thema Arbeitsbedingungen besonders unter angestellten Berufsleuten virulent. Verschiedene Akteure weisen auf Missstände hin und fordern Veränderungen, finden bei Fachverbänden und den Medien allerdings wenig Gehör. Das Thema betrifft die gesamte Architekturbranche und prägt die Aussenwahrnehmung des Berufs. Mit einer Umfrage und einer Artikelserie zwischen Herbst 2025 und Frühling 2026 will Hochparterre eine breite Diskussion darüber anstossen. Konzeption und Umsetzung erfolgen in Zusammenarbeit mit folgenden Partnerinnen:
Architektur Basel ist ein Kollektiv aus praktizierenden Architekturschaffenden, die seit 2015 die bauliche Entwicklung in und um Basel kommentieren. Ende 2022 machten sie eine Umfrage zu den Arbeitsbedingungen, die Hochparterre ausgewertet und publiziert hat. In der Serie berichtet das Kollektiv über seine Bemühungen für einen regionalen Gesamtarbeitsvertrag nach dem Vorbild Kanton Waadt.
Kontextur ist eine unabhängige Plattform an der Schnittstelle von Architektur, Baukultur und Gesellschaft. Seit 2019 kuratieren die Macherinnen und Macher Interviews, Essays und einen Podcast. Sie reagieren auf Leerstellen im Architekturdiskurs und erarbeiten Inhalte mit ihrer Community, unter anderem zu Lohnstrukturen und Arbeitsbedingungen. In der Serie stellen sie die Umfrageergebnisse in den Kontext gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen und analysieren den Wandel der Lebensperspektiven von Architekturschaffenden, ihr Rollen- und Selbstverständnis.
Charlotte Malterre-Barthes ist Urbanistin und Professorin an der EPFL, wo sie im Rahmen des Forschungs- und Entwurfslabors RIOT den Zusammenhang zwischen Ressourcenverbrauch, der gebauten Umwelt und den intersektionalen Bedingungen der Architekturproduktion untersucht. Als Mitgründerin der Parity Group hat sie sich zuvor an der ETH Zürich für Chancengleichheit und den Kampf gegen Machtmissbrauch engagiert. In der Serie stellt sie alternative Unternehmensformen für Architekturbüros vor und zeigt den Einfluss des Geschäftsmodells auf die Architektur auf.
(non-)Swiss Architects ist ein Kollektiv von Arbeitnehmenden mit und ohne Migrationshintergrund. Seit 2021 engagieren sie sich für bessere Arbeitsbedingungen. Auf Instagram posten sie Fakten, Umfrageergebnisse, Forderungen und anonyme Erlebnisberichte. Ausserdem organisieren sie Veranstaltungen im Raum Zürich. In der Serie erzählen sie die Geschichte eines ihrer Mitglieder, das nach dem Studienabschluss ein Praktikum in einem namhaften Schweizer Büro antrat und bald das ungute Gefühl hatte, ausgenutzt und diskriminiert zu werden.






