Er liebte die Provokation: Am 17. Juni ist der Architekt, Städtebauer und Theoretiker Leon Krier gestorben. Eine Erinnerung von Stanislaus von Moos.
Es brauchte vermutlich die Ölkrise der Jahre nach 1970, um in der Architektenwelt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welches der Preis des vorausgegangenen «Wirtschaftswunders» gewesen war: die erbarmungslose Citybildung in den historischen Innenstädten, die unabsehbaren, bis an die Waldränder ausufernden Einfamilienhausweiden, möglich geworden durch das Auto, und die vervielfältigte «Einöde» der vielen Wohnsilos im Grünen. Doch die Gegenbewegung hatte im Grunde schon etwas früher eingesetzt: «Zurück zur Stadt», bzw. «in die Stadt», so lautete unter den Eingeweihten der Rappel à l'ordre. Für sie war Aldo Rossis L'architettura della città (1966) der Schlüsseltext dazu.
Glaubte man (glaubten wir alle) wirklich daran, der nach dem 2.Weltkrieg heillos beschleunigte (Ent-)Urbanisierungsprozess liesse sich rückgängig machen, sogar umkehren? – Unterfüttert durch soziologische Feldforschung und genaues Hinsehen auf das Funktionieren alter Städte setzte jedenfalls ein vielstimmiger Bilderkrieg ein, mit dem Ziel, dem unscharf gewordenen Begriff «Stadt» wieder ein Gesicht zu geben. Es gelte, die überlieferten Hierarchien von öffentlichem und privatem Raum, d. h. von Strasse, Arkade, Park einerseits und Wohnung andererseits wiederherzustellen. Unter den Vielen, die in diesem «Krieg» Position ergriffen, war Leon Krier derjenige, der mit Wort und Bild den Stier am entschlossensten an den Hörnern packte. Und dieser hatte ja auch einen Namen. Er lautete: Le Corbusier.
Krier kannte sich bei ihm aus wie kaum jemand. Er machte sich sowohl Le Corbusiers apodiktischen Sprachduktus zu eigen als auch dessen Technik der Vergegenwärtigung des schönen Lebens in den Städten der Zukunft mittels biedermeierlich gezeichneter Veduten. Ein Beispiel ist Kriers Entwurf für das Quartier de la Villette in Paris (1976). In der Sache orientiert sich das Projekt an Otto Wagners Ausbauplan für den XIII. Wiener Gemeindebezirk (1911), doch für die Überblicksdarstellung des Projekts wählt der Architekt ungefähr den Blickpunkt, den ein Flugkapitän kurz vor der Landung auf den Champs Elysées einnehmen würde, also jenen der bekannten Darstellungen von Le Corbusiers fünfzig Jahre älterem Plan Voisin (1925). Nur eben, was bei Le Corbusier öffentlicher Freiraum war, ist jetzt dicht überbaute städtische Substanz, und wo bei LC Limousinen über die Rollbahnen sausen, da flanieren bei LK stolze Bürger entlang schattenspendender Arkaden (Abb. 2; das berühmte «Panoramabild» zum Projekt ist auf einer Doppelseite in dem von Maurice Culot und Leon Krier herausgegebenen Kultbuch Rational Architecture Rationelle, 1978, reproduziert).
Krier ist 1946 in Luxemburg geboren. Der Vater ist Herrenschneider, der u. a. den höheren katholischen Klerus seines Landes ausstaffiert. Die Mutter stammt aus einem Geschlecht von Tiroler Zimmerleuten. Leon träumt davon, Pianist zu werden, schliesst sich dann aber doch seinem älteren Bruder Rob an, um in Stuttgart ein Architekturstudium aufzunehmen. Nach einigen Monaten bricht er dieses wieder ab und macht sich an die Arbeit an diversen Bau- und Städtebauprojekten, allesamt für die Schublade. Durchaus im Gegensatz zu Rob macht er aus der Not kurzerhand eine Tugend und beschliesst, fortan nur noch zu zeichnen. In Berlin taucht er in die Studentenszene ein und wird zum Revoluzzer. Man könne nicht Architekt sein und obendrein noch bauen wollen, meint er. Eines Tages schickt er James Stirling in London ein Konvolut seiner Arbeiten. Stirling ist zu diesem Zeitpunkt mehr als nur offen für Kriers Ansinnen, die ausgelatschten Stereotypen der Moderne auf dem Umweg über eine neu ins Visier zu nehmende Historie zu überwinden bzw. neu mit Pathos aufzuladen. Er geht mit Krier eine Zusammenarbeit ein; Projekte wie der Hauptsitz von Siemens in München (1969) oder das Stadtzentrum von Derby (1970) sind die Folge. Beide wurden nicht realisiert.
1978, gleichzeitig mit Rem Koolhaas' Delirious New York, erscheint in Brüssel das bereits erwähnte Manual Rational Architecture Rationaliste. The Reconstruction of the European City. Die beiden Bücher vertreten beileibe nicht dasselbe Programm, doch die darin eingestreuten Bildgeschichten – die Realität schinkelesk verzaubernd bei Krier, sie gespenstisch ins Surreale verdrehend bei Madelon Vriesendorp – sprechen eine analoge, augenzwinkernde Bilderbuchsprache. Es ist die Zeit, wo im Medium Architekturvedute Geschichten erzählt und Geschichte geschrieben wird. Etwa die Legende von dem grossen, überdeckten Gemeinschaftshof in der künftigen Stadtmitte und dem drei Mehrfamilienhäuser hohen Auslugposten dahinter: für wen? Für die Stadtväter? Oder für die glücklichen Bürger der Stadt? Oder für die Touristen von Übermorgen (Abb. 3)?
1986 macht sich das Bilderbuchmärchen auf den Weg in die Realität. Es kommt zu einem Zusammentreffen Leon Kriers mit dem damaligen Prince Charles, dem heutigen König von Grossbritannien. Man hatte sich in einer Ausstellung von Vorschlägen für das Londoner Quartier Spitalfields Market kennengelernt. Anlässlich eines anschliessenden Treffens mit dem Architekten soll der künftige König mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ausgerufen haben: «How can I build Krier Town?» Etwas später beauftragte er den Letzteren mit dem Masterplan für eine 6000-Personen-Stadt in Dorset. Krier legte dem Örtchen die Formensprache einer englischen Kleinstadt aus dem 18. Jahrhundert zugrunde, was natürlich innerhalb der Architektenzunft für gnadenlosen Spott sorgte. Man verglich die Operation mit dem «Hameau» in Versailles, wo sich Königin Marie-Antoinette mit ihren Hofdamen mit der Imitation bäuerlicher Beschäftigungen vergnügte. Sieht man von der nostalgischen Bildersprache ab, entspricht das Unternehmen hinsichtlich der funktionalen Durchmischung, der klugen Dosierung von Hoch- und Flachbau sowie der «walkability» etwa dem, was die ökologisch aufgeklärte Schulmeinung seither weitherum als Standard für Quartierplanung übernommen hat.
Der Clou bei Leon Krier ist allerdings die exzentrische Präziosität des architektonischen Entwurfs und die penibel durchgesetzte Kontrolle der Ausführung. Wie hatte es der Abbé Laugier 1755 formuliert: «...si l'on veut qu'une ville soit bien bâtie, il ne faut point abandonner aux caprices des particuliers les façades de leurs maisons.» Die Maxime blieb unwidersprochen bis in die Gartenstadtbewegung des frühen 19. Jahrhunderts und darüber hinaus. Der «New Urbanism» und sein Bijou, das schon einige Jahre vor Poundbury realisierte Ferienresort «Seaside» in Florida (1982) gehört in diesen Zusammenhang. Kein Wunder berufen sich die Erbauer, Elizabeth Plater-Zyberk und Andres Douaney direkt auf Krier. Auch für sie ist «Klassik» der Goldstandard im guten Bauen und traditionelles Handwerk der Weg, auf dem man diesen erreicht (Abb. 4). Altmodisch, elitär und auf dem Umweg über die US-amerikanische Tradition eurozentrisch, sind solche Kriterien vielleicht nicht die Lösung für jeden Fall von Städtebau; immerhin sind sie ein untrüglicher Massstab, an dem sich der Grad an Verwilderung messen lässt, die im «Schaum» heutiger Tourismusarchitektur zwischen Pontresina, Andermatt und anderswo Urstände feiert.
Klar schluckt man noch heute leer beim Durchblättern von Kriers opulenter Speer-Monografie von 2013. Andererseits hat er ja einen Punkt, wenn er daran erinnert, wie problemlos wir einerseits den «Nazi-Klassizismus» tabuisieren und andererseits mit der Nazi-Technologie (Beispiel VW) klarkommen. Sein jüngstes Projekt trägt den Arbeitstitel «Le Corbusier after Le Corbusier». Krier ging die sieben Bände des Oeuvre complète noch einmal durch und unterzog einige der weltbekannten Projekte aus dem Atelier an der Rue de Sèvres einer historisierenden «Korrektur» (Abb. 5 und 6). Warum ist das Buch bis heute nicht erschienen? – Nun ja, Corbusiers Pavillon de l'Esprit Nouveau von 1925 nachträglich in ein «Grotto ticinese» zu verwandeln mag auf den ersten Blick wie ein Jux erscheinen und ist es in gewisser Weise auch. Und doch: Ist das entsprechende Verfahren inzwischen nicht längst ökologischer Common Sense? – Ganz abgesehen davon, dass man Kriers hermeneutisches Experiment ja auch als Methode verstehen kann, die klassische und humanistische DNA im Denken und Schaffen des Meisters und darüber hinaus sogar einer bestimmten Vorstellung von Moderner Architektur offenzulegen.


Und weiter: Gehört es nicht zur Logik kritischer Intelligenz, in der eigenen Position auch die Gegenposition mitzubedenken, ohne die es Erstere gar nicht gäbe? Vielleicht hat keine Freundschaft Kriers Selbstverständnis so sehr geschärft wie jene mit Peter Eisenman, den er 1977 in einem Porträt freundschaftlich als «Homo Americanus» apostrophierte, und die in einer der merkwürdigsten Doppelausstellungen der Postmoderne ihre Erfüllung fand (Yale School of Architecture, 2002). Krier liebte die Provokation. Welch ein stimmiges Paradox, dass unter seinen Studentinnen an der AA in London ausgerechnet Zaha Hadid Weltruhm erreichte. Die, die ihn kannten werden seine ebenso luziden wie erbarmungslosen Einschätzungen zum Stand der Dinge genau so wenig vergessen wie den Schalk in seinen Augen. Leon Krier ist am 17. Juni 2025 auf Mallorca gestorben.


