«Akustik ist keine exakte Wissenschaft – das macht sie so reizvoll»
Clemens Kuhn-Rahloff hat die neue Norm SIA 181/1 ‹Raumakustik› mitentwickelt. Der Akustiker darüber, was Schallschutzvorschriften mit Kultur zu tun haben und weshalb uns selbst ein leises Gespräch ablenkt.
Herr Kuhn-Rahloff, was ist ein akustisch guter Raum?
Clemens Kuhn-Rahloff: Im Gegensatz zum visuellen Raum, der physisch vorhanden ist, braucht der akustische Raum immer eine Schallquelle, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Passiert in einem Raum nichts, ist auch die Akustik nicht da. Akustik ist also immer mit Interaktion verbunden, oft mit sozialer Interaktion. Die entscheidende Frage für die akustische Qualität ist, ob diese Interaktion erwünscht ist oder nicht. Anders gesagt: Ein Raum ist dann gut, wenn er erstens entsprechend seinem Zweck das Bedürfnis nach sozialer Interaktion oder Rückzug erfüllt. Das gilt für den Konzertsaal genauso wie für das Büro, den Stadtpark oder die Eigentumswohnung. Zweitens – und da sind wir bei der Architektur – gibt ein guter Raum den Nutzenden in gewissem Mass die Möglichkeit zu wählen, wo im akustischen Raum sie sich aufhalten wollen. Es stellt sich also die Frage, wie viel akustische Privatsphäre die Nutzenden für konzentriertes Arbeiten, für Gespräche oder zum Entspannen benötigen. Dem muss der Raum mit verschiedenen Modulationen entsprechen.
Und wie plant man einen solchen Raum?
Es gibt Normen, deren Zweck es ist, die Gebrauchstauglichkeit zu garantieren. Das ist richtig und wichtig, doch akustische Planung ist viel mehr als das: Jemand muss eine Vorstellung davon entwickeln, wie ein Gebäude klingen soll. Was machen die Menschen in diesem oder jenem Raum? Wie funktioniert das Gebäude als Ganzes? Wie empfängt es einen, wie bewegt man sich darin, wen trifft man in welchem Rahmen an? Und entspricht all das dem, was man erwartet? Akustik ist keine exakte Wissenschaft – das macht sie für mich so reizvoll.
Wie meinen Sie das?
Ein Gebäude ausschliesslich nach akustischen Vorgaben zu planen, ist im Grunde nicht besonders komplex. Spannend wird es in dem Moment, wenn Akustik, Architektur, Statik und Brandschutz zusammengebracht werden müssen. Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht darin, Zielkonflikte in der Gestaltung der Räume, ihrer Geometrie und Materialisierung zu lösen. Hinzu kommen die erwähnten Fragen zum Zweck des Raums und wie wir uns diesen annähern. Bei Raumakustik denken viele zuerst an Absorption, doch oft gibt es ganz andere Möglichkeiten, um Akustik zu gestalten und akustische Konflikte zu entschärfen. Ein klassisches Beispiel ist die Grossraumbüroplanung: Was stört dort? Die Gespräche, klar. Ausserdem stören aber auch Schritte im Korridor, die Kaffeemaschine, der Drucker, die Tür, die ständig auf- und zugeht. Akustische Planung heisst folglich auch, zusammen mit der Arbeitsplatzplanerin zu überlegen: Muss diese Korridorzone hier durchführen? Welches Team arbeitet hier? Lässt es sich umplatzieren? Kann der Bodenbelag im Korridor weich sein? Braucht die Druckerzone eine Tür? Hier geht es nicht um die Erfüllung von Normen, sondern um ein Verständnis davon, was den Raum ausmacht.

Sie haben die akustischen Bedürfnisse und Erwartungen der Menschen angesprochen. Sind diese universell oder gibt es da kulturelle Unterschiede?
Die gibt es. In Japan etwa sind Paravents als Raumteiler verbreitet. Sie haben zwar eine Sichtschutzfunktion, sind aber akustisch transparent. Und Grossraumbüros sind in Japan nicht nur akzeptiert, sondern werden erwartet. Es gibt dort viel weniger Rückzugsräume als in den Büros in Mitteleuropa. Besonders im deutschsprachigen Raum ist der Wunsch nach Einzelbüros stark verbreitet. Türen haben hier eine akustische Wirkung – wir schliessen sie zuverlässig, zumindest dann, wenn wir Gespräche führen. Auch unsere Schallschutzanforderungen im Wohnungsbau sind im internationalen Vergleich eher hoch. All das ist kultureller Ausdruck des hohen Werts, den wir der Privatsphäre beimessen.
Im Hochparterre-Grossraumbüro arbeitet sicher die Hälfte der Leute mit Kopfhörern, um sich konzentrieren zu können. Anderen scheint die Geräuschkulisse weniger auszumachen. Die Bedürfnisse scheinen sich auch individuell stark zu unterscheiden.
Es ist bekannt und mehrfach wissenschaftlich belegt, dass Menschen durch Geräusche in ihrer Aufmerksamkeit unterschiedlich gestört werden. Tückisch ist, dass viele von uns sich der Störung gar nicht bewusst sind. Um beim Beispiel Grossraumbüro zu bleiben: Die Leute beklagen sich häufig darüber, dass es zum Arbeiten zu laut sei. Doch die Lärmbelastung ist im Büro – anders als zum Beispiel in einem Restaurant – meistens nicht das Problem. Was uns ständig ablenkt und damit ermüdet, sind die Gespräche der anderen. Diese müssen nicht einmal laut sein. Sobald Sprache verständlich ist, lenkt sie uns ab.
Weshalb sind selbst die belanglosesten Gespräche anderer Leute für unsere Konzentration so fatal?
Sprache ist für die menschliche Kommunikation zentral, entsprechend ist unsere Wahrnehmung darauf ausgelegt. Unser Arbeitsgedächtnis verfügt über die ‹phonologische Schleife›. Vereinfacht gesagt, handelt es sich dabei um einen Speicher, der uns erlaubt, ein paar Sekunden in die Vergangenheit zurückzugehen und das Gesagte abzurufen, ohne bewusst zugehört zu haben. Wir alle kennen das: Man ist bei einem Apéro und unterhält sich mit seinem Gegenüber, als plötzlich irgendwo neben uns der eigene Name fällt. Augenblicklich verlagern wir unsere Aufmerksamkeit dorthin, folgen dem Gespräch und sind vielleicht sogar in der Lage, die letzten paar Worte zu rekonstruieren. Weil wir lediglich ein Sprachzentrum haben, verstehen wir nun allerdings nichts mehr von dem, was unser Gegenüber sagt. Das Gleiche passiert im Büro. Unwillentlich und oft unbemerkt ziehen Stimmen unsere Aufmerksamkeit auf sich – es könnte ja etwas Wichtiges gesagt werden. Unsere Sprachverarbeitung wird dadurch ständig gestört. Die Fehlerrate beim Schreiben eines Textes steigt, wir müssen immer wieder ein paar Zeilen zurückspringen, es wird anstrengender.
Zugleich sind die Offenheit und die Möglichkeit des schnellen Austauschs ja auch Vorzüge des Grossraumbüros. Gibt es bessere Lösungen als Kopfhörer, um mit dem Zielkonflikt zwischen konzentriertem Arbeiten und Austausch umzugehen?
Verhaltensregeln und die Ausgestaltung von unterschiedlichen Arbeitszonen wie abgetrennte Sitzungszimmer für interaktives Arbeiten und Rückzug. Nebst dem akustischen Komfort hat eine solche Zonierung den Effekt, dass die Nutzenden eine gewisse Kontrolle über ihre Umgebung erlangen. Und das zeigt Wirkung: Einzelfallstudien lassen den Schluss zu, dass ein Büro unter gleichbleibenden akustischen Bedingungen tendenziell besser bewertet wird, wenn die Menschen dem Lärm nicht passiv ausgeliefert sind, sondern mit ihrem Verhalten darauf reagieren können. Nebst der Zonierung gibt es drei klassische Massnahmen, die in den meisten Fällen sinnvoll sind: ein vorhandenes Grundgeräusch, Stellwände und eine hochabsorbierende Decke.

Was bewirken diese drei Massnahmen?
Ein Beispiel: Das vergleichsweise leise Grundrauschen einer Lüftung sorgt dafür, dass Sprache ab einer gewissen Distanz nicht mehr verständlich ist – wir sprechen in der Akustik von einem Maskieren der Sprache mit einem anderen Geräusch. Damit schaffen wir einen akustisch privaten Raum, ohne ein Hindernis zu errichten. Die Stellwände unterbrechen die direkte Schallausbreitung. Diese zweite Massnahme zeigt allerdings nur in Kombination mit einer hochabsorbierenden Decke eine massgebliche Wirkung. Bleibt die Decke reflektierend, überträgt sie den Schall über weite Distanzen.
Sie waren Mitglied der Gruppe, die die SIA-Norm 181/1 ‹Raumakustik› ausgearbeitet hat. Gemäss der neuen Norm ist das entscheidende Kriterium für die Gebrauchstauglichkeit immer die Nachhallzeit, egal, ob es sich um einen Vortragssaal, ein Restaurant, ein Büro oder eine Sporthalle handelt. Weshalb ist die Nachhallzeit so ausschlaggebend?
Die Zielsetzung ergibt sich aus der Nutzung des Raums. Die Nachhallzeit dient lediglich als Mittel zum Zweck. So steht in einem Vortragssaal die Sprachverständlichkeit im Fokus: Wenn eine Person vorne spricht, soll auch das Publikum in der hintersten Reihe sie verstehen können. Das erreichen wir, indem günstige Reflexionen übertragen und ungünstige absorbiert werden. In einem Restaurant hingegen heisst das Ziel Lärmbekämpfung: Um eine gute Aufenthaltsqualität zu bieten, muss der Schallpegel insgesamt in einem annehmbaren Rahmen bleiben. Dazu müssen wir ausreichend Absorption in den Raum bringen, was meistens über die Decke geschieht. Diesbezüglich spannend ist die Tatsache, dass etwa hochabsorbierende Decken den Lärmpegel in Restaurants signifikant mehr senken, als aufgrund ihrer akustischen Eigenschaften zu erwarten wäre. Grund dafür ist der Lombard-Effekt. Er beschreibt die Tatsache, dass wir immer lauter reden, je lauter es um uns herum wird. In manchen Restaurants ist das typisch: Der Abend fängt ruhig an, und je voller es wird, desto mehr schreien sich alle an, bis sie heiser sind. Für Menschen ohne Hörbeeinträchtigung ist das einfach nur anstrengend, doch Menschen mit Hörgeräten haben in so einem Raum keine Chance, etwas zu verstehen. Gerade für sie ist eine gute Absorption deshalb matchentscheidend.
Inklusion ist auch ein Kernthema der Norm SIA 181/1. Was erwartet uns diesbezüglich?
Bis anhin planten wir hier in der Schweiz meist mit der DIN 18041 ‹Hörsamkeit in Räumen›. Die SIA 181/1 ist eng an die deutsche Norm angelehnt, dabei jedoch straffer und einfacher in der Handhabung. Zudem haben wir einige Details an die Schweizer Gegebenheiten angepasst. Der entscheidende Unterschied liegt tatsächlich im Aspekt der Inklusion. Zwar legt die DIN 18041 Zielwerte für Inklusion fest, lässt jedoch offen, wo diese im Einzelfall anzuwenden sind und wo nicht. Die SIA 181/1 geht dagegen von Inklusion als Standard aus. Damit macht sie, was in der DIN-Norm im Kleingedruckten steht. Diese empfiehlt nämlich den Standard für Inklusion nicht nur, wenn Personen mit Schwerhörigkeit zu den erwarteten Nutzenden zählen, sondern beispielsweise auch Fremdsprachige oder Menschen mit Konzentrations- und Leistungsbeeinträchtigungen oder Sprach- und Sprachverarbeitungsschwierigkeiten. Führt man sich einmal vor Augen, auf wie viele Menschen eines dieser Kriterien zutrifft, ist Inklusion als Standard die einzig konsequente Lösung.
Dieses Interview ist Teil des Hochparterre Themenhefts ‹Raum hören›, das dem Hochparterre Heft 3/2026 beiliegt. Das Themenheft entstand in Zusammenarbeit mit der Firma Kustik.
Clemens Kuhn-Rahloff
Der diplomierte Toningenieur und Akustiker hat an der Technischen Universität Berlin promoviert und befasst sich als Partner bei Gartenmann Engineering in Zürich schwerpunktmässig mit Raumakustik, Schallschutz und Elektroakustik. Daneben lehrt er Akustik an der FHNW und der ZHdK und ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Akustik SGA-SSA.
Norm SIA 181/1 ‹Raumakustik›
Die Norm SIA 181/1 ist am 1. Februar 2026 erschienen. Anlass für die Erarbeitung der neuen Norm gab die 2020 überarbeitete Norm SIA 181 ‹Schallschutz im Hochbau›, die im Gegensatz zur Vorgängerversion keine Anforderungen zur Raumakustik mehr enthält. Die Anforderungen der SIA 181/1 orientieren sich stark an der deutschen Norm DIN 18041:2016 ‹Hörsamkeit in Räumen›, die in der Schweiz als Arbeitsinstrument weit verbreitet ist. Jedoch stellt die neue Norm eine Gestaltung nach dem Prinizp ‹Design for all› ins Zentrum, indem sie die Anforderungen für Inklusion nicht wie bisher als Zusatz betrachtet, sondern zum neuen Standard erklärt.